Beispiel zur Kritik an Kants Ethik?

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Der kategorische Imperativ Kants lautet: ‚Handle stets so, dass das Prinzip deines Handelns zugleich ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte!’

Diese Handlungsanweisung Kants müsste eigentlich von jedem vernünftigen Menschen  anerkannt werden (und da wir Menschen eine Vernunft mitbekommen haben, sollten wir sie auch anwenden und „nicht in uns verschimmeln lassen“ [Hamlet, 4. Akt].

Zum Beispiel ist es nicht vernünftig, bei Geldmangel einfach eine Bank oder einen Nachbarn zu überfallen, denn keiner möchte, dass so etwas zu einem allgemeinen Gesetz erhoben wird. Man müsste dann wollen, dass man selbst auch ohne weiteres von einem Nachbarn bestohlen werden darf. Genauso ist es mit allen anderen moralischen Grundsätzen: Verbot von Mord, Betrug, Verleumdung (wer will schon, das er selbst verleumdet werden darf?), Mobbing, Lüge (Ausnahme: Notlüge), Ehebruch (wer will schon, das sich jemand mit der eigenen Ehefrau, dem eigenen Ehemann einlässt, es sei denn sie / er ist pervers?), Verrat, Treulosigkeit u.a.m. Der Terrorismus ist auf jeden Fall auch unmoralisch i.S. des kategorischen Imperativs.

Schiller hat den Kantschen Rigorismus kritisiert, weil er auch edle Gefühle nicht zulasse. Singer akzeptiert zwar die Auffassung, dass es moralische Normen gibt, denen man eine „kategorische“ Geltung zuerkennen muss. Aber er kritisiert Kant insofern, als dieser die als richtig erkannten universell gültigen Normen (z.B. Diebstahl ist verboten, weil unmoralisch) mit einem Imperativ versieht. Er sieht darin eine unzulässige „Rigorosität“ Kants. Z.B. darf ich nicht lügen. Wenn ich aber nur durch eine Lüge (gegenüber einem Verbrecher) Menschenleben retten kann, muss ich gegen eine Moralnorm verstoßen. Singer hat m.E. Recht. Es muss auch Ausnahmen von einer als richtig erkannten kategorischen Moralnorm geben (z.B. die Notlüge, die Notwehr, den Notstand: Beispiel: der Fall des Mörders Gäfgen), und diese Ausnahmen haben dann auch den Charakter eines kategorisch gültigen sittlichen Prinzips. Ich darf einen Mörder anlügen, wenn das der einzige Weg ist, um Menschenleben zu retten. Meine Lüge ist dann moralisch wertvoll. Darf ich aber Menschen (Politiker) umbringen um eines höheren Zieles willen? (Baader-Meinhof-Terrorismus). Ich schließe mich hier Hegel an: Moralisch wertvoll ist ein Handeln nur, wenn das Ergebnis moralisch ist. Wenn das Ergebnis Mord und Totschlag ist, kann das nicht moralisch wertvoll sein. Ein weiterer Einwand gegen den kategorischen Imperativ ist der Vorwurf der "Blauäugigkeit". Es gibt doch nur sehr dürftige Spuren von Moralität unter den Menschen - hat schon Schopenhauer festgestellt, und auch wir selbst können das immer wieder beobachten. M.a.W.: die Pflicht, (moralisch) gut zu sein, könnte den Menschen überfordern, aufgrund seiner animalischen Natur (die von der Vernunft nur mühsam unter Kontrolle gehalten wird). Hierzu gibt es auch eine philosophische Erklärung, und zwar von Hegel (der ebenfalls Kant kritisierte): Hegel sagt über den Verlauf der Weltgeschichte, es sei eine stetige Höherentwicklung zu immer mehr Vernunft und Freiheit zu beobachten (Rückschläge eingeschlossen). Diese Höherentwicklung schlage sich in den freiheitlichen Institutionen nieder, welche für Recht und moralische Ordnung sorgen. Er nennt diese moralische Ordnung "Institutionenethik"; ihr unterwirft sich der nach Freiheit strebende Mensch. Mehr als diese Institutionenethik kann man auf dieser Welt nicht erreichen. Die Pflicht jedes Einzelnen, moralisch gut zu handeln, ist nicht durchsetzbar. Wer es doch versucht, landet im Terror (s. Tugendterror in der Französischen Revolution). Zur Katastrophe in Japan:  M.E. hat die japanische Regierung unmoralisch gehandelt, da sie zugelassen hat, dass ein Kernkraftwerk in einer erdbeben- und tsunamigefährdeten Zone erbaut wurde; außerdem hat sie nicht richtig kontrolliert, ob die Notstromaggregate (für die Kühlung) so konstruiert bzw. platziert waren, dass sie trotz Tsunami funktionieren konnten. Auch die Bevölkerung ist wegen der Gefahren der Kernenergie nicht ausreichend sensibilisiert worden (sei es durch Parteien oder eine Grünenbewegung).

Ok Vielen Dank zunächst!

EIne Frage habe ich an dich aber noch.

Wie(und warum!) würde der kat. Imp. den Bau von AKW's in Beben-gefährdeten Regionen bewerten?

Kann ich sagen: 

Der Bau un Betrieb von AKW's in Beben-gefährdeten Regionen könne nicht als allgemeines Gesetz gelten. 

 

Wäre es so richtig, wenn ja warum?

Ich sehe dan keinen Beweis, ohne auf heteronome!! Werte wie z.B. Sicherheit zu verweisen.

Es könnte genauso heißen: Der Bau und Betrieb von AKW's könne als allgemeines gesetz gelten.

Is wichtig! ;-) Danke!

 

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@Clemensus

Der Bau von AKW's in bebengefährdeten Gebieten ist unverantwortlich bzw. unmoralisch. Denn niemand, vor allem diejenigen nicht, die in bebengefährdeten Gebieten leben, möchten, dass ein allgemeines Gesetz erlassen wird, Kernkraftwerke dürften auch in bebengefährdeten Gebieten errichtet werden. Eine derartige Zustimmung zu solchen unverantwortlichen Baumaßnahmen wäre unvernünftig.

Dieses Argumentieren mit der Vernunft ist das Eigentliche, worauf es beim Kat. Imp. ankommt. Denn einer, der weit weg von dem Gebiet wohnt, könnte ja sagen: Ist mir egal!

Das unterscheidet den Kat. Imp. auch von der goldenen Regel: Tue einem anderen nichts an, was man auch dir nichts antun soll. Z.B. Das Schlagen eines anderen soll man nicht zulassen.

Doch die goldene Regel greift nicht immer. Ein Schwergewichtsboxer sagt sich: wegen mir könnte man ein Gesetz  ' Das Schlagen eines anderen ist erlaubt!' zulassen. Nach dem kateg. Imp. jedoch ist das gesetzliche Zulassen des Prügelns "aus Vernunftgründen" unzulässig.

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An Clemensus: Ist klar, der Bau und Betrieb von AKW’s in bebengefährdeten Regionen kann niemals ein allg. Gesetz sein, weil dann nicht nur die Bevölkerung des betr. Landes, sondern auch der umgebenden Länder gefährdet sind. Deshalb darf ich, die jeweilige Regierung, solche AKW’s (am Meer oder in bebengefährdeten Gebieten) nicht genehmigen. Ob der Bau und Betrieb von AKW’s überhaupt noch moralisch zu rechtfertigen ist? Nach Fukushima wohl kaum noch. Die Bundesregierung hat deshalb ja auf neue AKW’s verzichtet, Italien ist meines Wissens auch dazu bereit. Wie aber ist es mit Frankreich? Frankreich ist stark von der Kernenergie abhängig. Wenn der Verzicht auf Kernenergie zur erheblichen Einbuße an Lebensstandard führt, was dann? Eine Öko-Regierung würde dann vermutlich durch Wählervotum weggefegt, denn die meisten wollen auf Laptops, I-Phones, I-Pods, Wasch- und Spülmaschinen, ständig laufende Fernseher etc nicht verzichten. Außerdem: wenn Strom von den AKW’s eines Nachbarlandes hinzugekauft werden müsste, hätten die Wähler von einer Grünenregierung endgültig die Nase voll. Hier sieht man, der kategorische Imperativ kann in AKW-Fragen nicht rigoros, d.h. als Imperativ angewandt werden. Hier muss man die Institutionenethik Hegels heranziehen: Wenn das Menschenmögliche an Sicherheit getan ist, kann ein allgemeines Gesetz (zum Bau bzw. zum Betrieb eines AKW) erlassen werden. Dieses Gesetz ist „ethisch“ (aber nicht moralisch im „rigoros-imperativen Sinne“) zu vertreten; der Einzelne muss sich ihm unterwerfen.   

Hallo! Zu dem kategorischen Imperativ noch eine Ergänzung: Schillers Einwand gegen den kategorischen Imperativ (er lasse auch edle Gefühle, soweit sie gegen moralische Normen verstoßen, nicht zu) ist relevant und nur schwer zu widerlegen. Z.B. eine Frau liebt einen verheirateten Mann leidenschaftlich und bedingungslos. Sie rechtfertigt sich vor sich selbst, indem sie „kategorisch“ erklärt, dass es sich bei dieser Liebe um edle Gefühle handelt. Da sie den Mann unbedingt haben will, zerstört sie dessen Ehe. Die verlassene Ehefrau kommt nicht darüber hinweg, dass ihr Mann sie verlässt; sie nimmt sich das Leben. Die erste Frau (Ehebrecherin) handelt eindeutig unmoralisch im Sinne des kategorischen Imperativs, aber ist ihr Handeln deshalb moralisch zu verurteilen? Die Liebe kann wie eine Naturgewalt den Menschen dauerhaft in ihren Bann schlagen, sodass sein freier Wille gefesselt ist. Versagt hier der kategorische Imperativ? Es kommt vielmehr das hegelsche Prinzip zum Tragen, dass moralisch gut nur der handelt, der ein moralisch gutes Ergebnis vorweisen kann. Wenn das Ergebnis meines Handelns der Tod eines Menschen ist, kann mein Handeln nicht moralisch wertvoll sein. Deshalb können auch die Gefühle der Frau, die sie für den verheirateten Mann empfindet, nicht edel sein, denn das Ergebnis dieser Gefühle ist (oder jedenfalls könnte) auf Zerstörung, Ruin anderer Menschen gerichtet (sein). Man wird es an den Konsequenzen dieser Katastrophe deutlich sehen: Wenn die „Ehebrecherin“ ein Gewissen hat, wird sie über den Tod der Ehefrau nicht hinwegkommen. Daran sieht man auch, dass der kategorische Imperativ in erster Linie eine Handlungsmaxime für gewissenhafte, gutwillige Menschen ist. Der gewissenlose Mensch wird sich an solche moralischen Maximen ohnehin nicht halten.

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