Alles, nichts, immer, nie, richtig und falsch. Welchen Zweck haben solche pauschalisierenden Redensarten?

2 Antworten

Mal drüber nachgedacht: Wenn ich solche Formulierungen verwende, dann häufig als sprachliches Mittel... glaube ich. Ja doch, ich glaube ich verwende überhaupt viele Über- und Untertreibungen, als sprachliches Mittel. Vermutlich... weil sich Sätze, in denen ich die Intensität oder Häufigkeit von etwas exakt formuliere auf Dauer sehr trocken und formell wirken können. Und satirische Wirkung kann man damit auch erzeugen, und Satire benutze ich liebend gerne, ganz besonders wenn ich das Gefühl habe, dass sich jemand in seiner kleinen gedanklichen Bubble ein bisschen zu wohl fühlt.

Andererseits, gerade so Formulierungen wie "X ist kein richtiges Y" sind abgesehen davon, dass sie oft ja so "fotzelig-humoristisch" gemeint sind, auch einfach die aufrichtige Meinung der Leute, nehme ich an. Ich meine, mit dem Fahrrad hast du eben auch ein sehr einfaches Beispiel einer offiziell schon länger feststehenden Definition gewählt, aber was ist denn zum Beispiel mit komplexeren Sachverhalten, zum Beispiel "Eine Trans-Frau ist keine richtige Frau" oder "Ein Döner ist keine richtige Mahlzeit"? Oder vermeintlich profanere Dinge, wie "Ein verlängertes Wochenende ist kein richtiger Urlaub", "Eine Unterhose ist keine richtige Hose"? Darf man sowas nicht sagen? Muss man umgekehrt sagen "Trans-Frauen sind Frauen", "Döner ist eine ausgewogene Mahlzeit", "Wer ein verlängertes Wochenende hatte, hat gefälligst genug Urlaub gehabt", "Wer nur mit Unterhose rausgeht, ist angemessen gekleidet, schließlich hat er eine 'Hose' an"?

Bei dem einfachen Beispiel mit dem Fahrrad mal umgekehrt gefragt, warum ist es denn ein Problem, wenn irgendjemand sagt "Nur ein Rennrad ist ein richtiges Fahrrad, ein Mountainbike nicht"? Nein, es "bringt" dem Sprecher nichts, soetwas zu sagen, andererseits "tut" es dem Mountainbike-Fahrer aber auch nichts. Einfach "Schönen Tag noch!", weiter Mountainbike fahren und gut ist. Das ist natürlich etwas anderes, wenn zum Beispiel der Kauf eines "Fahrrads" steuerlich begünstigt wird und die Definition von "Fahrrad" deshalb Konsequenzen hat. Aber solange es sich um eine konsequenzlose Meinung handelt, kann man sie einfach ignorieren. Es ist schon irgendwie eine gesellschaftliche Krankheit der heutigen Zeit, nicht damit leben zu können, dass es Menschen gibt, die über bestimmte Dingen anders fühlen und denken als man selbst. Bei allem Bewusstsein darüber, dass bestimmte rhetorische Mittel politisch und gesellschaftlich durchaus Fakten schaffen können (siehe einige der Beispiele oben), aber Übersensibilität ist wirklich einfach auch nicht die Antwort auf alle gesellschaftlichen Probleme, die wir so haben.


snowdrop41 
Beitragsersteller
 27.08.2025, 08:27

Danke für die ausführliche Antwort.

Die Beispiele mit der Unterhose oder der Mahlzeit leuchten auch ein. Bei der Sache mit dem Wirtschaftsingenieur stand allerdings Missgunst dahinter, da dieser Wirtschaftsingenieur der Chef war. Also wird hier eben mal so dreist abgewertet, um sich besser zu fühlen. Und ja, auch Missgunst ist ein Problem in der Gesellschaft. Was das Fahrrad angeht, wäre dann ein Mountainbike im Umkehrschluss ein 'falsches' Fahrrad. Komisch, es hat 2 Räder, einen Rahmen, eine Bremsanlage, eine Kette, Pedalen, einen Lenker.

Übersensibiliät ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, steht es überhaupt als Grund der Frage im Raum. Denn das wäre eine Unterstellung.

Aber wahrscheinlich nutzen wir alle sprachliche Mittel, um, wie Du sagst, etwas weniger trocken erscheinen zu lassen.

Du nennst es "Redensarten". Ich nenne es "die eigene Meinung". Sehr wichtig dabei ist jedoch, dass es wirklich die eigene(!) Meinung ist - und nicht irgendwas Dahergeplappertes.

Du gehst damit um, wie Du damit umgehen willst. Du kannst denjengen geflissentlich ignorieren: Du bist nicht verpflichtet, Dich mit jedem zu unterhalten - Dich gar zu rechtfertigen! Du lebst wie Du es für richtig hältst! Das wäre ideal.