Findet ihr man kann sich mit den Figuren in einem Roman weniger gut identifizieren, wenn die Dialoge künstlich wirken?

2 Antworten

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Das musst du doch selbst merken!

Wenn Dialoge aufgesetzt, gekünstelt sind, ist das befremdlich. Im schlimmsten Fall empfindet man beim Lesen regelrechten Widerwillen. Die Rezeption ist gestört, und man kann als Leser nicht in den Roman eintauchen. Das ist nicht anders als im realen Leben: Man fühlt sich abgestoßen, es existiert eine Mauer zwischen Leserschaft und Handlungsfiguren, wenn diese geziert sprechen und Strukturen benutzen, die nicht zur mündlichen Kommunikation passen oder in bestimmten Situationen nicht angemessen erscheinen.

Anders ist es, wenn eine Handlungsfigur durch eine vom Autor bewusst eingesetzte manierierte Sprechweise lächerlich gemacht werden soll. Um das wiederum lebensecht hinzukriegen, muss der Autor ein hervorragendes Sprachempfinden besitzen und den "Menschen wirklich aufs Maul geschaut haben."

Anders ist es auch, wenn ein Autor die gekünstelte Sprechweise benutzt, um beim Leser ganz bewusst ein unangenehmes Gefühl zu erzeugen, z.B. wenn er Figuren wie Marionetten oder gefühllose Automaten handeln und sprechen lässt. Auch das will gekonnt sein. R. W. Fassbinder als Drehbuchautor und Filmemacher beherrschte diese Kunst.

Schlimm wird es aber, wenn z.B. bei Romanen englischsprachiger Autoren schlechte Übersetzer am Werk sind. Noch schlimmer wird es bei deutscher Synchronisation amerikanischer Filme. Allerdings muss man bedenken, dass manch schlechte Übertragung der unterschiedlichen Länge von Wörtern/Sätzen im Englischen und Deutschen geschuldet ist. Außerdem soll es ja möglichst lippensynchron sein.

Was ich allerdings nie verstanden habe, ist, weshalb in deutschen Krimi-TV-Produktionen des vorigen Jahrhunderts ("Derrick" & Co.) oft so lebensferne Dialogsprache benutzt wurde. Die Lieblingszeitform irgendwelcher Betroffener oder Zeugen von Morden in Grünwalder Villen ist das Präteritum. Die Tatsache, dass sie eine Situation beschreiben, etwas zu Protokoll geben, heißt doch nicht, dass man im Deutschen im Dialog plötzlich auch bei Vollverben ohne Not vom üblichen Perfekt abweicht. Dadurch hatten/haben diese Oldies - zumindest für mich! - immer etwas Künstliches. Ich weiß nicht, was mit diesen Drehbuchautoren los war.

Über deine Kritik am Grünwalder-Villen-Deutsch musste ich jetzt echt schmunzeln :-).

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@Garnet72

Ich habe keine Ahnung, ob es ein "Grünwalder-Villen"-Deutsch gibt. 😉 Ich sagte lediglich, dass in den Drehbüchern zu Krimis à la "Derrick" den Zeugen und Betroffenen irgendwelcher Straftaten immer das Präteritum in den Mund gelegt wurde. Und da die Morde oft in Grünwälder Villen verübt wurden, traf es nun mal oft die Gattinnen der Villenbesitzer, in diesem seltsamen, englisch angehauchten Deutsch zu "parlieren", grad dass sie nicht auch noch eine Art question tag anhängten. Manchmal taten sie es: "Er verließ das Haus gegen 10 Uhr, war es nicht so?"🤣

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☃️🌲 Vielen Dank für deinen Stern! 🌲☃️

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Beim Buch gibt es im Gegensatz zum Film weder Bild noch Ton, so dass viel der eigenen Vorstellungskraft überlassen bleibt. Daher kommt es aufs schriftstellerische Talent an, die Leserschaft anzusprechen und zu fesseln. Das müssen auch die Dialoge widerspiegeln, sie müssen eben "stimmen".

Die Dialoge spielen nicht zuletzt für die Charaktere, ihren Bezug zueinander und die Handlung eine Rolle. Wenn sie auf der Ebene des Romans nicht echt und überzeugend sind, leiden dadurch die Figuren und letztlich die ganze Geschichte mehr oder weniger darunter.

Natürlich kann ein Buch nicht in allem perfekt sein. Schwächen in den Dialogen lassen sich an anderer Stelle kompensieren, zumal wenn sie eben auch nicht wesentlich sind, die Personen trotzdem stark sind.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

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