Ich war selbst mal in der Situation wie deine Freundin. Grundlegend ist es wichtig zu verstehen, dass du ihr nicht helfen kannst. Das kann niemand, außer ihr selbst. Und es gibt absolut nichts, das du für sie tun kannst, das ihre Situation irgendwie besser machen würde. Du bist nicht omnipotent. Das ist niemand. Und wenn ein Betroffener wirklich diesen Entschluss fasst, kann ihn niemand aufhalten.
Du wirst auch niemals wirklich verstehen können, wie deine Freundin sich fühlt. Dafür musst du das selbst erlebt haben und das wünscht man seinen schlimmsten Feinden nicht. Und ich möchte dich auch inständig darum bitten, das gar nicht erst zu versuchen. Ich kann aber versuchen dir in etwa zu erklären, wie so eine Person denkt.
Stell dir vor, du machst die Augen auf und alles um dich herum, ist eine einzige große Katastrophe. Und du stehst im Zentrum des Ganzen. Und egal was du versuchst - und du hast wirklich alles versucht - alles, was du anfasst, endet in einer Katastrophe. Aber kümmerst du dich nicht darum, endet es genauso in einer Katastrophe. Du kannst nichts richtig machen und allein deine Existenz sorgt dafür, dass andere deinetwegen leiden und Schaden erleiden, sich Sorgen um dich machen und sich deinetwegen schlecht fühlen. Und du kannst wirklich nichts tun, um das zu verhindern. Und zu wissen, dass du den Menschen, die dir etwas bedeuten, Schaden zu fügst und sie deinetwegen leiden müssen, machst dich am aller meisten fertig. Das tut dir innerlich so weh, dass es dich lähmt. Du willst nur noch weg laufen, aber dazu fehlt dir die Kraft und du könntest ohnehin nicht entkommen, weil du die Shice mit dir trägst. Und irgendwann kommt dir der Gedanke, dass es nicht nur dir, sondern auch allen anderen, denen du so weh tust, besser ginge, wenn du nicht mehr da wärst. Klar wären sie eine ganze Weile traurig. Aber irgendwann, nach ein paar Jahren, würden sie es verstehen, dass du das ihretwegen getan hast.
Und an dem Punkt liegen diese Menschen falsch. Ich habe selbst mit Hinterbliebenen von Suizidopfern zu tun gehabt und kann dir sagen, das ist absoluter Bockmist, den sich Betroffene da einreden. In 100% der Fälle, wird dein Freitod ein Loch in deine Familie und in deinen Freundeskreis reißen, das niemals wieder zu wächst. Deine Angehörigen und Nächsten werden sich selbst die Schuld an deinem Tod geben. Sie werden sich sagen: "Wenn ich doch nur besser zugehört hätte..." oder "Wäre ich nur ein besserer Freund/Vater/Mutter/Bruder/... gewesen, dann wäre das vielleicht nicht passiert." Sie machen sich selbst dafür verantwortlich und stürzen selbst in eine Depression. Sie geraten in eine Abwärtsspirale, aus der sie nicht mehr raus kommen und enden nicht selten, genau an den Punkt, an dem deine Freundin jetzt ist. Und du kannst den Hinterbliebenen diese Gedanken auch nicht ausreden. Die meisten Menschen erholen sich niemals von solch einem Verlust und wenn doch, dann nie vollständig und erst nach Jahrzehnten. Der Freitod macht die Situation für die Freunde und Angehörigen deiner Freundin nur noch um ein Vielfaches schlimmer. Und das ist leider auch das einzige, was du ihr sagen kannst und sagen solltest. Denn auch wenn ihr diese Worte sehr weh tun sollten, ist das das einzige, was einen Betroffenen vllt. davon abhalten kann.
Was du sonst noch tun kannst, ist einfach für sie da sein und ihr zuhören. Denn solange sie darüber spricht, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und solange sie das tut, macht dich das irgendwo glücklich, weil du dadurch ihre Gesellschaft und Freundschaft genießen kannst. Zeig ihr die positiven Aspekte eurer Freundschaft, zeig ihr, dass du einfach nur ihre Nähe fühlen willst und dich das alleine schön happy macht. Versuch ihr keine Tipps zu geben oder sie zu verstehen. Sei einfach nur da und höre ihr zu.
Ein Psychiater hat mir das mal so schön erklärt. Bei Suizidgedanken ist es so, dass der Gedanke allein, kein Problem ist. Zum Problem wird es erst, wenn der Gedanke mit einem negativen Gefühl, z.B. dem Leid, verknüpft wird. Dadurch richten sich die Filter in unserem Gehirn auf eben diese negativen Dinge, Gefühle und Erfahrungen aus. Und wir steigern uns immer weiter diese eine Sache hinein. Aus einem kleinen Gedanken, dass man was falsch gemacht hat, wächst ein Gefühl in uns heran, das uns schwer in der Brust sitzt. Aus diesem Gefühl entspringt ein weiter Gedanke, dass wir nichts richtig machen können. Der Klumpen wird größer und schwerer. Daraus wächst der Gedanke, dass wir wertlos sind und allen nur Kummer bereiten. Und dann ist es bis zu den Suizidgedanken nicht mehr weit.
Medikamente blockieren diese negativen (und zum Teil auch positiven) Gefühle. Du magst einen schlimmen Gedanken bekommen, aber das negative Gefühl schwillt nicht so stark an. Du fühlst das Problem nicht mehr so stark und gerätst nicht in diese Gedankenspirale. Wirklich helfen wird deine Freundin aber nur eine Therapie. Aber der Grund warum ich das erwähnte ist, wenn du verstehst, wie das Ganze funktioniert, kannst du versuchen, deine Freundin auf andere Gedanken zu bringen. Du musst sie mit einem Schlag aus ihrer Gedankenwelt wieder in die Realität holen, durch irgendetwas wodurch sie sich z.B. erschrickt, etwas das sie überhaupt nicht erwartet. Etwas ähnliches wird z.B. auch bei Borderline-Patienten eingesetzt. Wenn die gerade einen Moment haben, wo sie abdriften, hilft es ihnen ein Glas Wasser ins Gesicht zu schütten, eine Ohrfeige zu geben, usw. Einfach um sie ruckartig wieder auf Kurs zu bekommen. Bei deiner Freundin sollten solche drastischen Maßnahmen nicht nötig sein. Es reicht oft schon, wenn du ihr einfach eine Frage stellst, die vollkommen aus jeglischem Kontext gerissen ist. Das kannst du zumindest mal versuchen, wenn du das Gefühl hast, dass sie gerade komplett abdriftet.
Ansonsten wird eine Therapie das einzige sein, was ihr wirklich weiter hilft. Aber auch nur, wenn sie selbst bereit ist, sich selbst zu helfen. Ein Therapeut kann ihr nur den Weg zeigen. Gehen muss ihn jeder selbst. Und je länger sie damit wartet, umso weniger Kraft wird sie haben, diesen zu gehen. Und umso schwieriger wird es, diesen Schritt überhaupt zu machen.