Was bedeutet dieser Spruch über Cleopatra?

3 Antworten

Der Spruch ist eine leichte Abänderung eines Aphorismus, dessen Verfasser Plaise Pascal (1623-1662) ist und der in dem Werk Pensées (Gedanken) erschienen ist (zuerst 1670 veröffentlichte Zusammenstellung von Notizen):

„Qui voudra connaître à plein la vanité de l'homme n'a qu'à considérer les causes et les effets de l'amour. La cause est un je ne sais quoi (Corneille), et les effets en sont effroyables. Ce je ne sais quoi, si peu de chose qu'on ne peut le reconnaître, remue toute la terre, les princes, les armées, le monde entier. Le nez de Cléopatre : s'il eût été plus court, toute la face de la terre aurait changé.”

“Wer die Eitelkeit/Nichtigkeit des Menschen in vollem Ausmaß kennenlernen will, betrachte nur die Ursachen/Gründe und die Wirkungen/Folgen der Liebe. Der Grund/die Ursache ist ein gewisses Etwas/Ich-weiß-nicht-was (Corneille), und die Wirkungen sind entsetzlich. Dieses gewisse Etwas, so wenig/eine so geringe Sache, daß man es nicht erkennen kann, erschüttert die ganze Erde, die Fürsten/Prinzen, die Armeen, die ganze Welt. Die Nase Kleopatras: Wäre sie kürzer gewesen, hätte sich das gesamte Antlitz/Gesicht der Erde geändert.“

Nach dieser Äußerung hängt der Verlauf der Weltgeschichte auch von geringfügigen Dingen ab. Die Verhältnisse sind vielfältig miteinander verbunden. Welche Zielrichtung der Spruch hat, hängt auch vom Weltbild ab. Bei einem Determinimus (alles ist auf notwendige Weise bestimmt), der bei Pascal ein denkbarer theologischer Hintergrund ist, ist auch die Nase Kleopatras ein Faktor, der Auswirkungen auf den Lauf der Welt hatte.

Möglich ist auch eine Verwendung des Spruchs, um die Kontingenz (das, was möglich, aber nicht notwendig ist, also in gewissem Sinn das Zufällige) der Geschichte zu betonen (sogar Parallelen zur moderne Chaostheorie ließen sich ziehen). Die Fragestellung „Was wäre, wenn“ betrifft ungeschehene Geschichte/virtueller Geschichte/kontrafaktische Geschichte.

Gedacht werden kann an die Anziehungskraft, die Kleopatra auf wichtige römische Politiker ausübte (Caius Iulius Caesar und Marcus Antonius). Marcus Antonius hat sich von seiner Ehefrau Octacia, Schwester Octavians (der spätere Kaiser Augustus) getrennt und ihr den Scheidungsbrief geschickt, was ihn wohl in Italien Sympathien gekostet hat. Auch wenn die Angelegenheit eine offenenen Bruch mit Octavian bedeutete, war sie nicht die echte Ursache für den Bürgerkrieg zwischen ihnen und die Beschaffenheit der Nasen gab nicht tatsächlich den Ausschlag, wer vorgezogen wurde.

Wolfgang Schuller, Kleopatra. Königin in drei Kulturen. Rowohlt, Reinbek 2006, S. 211 zu seinem eigenen Buch:

„Nicht nur wegen Kleopatras Nase war Pascals Aphorismus dem Buch als Motto vorangestellt worden. Vor allem war wichtig zu sehen, in welchem Zusammenhang diese – oft missverstandene – Bemerkung steht, nämlich in Bezug daruf, dass die Liebe als etwas Unwägbares - je ne sais quoi - gewaltige Wirkungen haben kann und dass sie ihrerseits von verhältnismäßig geringen Faktoren abhängig sein kann und dass die Liebe zwischen Kleopatra und Caesar und dann zwischen ihr und Marcus Antonius ein politischer Faktor war, das ist eine der Thesen des Buches.“

Christoph Schäfer, Kleopatra. Wissenschaftliche Buchgesellschaft : Darmstadt. 2006 (Gestalten der Antike), S. 266 – 267:

„Zwei Nasen prägen gar Ägypten Ruf; neben der fehlenden Nase der Spninx von Gizeh erreichte ausgerechnet dieses Körperteil bei Kleopatra eine eigenständige Berühmthiet. Schuld daran ist nicht zuletzt der bedeutende Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal (1623 – 1662), der ohne erkennbaren Tiefgang den flotten Spruch abließ: „Kleopatras Nase: Wenn sie kürzer gewesen wäre, das gesamte Gesiucht der Erde sähe anders aus." Wie es denn in diesem Fall ausgesehen hätte, darüber schweigt er sich jedoch bezeichnenderweise aus.

Seit mehr als vier Jahrzehnten schon haben René Goscinny und Albert Uderzo mit dem Comic „Asterix und Kleopatra“ Generationen von Kindern und Jugendlcihen geprägt, indem sie Caesar, Asterix und Obelix sowue den Druiden Miraculix Audienzen bei der Königin mit Bemerkungen wie dieser enden lassen: „Sie hat wohl eine schwierigen Charakter … aber eine hübsche Nase.“ „Eine sehr hübsche Nase.“ Dazu kommt eine an Liz Taylors Verkörperung der Kleopatra orientierte überaus spitze Zeichnung dieses körperlichen Vorzugs, die zwanzig Jahre später unverständlicherweise in eien Stupsnase umgewandelt wurde. So ist heutzutage Kleopatars Nase mindestens so bekannt wie die gesamte Person.“

Manfred Clauss, Asterix und Kleopatra. In: Asterix und seine Zeit : die große Welt des kleinen Galliers. Herausgegebenvon Kai Brodersen. Mit deutschen Bildtexten von Gudrun Penndorf. München : Beck, 2001 (Beck'sche Reihe ; 1404), S. 74:

„Diese Bemerkung ist im Grunde ohne Bedeutung, verrät Pascal uns doch nicht, wie er sich einen anderen Verlauf der Geschichte vorstellt. Dennoch hat der Philosoph mit diesem eher saloppen Kommentar der Nase der ägypitschen Königin zu einer ungebrochenen Popularität für alle Zeiten verholfen.

Falls es noch eines weiteren Anschubs bedurft hätte – spätestens seit Asterix und Kleopatra hat sich die Nase der Königin dem öffentlichen Bewußtsein eingeprägt.“

S. 76 – 77: "Beide Portraits sind von den genannten Voraussetzungen beeinflußt und weichen von der Abbildung durch eine Kamera ab. Damit stehen wir bei der Einschätzung von Kleopatras Nase vor einem Dilemma. Welche der Nasen mag Miraculix vorgeschwebt haben? Der greise Druide entpuppt sich im Laufe der Geschichte als der eigentliche Fan dieses königlichen Gesichtsteils, wenn er beim Festmahl gegenüber Majestix schwärmt: Eine Nase, mein Lieber, eine Nase“ (Asterix und Kleopatra, S. 48).

Nebenbei gesagt macht diese Nase eine erstaunliche Entwicklung durch. In Asterix und Kleopatra, dessen französisches Original kurze Zeit nach dem berühmten Monumentalfiln von 1963 entstand, ist sie […] sehr spitz […]. Diese Nase ist später in zweifacher Hinsicht korrigiert worden. Zum einen durch die Chirurgen, zum anderen durch Uderzo. Zwanzig Jahre später, in Der Sohn des Asterix kann man sie ohne weiteres [….] als Stupsnase bezeichnen […].“

Pascal hat möglicherweise auf die auffällige Form der Nase bei Abbildungen angespielt.

Bei den Münzen wird zwischen zwei Typen unterscheiden, dem alexandrinischen und dem syrisch-römischen (später einsetzend). Vor allem auf den verhältnismäßig späteren Münzen wirkt Kleopatra nicht schön. Die Darstellungen auf Münzen tragen individuelle Züge und sind nicht völlig unrealistisch, also nicht einfach ein rein erfundenes Aussehen. Allerdings gibt es auch Darstellungstraditionen (z. B. neigten die römischen Stempelschneider zu harten und strengen Zügen) und die Abhängigkeit vom künstlerischen und handwerklichen Können. Bei der Nasenform gibt es Abweichungen der Münzen voneinander, die nicht als natürliche Veränderung im Lauf der Zeit verstanden werden kann.

Kleopatra Nase ist auf den Münzen markant, das Kinn ausgeprägt, vorragend und etwas spitz, beim alexandrinischen Typ gibt es am Hals Venusringe. Die Augen sind groß und tiefsitzend. Auf späten Münzen wirkt Kleopatra insgesamt älter und hat eine auffällige Hakennase (Nase gebogen). Wolfgang Schuller hält dies für einen Fehler in der Prägung. Statue und Büsten können zusätzlich herangezogen werden, wenn die Identifizierung klar ist. Dabei gibt es ebenfalls eine Abhängigkeit von der Qualität der Künstler und der Darstellungsabsicht (eher realistisch, stilisierend oder idealisierend). Kleopatra wirkt schon eher gutaussehend (in einigen bildlichen Darstellungen hübsch), aber nicht sensationell und spektakulär schön.

Darstellungen in ägyptischen Stil halten sich an traditionelle Schematik und sagen nichts über das individuelle Aussehen aus.

Anhaltspunkte ergeben dagegen Marmorköpfe von Büsten, die mit großer Wahrscheinlichkeit Kleopatra darstellen (in den Vatikanischen Mussen, Im Altem Museum Berlin und im Privatbesitz des französischen Kunstsammlers Guy Weill Goudchaux).

Kleopatra trägt einen Stirnreif (Diadem), hat eine nicht unprortionierte Nase mit ausgeprägten Nasenflügeln, etwas wellenförmige Lippen (Unterlippe verhältnismäßig groß) und ein eher spitzes Kinn. Sie hat eine Melonenfrisur mit Locken und einem Nackenknoten.

Vor allem in größerer zeitlicher Entfernung ist in der Vorstellung Kleopatra oft ein berühmter Fall weiblicher Schönheit und ihrer Wirkungskraft.

Cassius Dio, 42,34,4-5 (2./3. Jahrhundert n. Chr.) sagt über Kleopatra in der Zeit, als sie mit Gaius Iulius Caesar zusammentraf: „Sie war ja überhaupt eine Frau von einzigartiger Schönheit und damals in der Blüte ihrer Jugend besonders berührend. Auch führte sie eine sehr gepflegte Sprache und verstand es, jedermann auf gewinnende Art zu begegnen. Herrlich war es, sie anzuschauen und ihr zu lauschen, und so konnte sie jeden, selbst einen liebessatten Mann in bereits vorgerücktem Alter, sich gefügig machen.“

Plutarch, Marcus Antonius 27,2-3 (1./2. Jahrhundert n. Chr.) ist etwas zurückhaltender (und wohl den Tatsachen näher) und hält ihr bloßes Aussehen nicht für unvergleichlich hervorragend, sondern ihre Gesamtausstrahlung:

„Ihre Schönheit an sich fand wohl ihresgleichen und vermochte nicht, durch den bloßen Anblick zu betören, in der Unterhaltung übte sie dagegen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Der Zauber ihrer Rede, die geistige Anmut ihres ganzen Wesens verliehen ihren Reizen einen Stachel, der sich tief in die Seele eindrückte. Ein Vergnügen war es auch, dem Klang ihrer Stimme zu lauschen. Ihre Zunge glich einer vielsaitigen Leier; denn sie handhabte jede Sprache in der gleichen Vollendung." Charme, Beherztheit und Schönheit verbanden sich (vgl. Plutarch, Marcus Antonius 83,3).

Kleopatra war gutaussehend, aber wahrscheinlich nicht herausragend schön und keine in jeder Hinsicht perfekte Verkörperung bestimmter Schönheitsmaße und Proportionen. Ihre Anziehungskraft beruhte nicht nur auf optischen Reizen, sondern wurde durch zusätzliche Eigenschaften gesteigert.

Vgl. insgesamt dazu:

Christoph Schäfer, Kleopatra. Wissenschaftliche Buchgesellschaft : Darmstadt. 2006 (Gestalten der Antike), S. 254 – 266

Wolfgang Schuller, Kleopatra. Königin in drei Kulturen. Rowohlt, Reinbek 2006, S. 167 – 171

Michael Pfrommer, Königinnen vom Nil. Mainz : von Zabern, 2002, S. 116 – 118 (Die Augen Kleopatras und die Nase einer Königin)

Manfred Clauss, Asterix und Kleopatra. In: Asterix und seine Zeit : die große Welt des kleinen Galliers. Herausgegeben von Kai Brodersen. Mit deutschen Bildtexten von Gudrun Penndorf. München : Beck, 2001 (Beck'sche Reihe ; 1404), S. 72 - 88

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Cleopatra war als Schönheit bekannt, was man in erster Linie Ihrer Nase zusprach. Damit hat sie nicht nur Julius Cäsar sondern auch Marc Anton betört und war somit nacheinander mit 2 Cäsaren = Kaisern des Römischen Reiches befreundet, die sie auch beeinflussen konnte.... Den Rest solltest Du mal googlen bzw. wikipedien, denn Caesar und Marc Anton waren nicht immer die besten Freunde G

Mir ist keine ernstzunehmende geschichtliche Quelle bekannt, in der Kleopatra Schönheit in erster Linie wegen ihrer Nase zugesprochen wird (vgl. meine Antwort). Auf welcher Grundlage beruht die Antwort?

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Ich schätze, das ist pure Ironie und bedeutet soviel wie "niemand verändert allein die Weltgeschichte".

Bei Pascal wird aber einer kleine Sache eine große Auswirkung zugeschrieben (vgl. meine Antwort).

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