Was bedeutet denn diese Karikatur?

 - (Schule, Deutschland, Geschichte)

6 Antworten

Von Experte Albrecht bestätigt

Hallo,

hier eine ausführliche Interpretation:

Die Karikatur „Deutschlands Zukunft“ eines unbekannten Zeichners, die am 22. August 1870 im österreichischen Satire­magazin Kikeriki veröffentlicht wurde, kritisiert spöttisch den bevorstehenden Beitritt süd­deutscher Staaten (Bayern, Baden, Württemberg, Hessen) zum Norddeutschen Bund bzw. die bevorstehende Gründung des Deutschen (Kaiser-)Reichs.

In der Karikatur eines unbekannten Zeichners, die am 22. August 1870 in der österreichischen Satirezeitschrift Kikeriki veröffentlicht wurde, sieht man eine Menschenmenge, die sich unter eine preußische Pickelhaube¹ drängt, welche den Menschen wiederum von einer (vermeintlich) unbekannten Hand übergestülpt wird. Mit Blick auf den Titel „Deutschlands Zukunft“ erkennt man, dass diese Menschen­menge die deutsche Bevölkerung darstellen soll. Beachtet man außerdem das Datum der Veröffentlichung der Karikatur, wird klar, dass diese nur vor dem historischen Hintergrund des bevorstehenden Beitritts mehrerer süddeutscher Staaten (Bayern, Baden, Württemberg, Hessen) zum Norddeutschen Bund zu verstehen ist, welcher später im Deutschen (Kaiser-)Reich aufgehen sollte, dessen Gründung wiederum am 18. Januar 1871² im Spiegelsaal von Schloss Versailles bei Paris symbolisch vollzogen wurde.

Die Bildunterschrift wirft die Frage auf, ob Deutschland „unter einen Hut“ käme. Hier ist zunächst anzumerken, dass ein „Hut“ als Kopfbedeckung in Karikaturen normalerweise keine symbolische Bedeutung hat, wie dies beispielsweise bei einer Jakobinermütze als Symbol für eine demokratisch-republi­kanische Gesinnung oder einer Schlafmütze als Attribut des deutschen Michels als Nationalallegorie für Deutschland der Fall wäre. Der Hut ist also in diesem Kontext von seiner Symbolik her als neutral anzusehen. Allerdings greift die Frage in der Bildunterschrift und mithin der Hut die Organismus-Metaphorik und deren Bild vom kollektiven Kopf auf, nach der abstrakte Gruppen, Organisationen usw. mit Körper­teilen bezeichnet werden können. Nach der Organismus-Metaphorik, von der wir schon aus dem Mittelalter schriftliche Belege kennen, soll, wenn man die Bildunterschrift der Karikatur betrachtet, also der kollektive Kopf Deutschlands „unter einen Hut“ gebracht werden. Bringt man wiederum redensartlich unterschiedliche Dinge unter einen Hut, so bringt man diese in Einklang, man bringt sie zusammen, oder erzielt Einigkeit zwischen ihnen.³ Mit der Frage: „Kommt es [Deutschland] unter einen Hut?“, wird also letztlich die Frage aufgeworfen, ob mit der bevorstehenden Reichs­gründung Einigkeit unter den unterschiedlichen deutschen Staaten erzielt werden kann, oder in anderen Worten: ob diese in Einklang gebracht werden können.

Mit der spöttischen Antwort: „Ich glaube, ’s kommt eher unter eine Pickelhaube!“, wird hingegen die zweifelnde Haltung des Zeichners deutlich: Die Pickelhaube, die auch in der Karikatur selbst zu sehen ist, war die Kopfbedeckung der preußischen Soldaten der damaligen Zeit, ähnlich dem Raupenhelm der bayerischen Soldaten. Die Pickelhaube wird in Karikaturen – so auch in dieser ‑ oft als Symbol für Preußen als Ganzes, also das Königreich Preußen, verwendet. Sie war außerdem ein Symbol für die preußische Hegemonie⁴ in Deutschland und den aggressiven Militarismus⁵ Preußens. Mit seiner Antwort gibt der unbekannte Zeichner also seiner Vermutung Ausdruck, dass die einzelnen Staaten in einem zukünftigen deutschen Nationalstaat eben nicht in Einklang gebracht, dass eben keine Einigkeit zwischen diesen erzielt werden kann, sondern dass diese vielmehr unter eine Pickelhaube gezwängt werden, d. h. dass sich die anderen deutschen Staaten dieses deutschen Reiches dem Willen Preußens und seiner Vormachtstellung unterordnen müssten und von Preußen machtpolitisch überlagert würden. Dies lässt sich ebenso in der Karikatur selbst erkennen: Die riesige Pickelhaube, Symbol für das politisch mächtige Preußen und den preußischen Willen, wird der deutschen Bevölkerung von einer Hand übergestülpt bzw. von oben „aufgesetzt“.

Man darf an dieser Stelle die Frage stellen, ob sich diese unbekannte Hand nicht doch einer bestimmten Person zuordnen lässt. Betrachtet man den Ärmel, der in der Karikatur zu sehen ist, darf durchaus vermutet werden, dass dieser zu einem Anzug oder einer Uniform gehören könnte, wie sie auch von hochrangigen Politikern getragen wurde. Und da es wiederum vor allem der preußische Ministerpräsident, Kanzler des Norddeutschen Bundes und spätere Reichskanzler, Otto von Bismarck, war, der die spätere Reichsgründung mit einer starken Führungsrolle Preußens vehement forcierte,⁶ darf vermutet werden, dass die Hand in der Karikatur Bismarck gehört.

Der Zeichner spricht mit seiner Karikatur also eine Warnung besonders an jene süddeutschen Staaten (Bayern, Baden, Württemberg, Hessen) aus, die im Begriff waren, dem Norddeutschen Bund unter preußischer Führung beizutreten, der später im Deutschen Kaiserreich aufgehen sollte. Er warnt diese davor, sich mit Preußen zusammenzuschließen, da ihnen in einem solchen Bund der Willen Preußens „übergestülpt“ würde und sie von Preußen machtpolitisch überlagert würden. Dies sei ebenso „Deutschlands Zukunft“.

Man kann hier darüber hinaus fragen, ob diese zum Ausdruck gebrachte Haltung des unbekannten Zeichners gegenüber Preußen denn verwunderlich ist, wenn man in Betracht zieht, dass die Karikatur in der österreichischen Satirezeitschrift Kikeriki veröffentlicht wurde. Denn tatsächlich ist die negative Haltung des (möglicherweise österreichischen) Zeichners gegenüber Preußen alles andere als erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die beiden Großmächte Preußen und Österreich schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Rivalität zueinander standen (preußisch-österreichischer Dualismus) und Österreich nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg und dem preußischen Sieg in der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 als Führungsmacht in Deutschland verdrängt worden war, weshalb später auch ein kleindeutscher Nationalstaat, d. h. ein Nationalstaat ohne Österreich, entstand.

Ich hoffe, es hilft.

Gruß, BerchGerch

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¹ Die Pickelhaube ist zu erkennen an ihrer charakteristischen, namensgebenden Spitze, dem „Pickel“. Darüber hinaus ist auf ihrer Vorderseite der königlich-preußische Adler, das Wappentier Preußens, zu sehen.

² Dies war gleichzeitig der 170. Jahrestag der Rangerhöhung Preußens zum Königreich am 18. Januar 1701.

³ Ein weiteres Beispiel für die Redensart ‚etwas unter einen Hut bringen‘ findet sich schon 1689 bei Daniel Casper von Lohenstein: „(...) brachte er (...) ein Kriegs-Heer auf die Beine (...) und schickte es (...) wieder die Marckmänner; welche noch zur Zeit weder unter einander einig / noch so vermessen gewest waren / sich öffentlich wieder ihren Fürsten auffzulehnen; nunmehr aber durch die Noth leicht unter einen Hut gebracht [Hervorhebung nicht im Original] wurden.“ (Großmüthiger Feldherr Arminius, 1, S. 1064).

⁴ Hegemonie meint hier die Vormachtstellung und Überlegenheit Preußens.

⁵ Militarismus meint einen starken Einfluss militärischer Ordnung auf den Staat und die zivile Gesellschaft.

⁶ Dies tat er sogar gegen den Willen des preußischen Königs und späteren deutschen Kaisers, Wilhelms I., der lieber preußischer König geblieben wäre als deutscher Kaiser zu werden. So ist überliefert, dass Wilhelm noch am Tag vor der Kaiserkrönung, dem 17. Januar 1871, nach einem heftigen Streit mit Bismarck – bei dem der Ministerpräsident sogar mehrfach in Tränen ausgebrochen sein soll –, äußerte: „Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens. Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe. Und daran sind Sie, Graf Bismarck, Schuld.“ (Vgl. Jan von Flocken: „Wilhelm und das Kaiserdrama in Versailles“, veröffentlicht am 06.09.2007, abzurufen unter: https://www.welt.de/kultur/history/article1139396/Wilhelm-und-das-Kaiserdrama-in-Versailles.html, letzter Aufruf am 13.05.2018.)

Kommt es unter einen Hut? Ich glaube, es kommt eher unter eine Pickelhaube!"

Die Karikatur zeigt wie die Bildüberschrift sagt „Deutschlands
Zukunft“. Alle deutschen Staaten werden „unter einen Hut“ gebracht, also
in einer Nation vereinigt werden. Allerdings werden sie nicht
gleichberechtigt sein, sondern fast vollkommen unter der Herrschaft
Preußens, dargestellt durch die Pickelhaube, zusammengefasst. Es wird
also ein vereinigtes Deutschland geben, dass jedoch vollkommen unter der
Kontrolle von Preußen steht.
Dies deckt sich mit der Aussage Bismarcks „unsre Aufgabe sei Herstellung
oder Anbahnung deutsch-nationaler Einheit unter Leitung des Königs von
Preußen“. Der österreichische Karikaturist hat die Absicht Bismarcks
erkannt und in der Karikatur dargestellt. Wahrscheinlich wollte er damit
die anderen deutschen Länder darauf aufmerksam machen, dass sie statt
in ein vereinigtes Deutschland unter die Herrschaft Preußens geraten.

Quelle:https://www.gutefrage.net/nutzer/PeVau

Woher ich das weiß:Hobby – Sehe sehr gerne Geschichtsdokus

Hey, ich habe hier eine sehr gute Analyse gefunden. Ich finde, dass darin sehr gute Interpretationsansätze sind, Vielleicht helfen sie dir ja ein wenig weiter!

Karikaturanalyse: „Deutschlands Zukunft; Kommt es unter einen Hut, ich glaube es kommt eher unter eine Pickelhaube!“ Kikeriki 22 August 1870 

Link: dokumente-online.com/karikaturanalyse-deutschlands-zukunft-kommt-es.html 

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