Warum darf man als Deutscher nicht stolz darauf sein, Deutscher zu sein?

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Stolz sein kann man auf etwas, wofür man eine Leistung erbracht hat.

Deutscher zu sein ist keine Leistung. Das ist schlicht Zufall.

Ein gewisser Patriotismus ist schon in Ordnung, er darf aber nicht dazu führen, dass die Nationalität als Qualitätsmerkmal anderen Menschen gegenüber eingesetzt wird.

Ich freue mich Deutscher zu sein, bin im Herzen aber Europäer.

Die US-Amerikaner mit ihrem krankhaft gesteigerten Nationalbewußtsein sollten keinesfalls als Vorbild herhalten. Genau dort zeigt sich, wohin das führt, wenn man sich für den Nabel der Welt hält. Aggression und Ausbeutung. Sowohl anderer wie auch der eigenen Bevölkerung.

Der Blutzoll, den die USA für diesen Irrsinn fordern und gelitten haben ist unbeschreiblich. Und Vietnam ist immer noch ein Trauma für die US-amerikanische Gesellschaft, das erst durch das Trauma des Irakkrieges etwas in den Hintergrund getreten ist.

Nation ist in der Geschichte ein relativ neues Konzept. Und es wird hoffentlich auch wieder in der Versenkung verschwinden.

Die Betonung von Unterschieden ist immer geeignet, das Verhältnis von Menschen zu vergiften. Und eine Nationalität ist eine völlig virtuelle Eigenschaft, die überhaupt keinen faktischen Unterschied begründet. Mir ist jeder Däne oder Holländer kulturell näher als ein Bayer. Also auch die kulturelle Ausprägung ist nicht geeignet, Nationalität zu betonen.

Als Jugendlicher habe ich folgenden Satz geschrieben:

"Es sind unsere Eltern, die für unsere Probleme verantwortlich sind... Vaterland und Muttersprache."

Es gibt keinen Grund, stolz darauf zu sein, dass man Deutscher ist, es gibt aber viele Gründe, die gegen ein solches nationales Selbstverständnis sprechen.

Für eine gedeihliche und prosperierende Gesellschaft braucht es die Betonung von Gemeinsamkeiten statt der Feststellung von Unterschieden.

"Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" betont den Unterschied und gibt dem Umstand der Nationalität eine unberechtigt positive Konnotation. Es ist gut Deutscher zu sein, aber es ist ebenso gut Holländer oder Franzose zu sein.

Danke das du dir die Mühe gemacht hast, diesen Text zu verfassen. Bei mir ist das so, dass ich auch Stolz drauf wäre Inder , Engländer etc. zu sein. Das ist bei mir wohl einfach nur so ein Gefühl. Wenn ich Frankreich geboren wäre, wäre ich auch stolz Franzose zu sein, obwohl die Franzosen die nervigsten Typen sind, die mir beim gaming unter die Augen kommen. Ich habe auch ein Motto und zwar : Jeder soll gleich behandelt werden, egal ob schwarz oder weiß, groß oder klein und Mann oder Frau und die Herkunft spielt auch keine Rolle. Man kann Leute erst beurteilen, wenn man sie etwas besser kennt. Meine Frage bleibt aber bestehen: Warum wird man oft als Nazi abgestempelt, wenn man sagt das man stolz auf sein Land ist? Ich hoffe du verstehst was ich meine. LG

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@derPummler2

Jeder soll gleich behandelt werden, egal ob schwarz oder weiß, groß oder klein und Mann oder Frau und die Herkunft spielt auch keine Rolle.

Das ist doch schon mal eine Ansage. Sehr lobenswert.

Ich wohne nun seit über 2 Jahren im Osten. Bei der Wahl unseres neuen Wohnortes war auch mitentscheidend, dass dort nicht allzu viele braune Schergen ihr Unwesen treiben.

Letzte Woche habe ich das erste mal einen gesehen. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift:"Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein".  Er hatte eine Glatze, trug Bomberjacke und Springerstiefel. Also komplett das Klischee des Neonazis.

Diese Form von Nationalbewusstsein ist bei den Neonazi ein Mantra, das immer wieder nach vorne getragen wird. Tatsächlich sind es diese Krepel, die einen gesunden Patriotismus in Deutschland verdammt schwer machen.

Mir ist am wohlergehen dieses Landes gelegen. Dafür bin ich z.B. jemand, der mit Überzeugung Steuern zahlt. Weil ich weiß, dass ein Land zum funktionieren Geld braucht. Mein Patriotismus ist ein gutes Gefühl beim Zahlen von Steuern. Und da kann ich über meinen Betrag zum Wohlergehen des Landes auch mal stolz sein.

Als Gerhard Schröder damals die Beteiligung am Irakkrieg verweigerte, was ich sogar etwas stolz, ein Deutscher zu sein. Immerhin hatte ich ihn gewählt.

Dieser Stolz bezieht sich aber immer auf etwas, was faktisch passiert. Die Angehörigkeit zu einer Nation allein hat diese Ebene nicht. Darauf kann man nicht wirklich stolz sein.

Patriotismus in Sinne von Verantwortung für das Gemeinwohl ist in Ordnung.

Der "Stolz", den der Neonazi ausdrückt, soll ihn über andere Nationalitäten erheben, ihn besser machen, ihm Wert geben. 

Der Ausspruch "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" ist fest mit diesem unpatriotischen und menschenfeindlichen Weltbild der Neonazis verbunden. Daher wird man eben dort einsortiert, wenn man ihn benutzt.

Sei ein Patriot, der, wie Du schreibst, allen gegenüber offen ist, der sich der Verantwortung für das Wohl des Landes bewußt ist und vergiss den Stolz.

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Sorry ich meinte * wenn ich IN Frankreich geboren wäre*

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Moin Sausi, 

Holländer und Dänen? Darf ich dich also in Norddeutschland verorten? Sehr sympathisch, auch wenns kein Qualitätsmerkmal ist. 

Was den Stolz angeht, zwei Gedanken. Das ich Deutscher bin ist Zufall, aber auf mein Land kann ich sehr wohl stolz sein. Wir haben eine gute Infrastruktur, ein gutes Sozialsystem, ein gutes Gesundheitswesen und versuchen zu helfen wo wir können. Und ja, durch meine erheblichen Steuergelder darf ich dazu beitragen, dass das alles so ist wie es ist. Also schon eine gewisse Form der Leistung. 

Ich denke in diesem Zusammenhang darf ich schon stolz auf unser Land und auf uns Deutsche sein, denn wir halten den Laden schließlich am laufen. 

Und ich finde es sehr schade, das wir immer noch von den Schuldgefühlen der Vergangenheit geplagt werden. 

Was die Amis zuviel haben, haben wir Deutschen zu wenig.

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@Phylangan

Ich denke in diesem Zusammenhang darf ich schon stolz auf unser Land und auf uns Deutsche sein

Da stimme ich Dir zu. Du stellst aber eben auch einen klaren Bezug zu den Leistungen her, auf die der Stolz sich bezieht.

Der zur Frage gestellte Terminus ist aber i.d.R. allein und unreflektiert auf die nationale Zugehörigkeit bezogen. Und hier ist er eben ein Merkmal der Abgrenzung und Überhöhung.

Und ich finde es sehr schade, das wir immer noch von den Schuldgefühlen der Vergangenheit geplagt werden.

Auch hier ist eine Differenzierung nötig.

Schuld hat keiner von uns. Schuld ist immer individuell und niemals übertragbar. Schuld haben nur die, die Täter waren. Und das waren m.E. eben fast alle Deutschen, die damals aktiv beteiligt oder passiv duldend die Katastrophe ins Werk gesetzt haben.

Wir als Nachkommen sowohl in staatlicher Rechtsnachfolge wie auch als Kinder und Enkel haben eine besondere Verantwortung.

Mehr als anderen obliegt es uns, den verhängnisvollen Mechanismen der Verrohung gegenüber sehr sensibel zu sein. Wir haben die Verantwortung, dass sich so etwas niemals wiederholen darf. Und der Schoß ist fruchtbar.

Es ist diese Verantwortung vor der Geschichte, die dauerhaft mahnend unser Lackmuspapier für jedwede nationalistische Gesinnung sein muss.

Sie erlischt nicht mit dem Ablauf der Zeit. Sie bleibt bestehen, solange es in diesem Land kranke Geister gibt, die die Lehre der Geschichte nicht gezogen haben. Es sind die Braunen von heute die uns der braunen von damals gemahnen.

Und als Patrioten sind wir verpflichtet, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Die braunen Krepel sind eine Schande für unser Land. Erst wenn diese Pest überwunden ist, hat sich der Kreis der Geschichte geschlossen.

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Phylangan, du bist mir sympathisch 😀. Deutschland ist weit davon entfernt perfekt zu sein, aber trotzdem muss ich dir zustimmen! Man kann zwar nicht zu 100% stolz darauf sein, deutscher zu sein, aber man kann stolz auf Deutschland sein. Deutschland traut sich zu wenig und hält sich ein wenig zurück. Deutschland ist nicht mehr so selbstbewusst wie früher und das alles wegen einem Vollidiot, der unbedingt Krieg wollte. Hitler hatte viel zu viel Stolz, dadurch das er viel zu patriotistisch war und noch verrückt und größenwahnsinnig dazu war, musst Millionen Menschen sterben. Traurig.

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Genau Sausi! Da hast du vollkommen recht! Den Patriotismus, den ich meine, ist dieses zusammen sein, eine Nation sein. Bei der WM ist sowas ganz stark, aber leider an anderer Stelle zu wenig. 👍Daumen hoch für dich.

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Danke für den Stern. Freut mich bei solchen wichtigen Fragen um so mehr, wenn ich helfen konnte.

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Du hast einfach Ahnung! Hast dir den Stern richtig verdient. Es gab zwar viele Antworten die sehr gut waren, aber deine ist einfach am besten gewesen. LG

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Zunächst einmal hört man diese Aussage eigentlich grundsätzlich von Leuten, die dem rechten politischem Spektrum angehören. Das macht sie nicht automatisch zu Nazis, aber sie stehen diesen zumindest in einigen Ansichten näher als so manch anderer. Und so fällt auch oftmals mehr als nur dieser eine Satz, um Menschen in diese Richtung denken zu lassen. Sollte es wirklich nur dieser eine Satz sein, wird man auch sicherlich nicht von jedem Ausländer als Nazi bezeichnet (wobei der exakte Wortlaut "stolz, ein Deutscher zu sein" absolut grenzwertig ist). Dies wird allerdings immer wieder gerne behauptet, um sich eine Opferrolle zu schaffen. Ebenso wie einige Sätze, die hier auch wieder fallen. "Was haben wir mit dem Holocaust am Hut?" oder "Wieso wird den Nachkriegsgenerationen immer noch die Schuld gegeben?". Alles Sätze, die natürlich absoluter Blödsinn sind und den Verfasser zumindest als keine besonders helle Leuchte zu erkennen geben, oder zeigen, daß er eine klare Absicht verfolgt.

Und die Aussage "bei den Amis sagt keiner was" ist echt Unsinn. Natürlich sagt da wer was.

Nationalismus ist immer dumm. Stolz ohne Grund, oder aus den eindeutig falschen Gründen.

Ich wüsste im Übrigen auch einfach zu viel, worauf ich in diesem Land keinesfalls stolz sein könnte, selbst wenn ich es denn wollte (Rechtspopulisten, brennende Flüchtlingsheime, Homophobie, neue Spießigkeit, Politikverdrossenheit/-gleichgültigkeit, Drogenpolitik, Gartennazis, Macht der Kirche, FSK/USK, die Charts, Bücher-Bestenlisten, das Fernsehprogramm und und und).

Weil die Staatszugehörigkeit keine eigene Leistung ist.

Ich bin ja auch nicht stolz darauf, Beine zu haben und laufen zu können. Stolz könnte ich darauf sein, wenn ich eine Querschnittslähmung gehabt hätte und dann aus eigener Kraft wieder Laufen gelernt hätte.

Leider ist Nationalstolz und Hurra-Patriotismus oft eine Vorstufe davon, das eigene Land allen anderen als überlegen zu empfinden. Und was daraus resultiert, brauche ich Dir sicher nicht zu sagen.

Was ganz anderes ist es, wenn ich sage: "Ich bin froh und glücklich, in einem Land leben zu dürfen, das so relativ freiheitlich und demokratisch ist wie Deutschland".

Um mich mal auf andere Antworten zu beziehen: Es ist erstaunlich, wie viel völkisches Gedankengut noch in den Köpfen der Menschen rumschwirrt, während es gleichzeitig bekämpft werden soll. Deutscher ist man doch nicht durch die Geburt! Man ist es durch freie Selbstbestimmung, die Sprache und entsprechende kulturelle historische Kenntnisse. Die eigenständige Kreation von Identität ist immer eine Leistung, selbst wenn sie von vielen nicht als solche erkannt wird. Somit kann man auch z.B. stolz sein Deutscher zu sein. Außerdem, wer hat das Recht einem Migranten oder Flüchtling abzusprechen, Deutscher zu sein, wenn er/sie es bevorzugt? Weil er/sie hier nicht geboren ist? Deutscher sein: Das ist doch kein Zufall. Wer hat das Recht überhaupt jemandem abzusprechen sich einer Nation anzuschließen, nur weil wir alle Menschen sind? Hätte ich damit auch das Recht auf Individualität verloren; weil ich ein Mensch bin und wir alle angeblich gleich sind? Gleiches Recht und die Möglichkeit sich mit einem Partner, einer Familie oder einer Gruppe, egal wie groß sie sein mag, zusammenzuschließen, sollte das einzige sein, das die Menschen verbindet. Sonst wäre die Welt nur grau und öde. Auch kann Patriotismus niemandem schaden, egal in welchem Maß. Patriotismus hat auch noch nie einem geschadet, wie jede Art der Liebe. Abhängigkeit und Ignoranz haben hingegen nichts mit Liebe zu tun und trotzdem gab es doch schon genug Menschen, die die schrecklichsten Gräuel angeblich aus Liebe getan haben. Und da viele von sich behaupten Patrioten zu sein, doch in Wahrheit nur Vernichtung predigen, werden viele andere aus frommer Pauschalisierung einen jeden verdammen, der sich so nennt.

Wenn ein Ammi stolz auf sein Land ist, sagt keiner was

Ich bin darauf bereits in meinem Kommentar unter Realsausis Antwort eingegangen.

Der Umstand, das du Deutscher bist, ist noch mehr dem Zufall unterworfen als ein evtl. Lottogewinn. Da gibt es also nichts WORAUF du stolz sein könntest. 

In unserem schönen Land zu leben, deinen Teil zur Gesellschaft beizutragen, wirtschaftlich, sozial und politisch...................auf diese deine Leistungen (so denn vorhanden) kannst und darfst du stolz sein. 

Deine Frage ist also, auch aufgrund der aktuellen Situation im Land, etwas unglücklich formuliert, weshalb du hier auch viel Gegenwind erntest. 

Stolz darauf zu sein dass du deutscher bist, ist genauso eine "falsche" Aussage wie "stolz darauf zu sein Mensch zu sein".

Was aber ein Mensch daraus macht, in dem jeweiligen Land in dem er lebt, da darf ein gesunder Patriotismus und ein wenig Stolz vorhanden sein. 

Wenn man sich aber für etwas Besseres als Andere hält, dann stehen wir alle in der Verantwortung die Reißleine zu ziehen, um den freien Fall zu beenden.

Da hatten wir uns unter Sausis Antwor ja auch schon drüber unterhalten. Trotzdem danke :)

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