Verganheit aufarbeiten ohne therapie?

8 Antworten

Hallo Raspberry,

"verarbeiten" bedeutet 'verdauen'. Die Dinge, die immer wieder Dich runter ziehen.... Dinge und Themen, die Dein Leben zur Qual machen,.... in Deinen Lebenslauf so einzugliedern, sodass Du einen Umgang damit finden kannst. Ohne zu hadern, wegzudrängen, wütend zu sein oder gar immer wieder zu verzweifeln.

Zumindest kann es das bedeuten.

Ohne Therapeut aufzuarbeiten....
ich behaupte, es kommt auf die Komplexität des Traumata an. Man kann vieles selbst tun (immer). Aber je ausgeprägter die inneren 'Wahrheiten' sind (was auch beim einzelnen Trauma der Fall sein kann), also je 'angekratzter' das Selbstwertgefühl, die eigene Identität, das "Sicherheitserleben" (innen und außen) und so weiter,..... desto schwerer wird es einen inneren Zugang allein zu bekommen.

Eine "Brücke" können auch Fachbücher sein, obwohl es offenbar zum Teil schwer ist, diese Worte zu verstehen/begreifen. Auseinandersetzung mit den Symptomen (quasi 'Psychoedukation'). Damit die Symptome eine sinnvolle Bedeutung bekommen und nicht nur "lästig" sind (gehadert wird).

Beginnen, sich selbst verstehen zu lernen. Mit all seinen Symptomen.
Sich selbst lernen (wieder) wertzuschätzen (wenn die Wertschätzung nicht mehr gegeben sein sollte).
Wieder vertrauen in sich finden.
Sich ein stabiles Umfeld aufbauen.

[....]

Das sind einige Punkte, die zur "Genesung" beitragen können (nicht müssen).

Dies ist lediglich meine Wahrheit.

Und: auch wenn an sich gearbeitet wird, dann kann sich noch immer massiv im Leben verlaufen werden.....

  • Das Problem der Aufarbeitung beginnt nicht beim "Verdauen", dieses hat mit Verlaub den geringsten Anteil, und wie im Leben auch, passiert "Verdauung" und gehört überhaupt zu den abschließenden Vorgängen.
  • Die Überschreitung der eigenen Schmerzgrenze, das schlußendliche "Leid-sein" von Leiden mit der tiefe Wunsch nach Veränderung, sprich innerem Frieden und Freisein sind Initialzündungen. Der Fragesteller ist offenbar so weit.

Der Rest folgt dann, s.mein Beitrag.

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  • Oft schätzt man eine Begebenheit im eigenen Leben gar nicht als mögliche Ursache für spätere Störungen ein.
  • Aufarbeiten bedeutet:

  1. Situationen etc., die einen z.B. verlezt haben, als solche zu erkennen 
  2. und dann als solche anzuerkennen
  3. damit wird die Verdrängung aufgeboben, diese kann über viele viele Jahre gedauert haben
  4. Anschauen & Verstehen sind angezeigt, nicht diskutieren. 
  5. Den Schmerz, der dabei freigesetzt wird, annehmen, so wie er ist, ohne Schuldgefühle und irgendwelches gedankliches Beiwerk. 
  6. Schmerz will gesehen werden, erst dann kann er gehen. Das ist wie mit dem kleinen Kind, was ständig an Mutters Rockzipfel zerrt, weil .... es will Aufmerksamkeit. Bekommt es die, ist gut.
  7. Die Belohnung: Die im Schmerz gebundene Energie wird frei (das ist wenn wir beim Weinen und danach auf- und durchatmen, wir werden ent-lastet).
  8. Diese Energie fällt auf uns zurück und steht uns und unserem Leben zur Verfügung (Oft beginnen Menschen dann neue Sachen, die sie vorher nicht gemacht haben, die eigene Lebensenergie wurde aufgefüllt).
  9. Auch Verhaltensweisen und Vermeidungstrategien, die man unbewusst gemacht hat ( und die oft mit unschönen Gefühlen wie zum Beispiel Angst einhergingen) erledigen sich dann, da hierfür keine Notwendigkeit mehr besteht. 
  10. Man braucht in diesem Punkt dann keinen "Selbst-Schutz" mehr. 

Man "schaut " nach, inwiefern die Vergangenheit den Menschen hindert, sich heute zu entfalten. Man schaut nach, in wie fern der Mensch sich heute noch behindert.

Die Vergangenheit aufzuarbeiten,bedeutet nicht: sie zu vergessen oder dass sie einem nun kalt lässt. Aber man lässt sich von ihr heute nicht mehr daran hindern, ein selbstbestimmmtes und zufriedenes Leben zu führen.

Manche Laien meinen, dass die Probleme, die sich aus der Vergangenheit ergeben, sich in Luft auflösen und weg sind, wenn man die Vergangenheit aufarbeitet. Das ist aber nicht der Fall.

Die Vergangenheit gehört zu einem, die kann man nicht abschütteln. Aber man lernt, mit ihr umzugehen.

Ich selbst z.B.war immer das jüngste Kind in der Familie. Mein Bruder war 18 Jahre älter als ich, mein jüngste Cousine immer noch 12 Jahre älter. Ernstgenommen bin ich also nicht in der Familie,denn ich war halt inmitten erwachsener Leute immer die KLeinste.

Früher war ich denn auch entsprechend zurückhaltend und schüchtern, wenn ich mich  in einer Gruppe äußern sollte, Ich geriet sehr schnell wieder in die Rolle der Jüngsten und Kleinsten hinein, die sich den Mund verbieten lässt oder sich nur dann traut, etwas zu sagen, wenn es besonders gut ist.

Durch die Aufarbeitung dieser Vergangenheit habe ich gelernt, nun ohne Scheu Gruppen zu leiten, Vorträge zu halten.etc... Lampenfieber habe ich immer noch, das ist auch ganz normal, aber ich weiß,dass vieles von dieser negativen Energie aus meiner früheren Rolle in der Familie gespeist wird. Und wenn ich mir das klar mache, dann tapse ich nicht immer wieder in diese Falle - die ich mir selbst stelle - , nämlich mich klein zu machen, hinein. Andere Gruppen- oder Seminarteilnehmer sind nicht meine Familie.

Kleinigkeiten kann man natürlich alleine bewältigen. Aber größere Sachen sollte man tunlichst mit einem Therapeuten aufarbeiten.


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