Thomas Nagel "Das Psychophysische problem" - Einfach erklärt?

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Beim psychophysischen Problem geht es allgemein um das Verhältnis von Psychischen (Seelischem) und Physischem (Körperlichem). Darin steckt etwas, das traditionell als Leib-Seele-Problem bezeichnet wird. In neueren Untersuchungen geht es oft um ein Geist-Gehirn-Problem. Das Verhältnis von Geist und Materie bzw. das von materiellen/physischen und mentalen Phänomenen wird thematisiert. Gibt es Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen und wie sind diese gegebenenfalls?

Thomas Nagel nennt das Problem des Verhältnisses in englischer Sprache Mind-Body Problem. Es gibt von ihm selbst einen einführenden Text.

Thomas Nagel, Was bedeutet das alles? : eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Gebauer. Stuttgart : Reclam, 2008 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 18630), S. 32 – 41 (Kapitel 4: Das psychophysische Problem)

Er beschäftigt sich vor allem mit dem Verhältnis zwischen Geist (mind) bzw. Bewußtsein (consciousness) und Gehirn (brain). Ein erster Schritt ist die Feststellung, diese Bereiche stünden nicht beziehungslos nebeneinander.

Wie Erfahrung zeigt, gibt es offensichtlich Beziehungen. Vorgänge in unserem Bewußtsein hängen davon ab, was mit unserem Körper geschieht (z. B. schmerzt es, wenn wir mit dem Zeh irgendwo anstoßen). Bei allem, was im Geist/im Bewußtsein geschieht, muß irgendetwas im Gehirn geschehen. In einigen Fällen ist bekannt, wie das Gehirn den Geist beeinflußt (z. B. erzeugt Stimulation (Reizung) bestimmter Gehirnzellen visuelle Erfahrungen) und wie der Geist das Gehirn beeinflußt (z. B werden bei der Entscheidung, sich ein weiteres Stück Torte zu nehmen, Impulse an die Armmuskeln gesendet). Auch wenn nicht alle Einzelheiten bekannt sind, ist klar: Es gibt verwickelte Beziehungen zwischen, dem, was im Geist geschieht, und physikalischen Prozessen, die im Gehirn vorgehen.

Soweit gehört dies nach Thomas Nagel in den Bereich empirischer Wissenschaften, nicht der Philosophie. Es gibt aber auch eine philosophische Frage zu dem Verhältnis: Ist der Geist irgendetwas von Gehirn Unterschiedliches, wenn auch mit ihm verbunden, oder ist der Geist das Gehirn? Anders ausgedrückt: Sind unsere Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Empfingen und Wünsche Dinge, die zusätzlich zu den physikalischen Prozessen im Gehirn geschehen, oder sind sie selbst eine Teilmenge dieser physikalischen Vorgänge?

Das Problem wird an dem Beispiel einer Empfindung des Geschmacks von Schokolade beim Hineinbeißen in einen Schokoladenriegel erläutert. Kann dies mit einem physikalischen Ereignis in einigen unserer Gehirnzellen identisch sein oder ist dies von ganz grundlegend anderer Art?

Es scheint, als könnte ein Wissenschaftler den Geschmack von Schokolade in unserem Gehirn nicht finden, da unsere Empfindung des Geschmacks von Schokolade in unserem Geist auf eine Weise eingeschlossen ist, die sie für jeden anderen unzugänglich macht – selbst angenommen , er blickte in das Gehirn hinein. Unsere Erlebnisse sind im Innern unseres Geistes auf eine andere Art von »innen« als das Gehirn im Inneren des Kopfes. Ein anderer als wir selbst nicht auf gleiche Art wie wir unseren Geist öffnen und in sein Innenleben blicken, wie er einen Schädel öffnen und sein Innenleben ansehen kann. Wenn unsere Erlebnisvorgänge auf eine andere Weise in unserem Bewußtsein sind, als sich die entsprechenden Gehirnprozesse in unserem Hirn befinden, scheinen unsere Erlebnisse und andere psychische Zustände nicht einfach bloß physikalische Zustände unseres Gehirns sein. Wir müssen demnach mehr sein als bloß ein Körper mit einem Nervensystem.

Thomas Nagel erörtert drei Auffassungen zu dem Problem:

1) Dualismus

2) Physikalismus

3) Doppelaspekttheorie

Dualismus: Es gibt eine Seele, die an den Körper auf irgendeine Weise gebunden ist, die ein Einwirken aufeinander (Interaktion) möglich macht. Menschen bestehen aus zwei sehr verschiedenartigen Dingen: einem komplexen physischen Organismus und einer rein psychischen Seele. Das psychische (mentale) Leben geht in der Seele vor sich.

Physikalismus (bzw. Materialismus): Personen bestehen aus nichts als physikalischer Materie. Psychische (mentale) Zustände sind einfach Zustände des Gehirns. Es gibt keinen guten philosophischen Grund für die Überzeugung, sie könnten es nicht sein. Einzelheiten herauszufinden, ist Aufgabe zukünftiger Naturwissenschaft,.

Doppelaspekttheorie (Zwei-Aspekte-Theorie): Das Gehirn ist der Ort des Bewusstseins, aber unsere physischen (mentalen) Erlebnisse, die bewußten Zustände des Gehirns, sind keine bloß physikalischen Zustände. Eine Handlung ruft einen Zustand oder Vorgang mit zwei Aspekten (Gesichtspunkte; Hinsichten) hervor: einen physikalischen Aspekt (mit chemischen und elektrischen Veränderungen) und einen psychischen Aspekt (z. B. Geschmacksempfindung). Eine Person ist bloß ein Körper, aber der Körper (oder zumindest das Gehirn) ist nicht bloß ein physikalisches System, sondern ein Gegenstand mit physikalischen und psychischen Aspekten.

Ein Glaube an die Existenz einer Seele bei vielen als altmodisch und unwissenschaftlich. Wenn alles andere in der Welt aus physikalischer Materie besteht, warum nicht auch Personen? Welches philosophische Argument könnte es geben, ein komplexes physikalisches System sei nicht ausreichend, durch sich selbst psychisches Leben entstehen zu lassen?

Ein Dualist könnte entgegnen, um eine Empfindung zu entdecken, müßte etwas Physisches (nicht eine physikalische Sundstanz, sondern eine innere Empfindung) in Begriffe physikalischer Teile zerlegt werden, aber physische Vorgänge könnten nicht zu einem psychischem Ganzen summiert werden, da psychische Vorgänge sich nicht ebenso in kleinere teile zerlegen lassen wie ein physisches Ganzes.

Eine Theorie zur Verteidigung des Physikalismus besteht darin, die psychische (mentale) Natur unsrer psychischen (mentalen) Zustände bestehe in ihren Beziehungen zu Dingen, die ihre Ursachen und Wirkungen sind. Ein Schmerz sei z. B. ein Zustand des Gehirns, der gewöhnlich durch eine Verletzung verursacht wird und ein Aufschreien und Herumspringen und Vermeiden des Dinges, das die Verletzung verursacht hat, bewirkt.

Schmerz fühlt sich aber auch auf eine bestimmte Weise an. Dies scheint etwas Unterschiedliches gegenüber Beziehungen zu Ursachen und Wirkungen und zu anderen physikalischen Eigenschaften, die Schmerzen möglicherweise haben. Thomas Nagel meint, dieser innere Aspekt von Schmerz und anderen bewußten inneren Erlebnissen könne nicht angemessen in Begriffen kausaler Beziehungen zwischen physikalischen Reizen und dem Verhalten analysiert werden. Es scheine zwei Arten unterschiedlicher Dinge zu geben, die sich in der Welt ereignen: zur physikalischen Realität gehörende Dinge, die sich von außen beobachten lassen, und zur psychischen Realität gehörende Dinge, die jede Peron in ihrem eigenen Fall von innen erlebt.

Solange nicht erklärt werden könne, auf welche Weise eine Vielzahl physikalischer Elemente ein bewußtes Wesen bilden, habe man keine angemessene Gesamtauffassung der Wirklichkeit. Wenn das Bewußtsein selbst mit irgendeinem physikalischen Zustand identifiziert (gleichgesetzt) werden könnte, wäre freie Bahn für eine vereinheitlichte physikalische Theorie von Geist und Körper, und daher vielleicht auch für eine physikalische Einheitswissenschaft vom Universum. Aufgrund des Gewichts der Argumente gegen eine rein physikalische Theorie des Bewußtseins hält Thomas Nagel es jedoch für wahrscheinlich, daß eine physikalische Theorie der gesamten Wirklichkeit nicht möglich ist.

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Ergänzungen über den Buchabschnitt hinaus:

Die Problem der subjektive Erlebnisqualität wird von der Philosophie als Problem der Qualia bezeichnet.

Nach Thomas Nagel ist die Beschreibung bestimmter Sachverhalte durch das Einnehmen eines Standpunkts bedingt. Der subjektive Kern mentaler Erlebnisse macht es unmöglich, sie von einem objektiven Standpunkt aus zu beschreiben, weil er nicht erfaßt, wie es für ein Subjekt ist (sich anfühlt) diese Bewußtseinszustände zu haben. Die Wirklichkeit ist nicht allein aus einer objektiven Perspektive angemessen beschreibbar. Die objektive Perspektive zeigt nur ein Teilbild der Wirklichkeit. Denn es gibt nicht nur eine Weise, wie die Welt an sich ist, sondern auch unsere subjektive Perspektive (Innenperspektive) ist ein Teil der Welt.

Die für Empfindungen charakteristischen Erlebnisqualitäten sind insofern subjektiv, als sie notwendig an eine bestimmte Perspektive (die des Ichs; Perspektive der ersten Person) gebunden sind. Die Physik ist dagegen objektive, in ihr wird von jeder einzelnen Perspektive abgesehen. Daher besteht für die Auffassung eines reduktionistischen Physikalismus bzw. reduktionistischen Physikalismus ein Problem: Wie soll es möglich sein, ihrer Natur nach subjektive mentale Zustände auf objektive physikalische Zustände zu reduzieren (zurückzuführen).

Ansgar Beckermann, Das Leib-Seele-Problem : eine Einführung in die Philosophie des Geistes. Paderborn : Fink, 2008 (UTB ; 2983; Kurs Philosophie), S. 102:
Thomas Nagels Thesen zum subjektiven Charakter von Empfindungen

  1. Es gibt bestimmte Begriffe, die nur erwerben kann, wer in der Lage ist, eine bestimmte Erfahrungsperspektive einzunehmen.

  2. Tatsachen, die man erfassen kann, wenn man nur über die derartige Begriffe verfügt, sind subjektive Tatsachen.

  3. Tatsachen, die die Frage betreffen, wie es ist, bestimmte Empfindungen zu haben, sind in diesem Sinn subjektiv.

  4. Im Augenblick haben wir noch keinerlei Vorstellung davon, wie es möglich sein soll. ihrer Natur nach subjektive mentale Zustände auf objektive physikalische Zustände zu reduzieren.“

nützlich könnte sein:

Simon Derpmann, Thomas Nagel. In: Kleines Werklexikon der Philosophie. Herausgegeben von Michael Quante. Vorarbeiten von Franco Volpi. Unter Mitarbeit von Matthias Hoesch. Stuttgart : Kröner, 2012 (Kröners Taschenausgabe ; Band 402), S. 412 – 416 (zu anderen Werken, aber inhaltlich in einigen Abschnitten zum Thema)

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@Albrecht

Vielen Dank für die ausführliche Antwort! Du hast mir damit seeeehr geholfen! :)

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