Stefan Zweig: Die "Schachnovelle"

Das Ergebnis basiert auf 4 Abstimmungen

Ich mag Kekse!!! 50%
Nein, er ist kein Nationalsozialist 25%
Ja, er ist Nationalsozialist 25%

4 Antworten

Ja, er ist Nationalsozialist

ich kann mich daran leider nicht erinnern, aber viele mussten sich den nazis anpassen, und waren damit dann eher mitläufer, was besser war, als opfer zu sein. wahrscheinlich hätte er gar nicht spielen können, wenn er den nazis besonders negativ aufgefallen wäre. es gibt in unterdrückten ländern immer menschen, die den unterdrückern zuspielen, um dadurch vorteile zu genießen.

Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art und Weise. Beim Lesen entsteht eine Welt im Geist, und diese Welt wird bewertet mit erlernten Einstellungen aus der eigenen Vergangenheit. Im Alter von 20, oder 40, oder 60 Jahren liest man ein buch mit einer anderen Sichtweise. Ein Mensch, der ausschließlich mit dem Verstand die Welt betrachtet, wird eine begrenzte Sicht haben müssen, da sich die Welt niemals nur mit dem Verstand erklären läßt. Diesen Menschen fehlt eine wichtige Komponente, wenn sie das Fühlen außer Acht lassen.

Diese Menschen leben im Zustand des Getrenntseins und der permanenten Abgrenzung mit Allem, was da ist. Und so fühlen sie sich von Allem getrennt. Dieses Gefühl des Getrenntseins ist bei sehr vielen Menschen heutzutage bemerkbar. Sie erleben unterschwellig ihre eigene Angst, da sie in der Außenwelt keine befriedigende Reflexion erleben können. Sie tragen diesen Gesichtsausdruck des Gehetztseins mit sich herum und versuchen laufend, sich im nächsten Moment finden zu können.

Stefan Zweig – und vielen seiner Kollegen der schreibenden Zunft – ist dieses Phänomen etwa um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts aufgefallen. Wir finden dieses Thema wie einen roten Faden in vielen Werken, welche um die Zeit von 1900 und danach geschrieben wurden.

Es geht hierbei um die Spaltung im Bewußtsein. Menschen haben erkannt, daß sie sich mit einem gedanklichen Selbst identifiziert haben. Die Medizin nennt es Ego-Bewußtsein, die Religion nennt es Teufel, und in heutiger Zeit wird dieses Thema oft einfach nur unter den Tisch gekehrt. Der Verstand versucht, die Ursachen für diese Störung zu finden, und er kann nicht erkennen, daß er selbst die Ursache ist. Der Mensch hat den Brandstifter zum Freuerwehrhauptmann gemacht.

In der Schachnovelle werden die Charaktere symbolisch dargestellt. Sie stehen quasi stellvertretend für Schichten in der Gesellschaft. Bereits in seinen früheren Werken ist ihm diese Thematik wichtig gewesen, nur in einem geschichtlich anderen Kontext – Ungeduld des Herzens – und – Der Amokläufer. Seine Personen sind nur Statisten, die anscheinend von einem Schicksal hin und her geworfen werden.

Ich betrachte all diese Werke als ein Gesamtwerk. Es ist wie eine große Bewegung im kollektiven Bewußtsein, welche zu damaliger Zeit nicht nur die Literatur beschäftigt hatte. Es war wie ein Aufbruch in eine neue Zeit. Und da wir in einer dualen Welt leben, werden wir auch jedes Mal beide Komponenten einer Sache erleben müssen.

Die Auflösung aller Gegensätze im Bewußtsein, das ist in vielen Schriften zu erkennen – wenn man ein Buch nicht nur mit dem Verstand liest. Der Verstand kann kein Gefühl erkennen. Er kann nur über dieses reden und spekulieren. Ursache hierfür ist das andauernde Denken-müssen. Dieses Denken geschieht überwiegend unbewußt. Damit meine ich, daß der Mensch nie gelernt hat, zu denken und nicht weiß, wer da im Grunde denkt. Wenn er Ich sagt, meint er damit dieses selbstgeschaffene Ich im Kopf. Es ist das Ego-Bewußtsein, welches laufend sagt: Ich bin Du.

Stefan Zweig hat diesen Vorgang der Bewußtwerdung geschildert. Ein Zustand ohne Gedanken. Ein Erleben der Realität, ohne über sie nachdenken zu können. Ein Erleben des Augenblicks – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Eine Aufhebung der Spaltung im Bewußtsein. Dieses Thema finden wir in der Literatur sehr häufig in Form einer Geschichte, die dem Schriftsteller den nötigen Freiraum gewährt.

Und doch sind die hier geschriebenen Worte nicht die Wahrheit. Sie erzählen nur über sie. Die Worte sind wie Krücken, welche auf etwas hinweisen, was außerhalb des Verstehens erkannt werden kann. Dazu bedarf es keines einzigen Gedankens, sondern nur einen Moment der Stille im Denken.

Herzliche Grüße Passe Partout

In vieler Hinsicht verkörpert die ganze Figur des Mirko Czentovic schon die "Nazi-Seite": er ist dumpf, primitiv und denkt schwerfällig - ist gleichzeitig arrogant, abweisend und geldgierig. Nur in seinem Schachspiel ist er mechanisch präzise, ein menschlicher Schachautomat.

Also stellt er nicht nur als Schachspieler den Gegener des Intellektuellen Dr. B. dar, der geistreich, kultiviert und intelligent ist. Schach hat er sich meisterlich als Nazi-Gefangener selbst beigebracht doch trotz seiner geistigen Überlegenheit kapituliert er schließlich vor der übermächtigen kalten Geistlosigkeit.

Genau wie der Autor: Die Schachnovelle war sein letztes Werk, nach ihrer Fertigstellung beging Stefan Zweig im Exil Selbstmord. Aus Schwermut und Verzweiflung über die Zerstörung seiner geistigen Heimat Europa durch die Faschisten.

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Übrigens wurden nicht alle Osteuropäer als "minderwertig" betrachtet: Die Donaustaaten Ungarn, Rumänien und Bulgarien waren ja ab 1940/41 Verbündete der Deutschen. Soweit ich mich erinnern kann, wird Czentovic als Sohn eines ertrunkenen Donauschiffers beschrieben - ein "richtiger" Nazi mit Parteibuch wäre also theoretisch schon möglich.

Allerdings schrieb Zweig die Schachnovelle bereits zwischen 1938 und 1941 und seinem Charakter nach würde ich Mirko als den typischen Mitläufer (wenn es ihm nützt vielleicht auch Mittäter) sehen. In aller erster Linie ist er aber an Geld und an sich selber interessiert.

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