Rene Descartes Geist und Körper sind gänzlich verschieden

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Es ist nicht uninteressant, sich mit dem Leben des René Descartes zu beschäftigen, weil man dann einen Einblick erhält in eine Zeit, als sich die moderne Wissenschaft gegen Widerstände der Kirche auf den Weg machte. Er war ja nicht nur Philosoph, er war vor allem Abenteurer, Wissenschaftler und der folgende Auszug aus Wikipedia sagt, in welchen Zeiten er lebte: "Während seiner ersten Zeit in Holland arbeitete Descartes an einem Traktat zur Metaphysik, in dem er einen klaren und zwingenden Gottesbeweis zu führen hoffte. Er legte ihn jedoch beiseite zugunsten eines großangelegten naturwissenschaftlichen Werks, das in französischer Sprache verfasst werden sollte und nicht mehr, wie seine bisherigen Texte, in Latein. Diesen Traité du Monde „(Abhandlung über die Welt)“, wie er heißen sollte, ließ er jedoch unvollendet, als er vom Schicksal Galileo Galileis erfuhr, der 1633 von der Inquisition zum Widerruf seiner die Forschungen von Nicolaus Copernicus und Johannes Kepler bestätigenden Theorien gezwungen worden war." Es war eine Zeit der Angst, der Inquisition erst Stück für Stück konnten sich die Wissenschaftler und Philosophen vom Geist der Scholastik lösen. Für viele war das mit der Gefährdung ihres Lebens verbunden. Man kann teils mit Fug und Recht sagen, dass wir - selbst in den anonymen Werken - nicht die wirkliche Auffassung der Autoren lesen, sondern immer eine getarnte. Das heutige Weltbild nahm zu Descartes Zeiten erst seinen Anfang. Insoweit kann man fairerweise gar nicht erwarten, dass Descartes bereits unserem Weltbild entspricht. Dennoch war es eine ungeheuere Leistung, sich trotz Verfolgung und Unterdrückung vom begrenzten Weltbild des Mittelalters zu lösen. Modernere Vorstellungen zum Thema findest Du z.B. bei Karl R. Popper in seiner "Drei-Welten-Theorie".

1) Bei René Descartes tritt ein Dualismus zweier Substanzen auf, der ausgedehnten Sache (res extensa) und der denkenden Sache (res cogitans). Im Cartesianismus schließen sich die beiden Begriffe Körper und Geist nicht mehr nur gegenseitig aus, sondern sollen darüber hinaus das Ganze der endlichen Wirklichkeit erfassen.

Eine Person ist für Descartes etwas Zusammengesetztes, eine Verbindung von zwei Substanzen als eine funktionale Einheit. Descartes trennt scharf Materie und Geist. Die Organismusfunktion wird nicht durch substantielle Formen, sondern durch die Materiemodi (Modus = Wiesein; eine Art und Weise der Beschaffenheit, keine hinzugefügte Wesenheit [Entität]) Bewegung (motus) und Figur/Gestalt (figura) erklärt, die aufgrund der Naturgesetze eine organisierte Anordnung von Korpuskeln hervorbringen können. Bei menschlicher Anlage (dispositio) gieße Gott der Maschine (eine mechanische Sichtweise des Organismus) Körper eine geistige Seele ein, die im Körper willkürliche Bewegungen veranlasse und der Körper veranlasse undeutliche Gedanken (cogitationes). Als organischer Sitz der Seele gilt die Zirbeldrüse (Informations- und Bewegungszentrale des Automaten). Der Geist als ganzer sei im ganzen Körper und in jedem beliebigen Teil des Körpers. Die Verschiedenheit von Geist und Materie sei beweisbar, aber ihre Vereinigung nur aus der alltäglichen Erfahrung bekannt.

Die Seele ist bei Descartes Formprinzip, aber nicht Lebensprinzip. Sie gehört zur denkenden Substanz. Der Begriff Seele ist bei Descartes bedeutungsgleich mit Geist bzw. Verstand oder Vernunft (res cogitans, id est mens, sive animus, sive Intellectus, sive ratio 2. Meditation). Die Seele denkt ohne den Körper. Die Seele ist nach ihm, da nicht ausgedehnter, unteilbarer und unkörperlicher Geist, unsterblich.

Ein Beweisversuch (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la verité dans les sciences [Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen]; 2. Meditation; Principia philosophiae [Prinzipien der Philosophie]) für die reale Unterscheidung von Körper und Seele als zwei verschiedenen Substanzen ist in kurzer Zusammenfassung:

a) Ich kann nicht daran zweifeln, daß ich ein denkendes Ding bin.

b) Ich kann sehr wohl daran zweifeln, daß ich einen Körper habe, ja daß es überhaupt körperliche Dinge gibt.

c) Also bin ich nur ein denkendes Ding.

d) Also bin ich von einem körperlichen Ding (wenn es ein solches überhaupt gibt) real unterschieden.

Dies ist nur ein vorläufiges Argument. Ein überzeugender Beweis ist dies nicht, weil von einem bloß auf Erkenntnistheorie bezogenen Umstand (Möglichkeit und Unmöglichkeit des Zweifelns) einfach auf die Beschaffenheit von Geist und Körper geschlossen wird. Was jemand bezweifelt oder nicht, sagt erst einmal nur etwas über das Wissen einer Person aus.

Ein endgültiger Beweisversuch (6. Meditation und Anhang zu den zweiten Erwiderungen), bei dem die Existenz Gottes Voraussetzung für einen metaphysischen Dualismus wird, ist in Zusammenfassung:

a) Alles, was ich klar und deutlich erfasse, kann von Gott so erschaffen sein, wie ich es erfasse.

b) Wenn ich ein Ding klar und deutlich ohne ein anderes Ding erfasse, dann kann es von Gott auch ohne ein anderes Ding geschaffen sein.

c) Ich erfasse mich selbst klar und deutlich als ein denkendes Ding, und ich erfasse den Körper klar und deutlich als ein ausgedehntes, nicht-denkendes Ding.

d) Gott kann mich, ein denkendes Ding, auch ohne den Körper, ein ausgedehntes Ding, erschaffen [aus (b) und (c)].

e) Wenn Gott zwei Dinge als voneinander getrennte Dinge erschaffen kann, dann sind sie real verschieden.

f) Ich, ein denkendes Ding, bin vom Körper, einem ausgedehnten Ding, real verschieden.

Descartes nimmt an, daß ich mich, wenn ich mich klar und deutlich erfasse, als ein vollständiges Ding erfasse, und dieses vollständige Ding mit allen seinen wesentlichen Eigenschaften erfasse, nicht bloß mit kontingenten Eigenschaften. Vielmehr sei in der Erkenntnis von Akzidentien (Eigenschaften, die eine mögliche Realisierung der Substanz sind) die Erkenntnis der Substanz mitenthalten.

Vom Ich ist das Denken nicht als Eigenschaft abtrennbar (1. Meditation). Daraus folgert Descartes, das denkende Ich müsse zumindest eine relative Selbständigkeit haben, weil es unabhängig vom Körper existieren könne und ihm daher Substantialität zukommen müsse. Im Gedanken der Unkörperlichkeit des Ich ist enthalten, nicht in räumliche Teile zerlegt werden zu könne. Zum Begriff Körper gehört nach Descartes Ausdehnung als eine notwenige Eigenschaft (im Wachsbeispiel der 2. Mediation besteht er darauf, die Ausdehnung erfassen zu müssen, wenn wir die Natur eines Körpers erfassen wollen). Ein Körper als ausgedehntes Ding/ein Stück Materie hat in Gegensatz zum Geist räumliche Teile.

Bücher in Bibliotheken können helfen, z. B.:

Geneviéve Rodis-Lewis, René Descartes. In: Frankreich und Niederlande (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie des 17. Jahrhunderts – Band 2/1). Herausgeben von Jean-Pierre Schobinger. Basel : Schwabe, 1993, S. 310 – 312 (Das »cogito« und die Natur des Geistes) und S. 318 – 322 (Die Vereinigung von Seele und Körper und die Moral)

Dominik Perler, René Descartes. Originalausgabe, 2., erweiterte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 542), S. 169 – 180 (Die Dualismus-These), S. 180 – 187 (Folgelasten der Dualismus-These) und S. 209 - 219 (Zwei Substanzen und eine Person)

2) Es gibt Aussagen, der von Descartes vertretene Dualismus sei überholt. Die Sachlage ist allerdings verwickelter und auch wenn seine Art des Dualismus äußerst schwierige und anspruchsvolle Fragen letztlich nicht befriedigend löst, ist an seiner Auffassung der Ansatz, zwischen Geistigem (Mentalem) und Materiellem grundlegende Unterschiede festzustellen und zugleich eine Wechselwirkung (also Interaktion) anzunehmen und erklären zu wollen, nicht einfach veraltet und überholt.

Dominik Perler, René Descartes. Originalausgabe, 2., erweiterte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 542), S. 256 – 257:
„Einerseits ist Descartes wegen seiner Grundthesen in Verruf gekommen. Besonders seine Dualismus-These ist in der aktuellen Debatte immer wieder zur Zielscheibe der Kritik geworden. Eine adäquate Erklärung des Geistes, so behaupten zahlreiche Philosophen (vornehmlich jene in der analytischen Tradition), darf nicht davon ausgehen, daß der Geist eine vom Körper real verschiedene Substanz ist. Wer den Geist erklären will, muß vielmehr untersuchen, wie geistige Zustände auf einer materiellen Grundlage sind, welche Funktion sie auf dieser Grundlage haben und wie sie gegebenenfalls auf materielle Zustände reduziert werden können. Dieser materialistische Ansatz wird allerdings nicht einhellig vertreten. Einige Autoren […] versuchen weiterhin, den Cartesischen Dualismus gegenüber materialistischen Theorien zu verteidigen. Aber sie befinden sich eindeutig in der Minderheit. Der Dualismus hat gegenüber dem reduktiven Materialismus und anderen Formen des Materialismus seine Bedeutung eingebüßt; er wird meistens nur noch als eine Theorie von historischem Interesse erwähnt. Gestützt und teilweise inspiriert wird die philosophische Kritik am Dualismus durch die Hirnforschung, die Descartes’ mechanistisches Modell des Gehirns widerlegt hat. Insbesondere seine These, die Zirbeldrüse diene als Schaltstelle zwischen Körper und Geist, hat sich als empirisch unhaltbar erwiesen.“

Es gibt nicht nur ein einziges und einheitliches heutiges Weltbild.

In der Frage steckt das Leib-Seele-Problem (in der Tradition oft verwendete Bezeichnung) bzw. – eine vielleicht noch treffendere Bezeichnung – das Körper-Geist-Problem, also die Schwierigkeit, das grundsätzliche Verhältnis von Materie und Geist zu klären.

Dabei gibt es zwei theoretische Ansatzrichtungen:

a) Monismus: Die Erscheinungen werden durch ein einziges Prinzip erklärt. Dies kann entweder der Geist oder die Materie oder ein drittes übergeordnetes Prinzip sein.

b) Dualismus: Geist und Körper sind grundlegend unterschiedliche Dinge, die nicht auf ein einziges Prinzip zurückgeführt werden können.

Beim Monismus ist die Schwierigkeit, auf plausible Art das eine auf das andere zurückführen zu können. Eine einfache Zurückführung des Materiellen auf das Geistige steht vor der Schwierigkeit, woher der Geist Stofflichkeit und Ausdehnung haben könnte. Eine einfache gleichsetzende Zurückführung des Geistigen auf Materielles (eliminativer Materialismus) steht vor umgekehrten Schwierigkeiten und der Herausforderung, eine befriedigende Erklärung für die Subjektivität des Erlebens vorzulegen.

Beim Dualismus ist die Schwierigkeit, die offenbar bestehenden Verbindungen (in beiden Richtungen: wenn z. B. Nahrung aufgenommen wird entsteht ein Empfinden der Sättigung, wer eine Verletzung erleidet, hat dann ein Schmerzempfindung; wer sich schämt oder zornig wird, errötet oder der Blutdruck steigt an) zu erklären.

Ein nicht-interaktionistischer Ansatz (Geist und Materie sind getrennt vorhanden, ohne zusammenzuwirken) vermeidet die schwierige Erklärung eines solchen Zusammenwirkens. Dann bleibt für die Erfahrungen eines eng verbundenen Nebeneinanders aber nur ein Verweis auf einen zufällig parallelen Verlauf bzw. eine Instanz, die ihn als eine Art Uhrwerk in Gang gesetzt hat. Der Ansatz ist daher nicht wirklich befriedigend.

Ein interaktionistischer Ansatz steht vor der Schwierigkeit, Wechselwirkungen zu erläutern und plausibel zu begründen. Bei einem kausalen Einwirken des Geistes auf den Körper, wie Descartes es sich dachte, stellt sich das, Problem, wie dabei ein Energieerhaltungsgesetz der Physik nicht verletzt wird.

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Das Problem ist bei weitem noch nicht abschließend geklärt und verlangt wohl interdisziplinäre Anstrengungen.

Ein Lexikonartikel als einführende Übersicht:

Ansgar Beckermann, Leib-Seele-Problem. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – N. Hamburg : Meiner, 1990, S. 766 – 774

ein Buch mit einführender Darstellung:

Godehard Brüntrup, Das Leib-Seele-Problem : eine Einführung. 3., durchgesehen und erweiterte Auflage. Stuttgart : Kohlhammer, 2008. ISBN 978-3-17-018890-7

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ich habe von descartes noch nicht viel gelesen, aber ich denke dennoch, dass geist und körper heute immernoch sehr verschieden sind. den körper kennt man mittlerweile ziemlich gut, den geist weniger. was ich sehr interessant fand, und was dich vielleicht auch zu dem thema interessieren könnte ist das 12 dimensionenmodel von burkhard heim. interessante thesen.

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