Ist die Vernunft eine Tugend und wenn ja warum?

7 Antworten

Erst mal ist Vernunft ein Phänomen, das wie Geist oder Seele im Laufe der Philosophie- und Religionsgeschichte enormen Bedeutungswandel erfahren hat. Überall jedoch wird sie über den Tugenden eingestuft, d.h. den Tugenden, wie auch immer begründet, folgen, ist Teil der Vernunft. Bescheidenheit, Selbstzucht, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Loyalität und andere Tugenden sind in ihrer situationsangemessenen Umsetzung Teil der Vernunft, dass das Individuum zu einem gelingenderen Leben findet, wenn es durch Verfolgung der Tugenden der ganzen Gesellschaft drumherum gut geht. Sehr stark kommt das bei Kant zum Ausdruck, wo aus der Vernunft als individuelle Einstellung die selbsteingegangene Pflicht, nicht die von außen aufokroierte, hervorgeht. 

Zwischen der Vernunft als überindividuelle, gesellschaftlich, gattungsmäßig erworbene Einsicht (für die Idealisten Teil der göttlichen Weisheit) und der Kraft, vernünftig zu handeln muss man unterscheiden. Letzteres ist eine Tugend wie z.B. die Selbstdisziplin, ist die Fähigkeit, Vernunft als Einsicht vor den emotionalen Antrieb zu setzen. Das muss nicht immer gegensätzlich sein, doch die Einsicht des Geistes und die Kraft seiner Umsetzung entgegen rein individuellen Wünschen ist eine individuelle Tugend, die Teil der Persönlichkeit ist, aber auch durch Umfeld und Erziehung mitbefördert oder gehemmt wird. Dazu stehen die Zeichen in unserer egozentrischen Kultur nicht besonders gut. Sinn und Nutzen abzuwägen wird da fast immer nur auf das Ego bezogen und der Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Umfeld wird ausgeklammert.

Vernunft ist eine Geisteshaltung die Vieles im Leben leichter macht. Wenn man das mit anderen, als positiv konnotierten Geisteshaltungen vergleicht (Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Loyalität ... ) dann passt das ganz gut ins Bild. Also: Ja, Tugend geht klar ;)

Vernunft ist deshalb nützlich, weil sie Dich lehrt Fakten von Geschichten zu unterscheiden indem Du Dinge prüfst statt sie einfach zu übernehmen. So verschwendest Du im Idealfall sehr viel weniger Energie damit Illusionen nachzujagen und auf den Mist hereinzufallen den Andere in die Welt pusten.

Übrigens: Seehr lästige Tugend für Arbeitgeber, Banken, Deine Regierung etc. Wird daher immer weniger an Schulen gelehrt.

Vernunft prüft eben jeden Gedanken und jede Handlung (besonders die Eigenen) auf Sinn und Nutzen. Deshalb ist sie so selten. Man muss die Eier haben in den "Spiegel" zu schauen, zuerst vor der eigenen Haustür zu fegen. Da bleiben viele lieber im Rosa-Hollywood-Zuckerwatte-La-La-Land und feiern sich selbst ...

Haha :D amüsante Erläuterung, könnte man dann also die Vernunft mit der Klugheit vergleichen, welche ja auch zu den Tugenden gehört ?

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@NekoRamenChhan

Klugheit ist ein anderes Wort für Vernunft. Genau richtig!

Wird gerne verwechselt mit "Wissen", also dem Ansammeln von Informationen. Das tut auch ein Computer. Aber nur der Vernünftige oder Kluge kann die Informationen zu etwas zusammensetzen das mehr ist als die Summe seiner Teile, also erschaffen=kreieren=kreativ sein ;)

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@NekoRamenChhan

obwohl... da so schnell zu einem Urteil zu kommen scheint mir unvernünftig von mir selbst. Hab ich das wirklich zu Ende gedacht? Hab ich die erstbeste Meinung geschrieben die mir plausibel erschien? Hab ich mich selbst geprüft? ...

diese Fragen sind klassische Vernunft. Klugheit setze ich aber "gefühlt" eher mit der Handlungsebene in Verbindung: Klug handeln, sich klug verhalten VS vernünftig handeln, sich vernünftig verhalten...

ok.. es scheint doch grob dasselbe zu sein :P

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Vernunft ist naturgegeben, wenn auch ungleich verteilt.

Eher könnte man den festen Willen, sich vernünftig zu verhalten, als eine Tugend bezeichen. Demgegenüber ist aber die Neigung, das Geplapper diverser Poliltiker und/oder in Medien auftretender Mietmäuler für Vernunft zu halten, eine absolute Untugend, welche durch blindes Nachplappern aber noch überboten werden kann.

Doch wenn man alles ganz genau nehmen will, dann wäre (echte) Vernunft mehr das Werkzeug, welches es ermöglicht, eine Tugend so auszuleben, daß sie auch Sinn macht.

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