Hat Platons Bild vom "gefesselten Höhlenmensch" in unserer heutigen Gesellschaft noch Relevanz&wie?

6 Antworten

Das Höhlengleichnis ist das Kernstück der idealistischen (jenseits der erfahrbaren Realität begründete) Philosophie, die bis heute in der Philosophie, in den Religionen (Christentum, Islam) wirksam ist. Im Gegensatz dazu stehen Demokrit und Epikur, die eine diesseitige, empirisch ausgerichtete Philosophie begründeten. Diese sind während der Frühzeit des Christentums bis ins Mittelalter ganz verdrängt worden und die Grundideen Platons beherrschten Theologie und Philosophie. Erst mit der Renaissance wurden epikureische Schriften wiederentdeckt, wurden in der Verbreitung von der Kirche jedoch stark behindet und verfolgt. Prof. Thomas Metzinger, ein aktueller Philosoph (Mainz), der sich auch mit der Hirnforschung befasst, ist allerdings der Überzeugung, dass der Platonismus und Idealismus obsolet geworden sind. Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich glaube, dass es immer wieder Menschen geben wird, die im Idealismus eine Überhöhung ihres Menschseins suchen.

Platons Höhlengleichnis ist auch in der heutigen Gesellschaft von Belang, weil Platon darin grundlegende Fragen aufwirft, die nicht auf bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse beschränkt sind. Bei Platon ist das Höhlengleichnis mit einer großangelegten erklärenden Theorie verbunden, die dahinter steht. Mit der Anschaulichkeit eines Gleichnisses möchte er Bezüge zu Aussagen herausstellen, wie die Wirklichkeit/das Seiende beschaffen ist (Ontologie) und wie sie erkannt werden kann (Erkenntnistheorie).

In der heutigen Gesellschaft ist mehr Faktenwissen verfügbar. In einer sogenannten Informationsgesellschaft sind aber auch jede Menge an Blickverengungen, Täuschungen, Fehlurteilen und irreführenden Vorstellungen möglich. Oft bedeutet Information nicht etwas, das wahr ist bzw. zuverlässiges Wissen darstellt. Auch gerade die Fülle kann verwirren und erfordert Medienkompetenz.

Weiterentwickelt haben sich die technischen Geräte, die Wahrnehmung unterstützen (z. B. Mikroskope, Teleskope). Dies ändert aber nicht grundsätzlich etwas an den Schwächen der Sinneswahrnehmung, die Platon dazu gebracht haben, das Verhaftetsein an der bloßen Sinneswahnehmung als Gefangenschaft darzustellen:

1) Bei der Sinneswahrnehmung können Sinnestäuschungen vorkommen.

2) Bei einer einzelnen Sinneswahrnehmung kann eine Blickverengung/eine Fixierung auf eine einzige Perspektive zu einer falschen Gesamtbeurteilung führen.

3) Die Sinneswahrnehmung kann etwas an Einzeldingen erfassen, aber sie neigt zu unmittelbarer Verallgemeinerung, ohne einen Sachgehalt (etwas Bestimmtes in seiner Sacheinheit) richtig zu erfassen. Dies leitet erst begriffliches Denken. Bei den Dingen gibt es etwas, das seinem Wesen nach zur Sache selbst gehört, und etwas, das nicht dazugehört (bei einem Tisch können z. B. Form und Material unterschiedlich sein, aber es gibt eine Grundfunktion bei jedem Tisch, etwas daraufstellen zu können). Die Sinneswahrnehmung gewährleistet keine angemessene Unterscheidung dazwischen.

Platon will nicht die Sinneswahrnehmung als Mittel beseitigen und empirische Wissenschaft abschaffen, sondern auf die Beschränktheit eines einzelnen Sinneseindruckes hinweisen. Die Sinne sind für das Unterscheiden in der Wahrnehmung zuständig. Es geht ihm darum, für Erkenntnisse die Sinneswahrnehmung durch Denken zu erweitern.

Platons Höhlengleichnis hat auch nach seiner Niederschrift vor etwa 2400 Jahren, nichts an Brisanz und Aktualität verloren.

Wie in Platons sinnbildlichem Höhlengleichnis lebt auch der moderne Mensch von heute, als gefesselter seiner heimatlichen Umgebung in einer Schein- und Schattenwelt, welche er für die einzig erstrebenswerte Realität hält. Erst die Befreiung von den Fesseln durch Bildung des Bewußtseinsstandes führt schließlich zu neuen Erkenntnissen- und Ideen, die wiederum tiefere Einblicke in die Ursachen allen Seins gewähren!

Ich hoffe, daß meine Erklärung verständlich genug rübergekommen ist?

Welche Beispiele aus der Realität fallen euch ein, die man auf das Höhlengleichnis von Platon anwenden könnte?

Das Höhlengleichnis In seiner Politeia diskutiert Platon die Möglichkeit einer idealen Staatsordnung. Bei der Frage, ob und wie die Menschen gebildet werden können, verwendet Platon ein Gleichnis, das berühmte Höhlengleichnis. Es geht darum, ob und wie der Mensch die Wahrheit erkennen kann (Platon, S. 301ff.). "Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen Wohnstätte... von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt. ... (sie) sehen nur geradeaus vor sich hin... von oben her aber aus der Ferne von rückwärts erscheint ihnen ein Feuerschein; zwischen dem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, längs dessen eine niedrige Mauer errichtet ist... Längs dieser Mauer... tragen Menschen allerlei Gerätschaften vorbei... Können solche Gefangenen von sich selbst sowohl wie gegenseitig voneinander gesehen haben als die Schatten, die durch die Wirkung des Feuers auf die ihnen gegenüberligende Wand der Höhle geworfen werden? ... Durchweg also würden die Gefangenen nichts anderes für wahr gelten lassen als die Schatten der künstlichen Gegenstände. (Bild ganz links unten) Wenn einer von ihnen entfesselt und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, ... nach dem Lichte emporzublicken... Und wenn man ihn nun zwänge, sein Licht auf das Licht selbst zu richten, so würden ihn doch seine Augen schmerzen... Wenn man ihn nun aber von da gewaltsam durch den... Aufgang aufwärts schleppte und nicht eher ruhete, als bis man ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, würde er diese Gewaltsamkeit nicht schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben?... Zuletzt dann würde er die Sonne, nicht etwa bloß Abspiegelungen derselben im Wasser ... in voller Wirklichkeit ... schauen und ihre Beschaffenheit zu betrachten imstande sein... (Bild Mitte unten) Wenn ein solcher wieder hinabstiege in die Höhle und dort wieder seinen alten Platz einnähme, würden dann seine Augen nicht förmlich eingetaucht werden in Finsternis. Und wenn er nun wieder... wetteifern müßte in der Deutung jener Schattenbilder, ... würde er sich da nicht lächerlich machen und würde es nicht von ihm heißen, sein Aufstieg nach oben sei schuld daran... und schon der bloße Versuch, nach oben zu gelangen, sei verwerflich?... (Bild rechts unten)" (Quelle: http://www.thur.de/philo/philo5.htm)

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