Frustriert - wer erklärt mir die Mentalität im Ruhrgebiet?

9 Antworten

Ich bin selbst aus NDS zugezogen, habe dort einen langjährigen tragfähigen Freundeskreis zurück gelassen, zu dem noch reger Kontakt besteht. Ich bin also kompatibel und gesellig, keinesfalls ein Einzelgänger. Doch hier musste ich die Erfahrung machen, dass die Leute lieber unter sich bleiben wollen. Sie schotten sich gegen neue ab und ignorieren jegliche freundliche Kontaktaufnahme. Allenfalls kommt ein oberflächliches Gespräch zustande, meist aber nur eins. Niemand würde auf die Idee kommen, den Kontakt fortzusetzen und auszubauen, geschweige denn sich mit einem Neuen zu verabreden oder einfach Mal freundlich einzuladen und willkommen zu heißen. Die meisten Leute konzentrieren sich auf die Familie, doch wenn diese weg bricht, stehen die allein da. Allenfalls ist noch Fußball Rudelgucken und anschließend Bier kippen drin, aber nichts dahinter, was eine tiefe Freundschaft ausmacht. Wer langjährige Freundschaften aufbauen will, wird hier nicht erfolgreich. Behaltet euch eure Kontakte aus der Heimat unbedingt aufrecht!

Hallo Sebastian,

ich bin "Ruhrpottlerin" und habe einige Jahre im Rheinland verbracht und stellte auch wie Du Mentalitätsunterschiede fest. Als ich im Rheinischen (Bonn) ankam, musste ich mich immer darüber wundern, Gespräche aufgezwungen zu bekommen (so kam es mir damals vor). Z.B. an Bushaltestellen und Bäckereien wird man von fremden Leuten angesprochen, Witzchen gemacht oder man bekommt einfach was erzählt! Das war mir bis dahin völlig unbekannt. Du hast also ganz recht, im Ruhrpott ist der Umgangston etwas rauher und die Leute werden erst dann gesprächig, wenn sie die Person besser kennen.

Auch hier gilt natürlich: man kann nicht alle Menschen über einen Kamm scheren, aber gewisse Gemeinsamkeiten kann man dann doch feststellen :-)

dann muss ich mein Glück in Bonn ausprobieren :P

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Du hast es richtig erkannt. Ich wohne im Ostvest, also nur ein paar Kilometer nördlich von Dir. ;-)

Aber Ruhrpott ist nicht gleich Ruhrpott. Du wohnst im westfälischen Teil, der ein klein wenig härter ist. Viele sind entsprechend westfälisch verwurzelt, einem "Stamm" der mit der harten Umgebung des Sauerlandes klar kommen muss und sich dann auch im Revier ansetzte.

Das rheinische Revier ist auch schon leichter zu sehen. Dort, im westlichen Bereich der Potts, den ich auch kenne, ist etwas lockerer, aber beide vertragen sich sehr gut. Dort strahlt sich die rheinische Natur einfach hinaus. Sie sehen das eher locker, im Gegensatz zu den westfälischen Menschen.

Der Ruhrpott ist eine Region, wo nicht viele Worte gemacht werden. Es ist eine Region der Macher. D.h. wenn es Probleme oder Dinge zu lösen gilt, wird hier eher daran gearbeitet, das auch zu lösen.

DU hast aber gottlob es auch richtig erkannt, dass der "Ruhri" das Herz auf der Zunge sitzen hat. Vieles, was er sagt, sind nicht so böse gemeint, wie es rüberkommt. Aber das meint er dann noch mit viel Herz.

Da ist er z.B. mit den Friesen oder den Westfalen ansonst gleich. Die ethnische Geschichte zeigt da auch wirklich in die gleiche Richtung. Man wird mit viel Liebe aufgenommen, aber es wird dabei nicht viel gesprochen. ;-)

Der Schlag hier ist das Typische im Revier. Es ist nicht böse gemeint, nur empfinden viele das leider gleich als aggressiv. Im Grunde genommen sind die "Ruhris" herzensgut und lieb. Aber wie die Westfalen sind sie eher schweigsam.

Das ist eher aus der Zeit der Zechen und früher zu finden. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war das Revier eigentlich eine unterentwickelte Region mit viel Landwirtschaft. Mit dem Finden der Kohle erst wuchsen die Städte und die Zechen brauchten halt Leute, die Kraft haben, aber auch Probleme selbst lösen können.

Bauern und Bergleute sind halt darauf angewiesen, Probleme auch direkt kurzer Zeit zu lösen und das möglichst ohne Hilfen. Z.B. bei einer Panne am Trecker oder Unter Tage. Das hat sich in der Zeit entsprechend auch in der gesamten Gesellschaft manifestiert.

Das ist aber nur äußerlich. Innerlich ist der Mensch immer noch sehr gütig und nett. Man erwartet aber, dass man sich an ihn wendet. Er möchte gerne in Ruhe leben, ist aber jederzeit auch hilfsbereit. Wie Du erkannt hast, ist ein näherer Kontakt dann ganz anders, wie man dass zuerst denkt.

Um mal zu den beiden Themen BVB und Schalke einzugehen.

Beide Vereine haben die Grundlage in den Belegschaften von Zechen. Die ersten Mitglieder waren Bergleute. Die Belegschaften wurden aber von den Vorgesetzten gedrillt, um entsprechend die beste Zeche im Revier zu sein. D.h. man sollte immer mehr abbauen, wie andere Zechen. Damit war dann eine Rivalität zwischen jeder einzelnen Zechenanlage schon gegeben.

Diese wurde dann auch auf dem Sportplatz weitergegeben und ist bis heute auch Grund für diesen "Hass" zwischen den Vereinen. Aber ich kenne auch Leute, wo sie für den einen, und er für den anderen Verein ist. Und sie sogar bei dem einen Verein arbeitet. Und die beiden lieben sich sehr.

Gute Antwort! Da du das Thema Fußball ansprichst: bei uns in Dortmund ist das eine Sache die echt verbindet. Im Stadion zum Beispiel sind die Leute nicht so verschlossen oder wortkarg. Man unterhält sich vorm Spiel mit Leuten die man gar nicht kennt, und nach dem Spiel feiert man zusammen, liegt sich in den armen, oder tröstet sich gegenseitig. Man sagt allerdings, daß gäb es nur beim BVB. MfG

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@Anonymmensch

Da stimme ich Dir zu. Aber das ist nicht nur beim BVB der Fall. Das ist in allen Stadien der Fall. I.d.R. wird dort von den Fans auch eher das als Feier angesehen.

Und da die "Ruhris" gesellig sind, sind die auch bei Feiern nicht so schweigsam.

Meine Kollegen stehen auch immer bei den Spielen des BVB in Orange in den Straßen rund um das Stadion. ;-)

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Das ist mir bisher noch nicht aufgefallen. Mit der Ausnahme nach ein paar Wochen in Sydney wirkten in Deutschland alle unfreundlich. Es war auch wirklich schwierig mir wieder abzugewöhnen mich beim Busfahrer beim Aussteigen nicht zu bedanken.

Unser Leitbild ist hier immer noch der sehr hart arbeitende Kumpel (hochdeutsch: Bergmann. Mehrzahl: Auch Kumpel. Nicht zu verwechseln mit Kumpels, also Bekannte oder nicht ganz so enge Freunde). Er arbeitet hauptsächlich in sehr anstrengender und gefährlicher Umgebung und hat daher keine Zeit und keinen Sinn zum Plaudern (genau wie der Stahlarbeiter, unser anderes Leitbild). Außerdem besitzt er nicht viel außer seiner Würde und ist daher erst mal skeptisch, wenn ihn Unbekannte mit irgendwelchem Kokolores (hochdeutsch: Unsinn) zutexten wollen. Wer weiß denn schon, was der wirklich will? Oder ob der nicht einfach irgendwo ausgebrochen ist. Der Ruhri sucht sich daher seine Freunde selbst, wer ihm und wann es ihm passt. Das mit der Luftfeuchtigkeit ist in der Tat etwas nervig, liegt aber am Ruhrtal und sortiert die Harten von den Zarten. Hat man sich aber erst mal nach gewisser Zeit in den Augen eines Ruhris als "n' Töften" (nicht übersetzbar) erwiesen, hat man einen Freund für den Rest des Lebens gefunden, der einem jederzeit aus jeder Krise helfen wird.

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