Aus welcher Quelle von Kant kommt das Zitat "Die Hand ist das äußere Gehirn des Menschen"?

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1 Antwort

Die Aussage wird Immanuel Kant zugeschrieben. Dies geschieht aber ohne Stellenbeleg bei Kant.

Ich habe den starken Verdacht, daß in diesem Fall viele Male ein Autor eine Zuschreibung als Kant-Zitat von einem anderen Autor übernommen hat und so der Eindruck eines bekannten Zitats entstanden ist, aber keiner dazu eine Angabe einer Textstelle bei Kant vorliegen hatte bzw. ermittelt hat.

Der Psychologe David Katz (1884 – 1953) scheint die Aussage in Umlauf gebracht zu haben. Er gibt dabei aber nie an, woher bei Kant er dies hat.

David Katz, Der Aufbau der Tastwelt. Leipzig : Barth, 1925 (Zeitschrift für Psychologie : Organ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ; Ergänzungs-Band 11), S. 4:
„Kant hat einmal mit einem vorzüglich treffenden Bild die Hand das äußere Gehirn des Menschen genannt.“

David Katz, Mensch und Tier : Studien zur vergleichenden Psychologie. Zürich : Morgarten-Verlag, 1948, S. 279:
„Aristoteles hat die Vielseitigkeit der Hand in bewundernden Worten geschildert, und Kant hat sie gelegentlich in einem treffenden Bild das äußere Gehirn des Menschen genannt.“

David Katz, Gegenstand der Psychologie, ihre Methoden und ihre Einteilung. In: Handbuch der Psychologie. Herausgegeben von David Katz. Basel : Schwabe, 1951, S. 21:
„Beim Menschen ist es vornehmlich die Hand, das erstaunlich vielseitige Organ, das sich in den Dienst des Intellekts stellt. Kant hat sie nicht zu Unrecht als das äußere Gehirn des Menschen bezeichnet.“

Anm. 1: „»Die Hand kann zur Kralle, Klaue, zum Bogen, zur Lanze, zum Schwert, ja zu jeder beliebigen Waffe und Werkzeug werden. All dies wird sie deswegen, weil sie alles zu ergreifen und festzuhalten vermag.» Aristoteles, »De partibus animalium«, IV, 10.”

Andere beziehen sich dann auf David Katz.

Maurice Merleau-Ponty, Phénoménologie de la perception. Paris : Gallimard, 1945 (Bibliothèque des idées), S. 365:
„Ce n'est pas la conscience qui touche ou qui palpe, c'est la main, et la main est, comme le dit Kant, un »cerveau extérieur de l'homme».”

Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung. Aus dem Französischen übersetzt und eingeführt durch eine Vorrede von Rudolf Boehm. Berlin : de Gruyter, 1966 (Phänomenologisch-psychologische Forschungen ; Band 7), S. 366:
„Nicht das Bewußtsein berührt oder tastet, sondern die Hand, die nach Kant „das äußere Gehirn des Menschen“ ist.“

Anm. 41: „Ohne Stellenangabe zitiert bei KATZ, a. a. O, S. 4.“

Frederik Jacobus Johannes Buytendijk, Das Menschliche : Wege zu seinem Verständnis. Stuttgart : Koehler, 1958, S. 184 – 185:
„Das eigentliche Bewegungsorgan des Menschen ist aber die Hand, das Organ der tastenden Gestalterfassung und Gestaltbildung. Wie G. Révész in seinen Studien über ›Die Formenwelt des Tastsinnes‹ ausführte, ist die Sensomotorik der tastend-gestaltenden Hand in besonders ausgesprochener Weise von einer »réflexion sympathique« und einer »pensée implicite« durchdrungen. Hypothesen werden, so sagt er, beim Tasten gebildet, Eindrücke analysiert, korrigiert, wiederaufgenommen und zu Bildern vereint. In der Haptik ist die Mitwirkung der Sprache immer nachweisbar. Schon Katz hat ein »erkennendes Tasten« nachgewiesen, und dennoch ist es nicht das Bewußtsein, das tastet, sondern die in menschlicher Weise beseelte Hand, »das äußere Gehirn des Menschen«, wie Kant sagte.“

Inhaltlich scheint bei Immanuel Kant sich am meisten eine Suche anzubieten, die sich auf Aussagen zum Tastsinn (Sinn der Betastung) richtet, da vor allem die berührende und greifende Hand tastet.

Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). Erster Theil. Anthropologische Didaktik. Erstes Buch. Vom Erkenntnißvermögen. Vom Sinne der Betastung. AA VI, 154 – 155:
„§ 17. Der Sinn der Betastung liegt in den Fingerspitzen und den Nervenwärzchen (papillae) derselben, um durch die Berührung der Oberfläche eines festen Körpers die Gestalt desselben zu erkundigen. – Die Natur scheint allein dem Menschen dieses Organ angewiesen zu haben, damit er durch Betastung von allen Seiten sich einen Begriff von der Gestalt eines Körpers machen könne; denn die Fühlhörner der Insecten scheinen nur die Gegenwart desselben, nicht die Erkundigung der Gestalt zur Absicht zu haben. - Dieser Sinn ist auch der einzige von unmittelbarer äußerer Wahrnehmung; eben darum auch der wichtigste und am sichersten belehrende, dennoch aber der gröbste: weil die Materie fest sein muß, von deren Oberfläche der Gestalt nach wir durch Berührung belehrt werden sollen. (Von der Vitalempfindung, ob die Oberfläche sanft oder unsanft, viel weniger noch, ob sie warm oder kalt anzufühlen sei, ist hier nicht die Rede.) - Ohne diesen Organsinn würden wir uns von einer körperlichen Gestalt gar keinen Begriff machen können, auf deren Wahrnehmung also die beiden andern Sinne der ersteren Classe ursprünglich bezogen werden müssen, um Erfahrungserkenntniß zu verschaffen.“

Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). Zweiter Theil. Anthropologische Charakteristik. E. Der Charakter der Gattung. AA VI, 323:
„Die Charakterisirung des Menschen als eines vernünftigen Thieres liegt schon in der Gestalt und Organisation seiner Hand, seiner Finger und Fingerspitzen, deren theils Bau, theils zartem Gefühl, dadurch die Natur ihn nicht für Eine Art der Handhabung der Sachen, sondern unbestimmt für alle, mithin für den Gebrauch der Vernunft geschickt gemacht und dadurch die technische oder Geschicklichkeitsanlage seiner Gattung als eines vernünftigen Thieres bezeichnet hat.“

Über Gehirn, äußeren und inneren Sinn, Empfindungen und äußere Teile des Körpers steht bei Kant etwas in Metaphysikvorlesungen (zum Gebiet rationale Psychologie) im Zusammenhang mit der Frage, wo der Sitz der Seele ist.

Immanuel Kant, Kants gesammelte Schriften. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Band 28, 1 = Abteilung 4. Kant's Vorlesungen. Band 5. Vorlesungen über Metaphysik und Rationaltheologie. Hälfte 1. Berlin ; New York : de Gruyter, 1968, S. 280 – 281 (Metaphysik L1 Kosmologie, Psychologie und Theologie nach Pölitz):
„Wo hat die Seele ihren Sitz im Körper? Der Ort der Seele in der Welt wird durch den Ort des Körpers determinirt; meine Seele ist da, wo mein Körper ist. Aber wo hat die Seele ihren Sitz im Körper? Der Ort des Körpers in der Welt ist nur durch den äußern Sinn determinirt; da nun die Seele ein Gegenstand des innern Sinnes ist, durch den innern Sinn aber kein Ort determinirt werden kann: so kann auch der Ort der Seele im Körper nicht determinirt werden; denn durch die innern Handlungen kann kein äußeres Verhältniß bestimmt werden. Die Seele schaut sich aber nur durch den innern Sinn an : also kann sie sich nicht in einem Ort anschauen, und sich eines Ortes bewußt seyn. Ich kann in dem Körper den Platz nicht fühlen, wo die Seele sitzt; denn sonst müßte ich mich durch den äußern Sinn anschauen; ich schaue mich selbst aber durch den innern Sinn an. So wenig sich ein Auge selbst anschauen kann; so wenig kann sich die Seele äußerlich anschauen. Aber sie kann sich äußerer Theile des Körpers bewußt seyn, vorzüglich derer, welche die mehresten Ursachen ihrer Empfindungen enthalten. Die Ursache aller Empfindungen ist aber das Nervensystem. Ohne die Nerven können wir nichts Aeußeres empfinden. Die Wurzel aller Nerven ist aber das Gehirn; bei jeder Empfindung demnach wird das Gehirn erregt, weil sich im Gehirn alle Nerven concentriren; demnach concentriren sich alle Empfindungen im Gehirn. Also muß die Seele den Sitz ihrer Empfindung ins Gehirn setzen als den Ort aller Bedingung der Empfindungen. Das ist aber nicht der Ort der Seele selbst, sondern der Ort, woraus alle Nerven, folglich auch alle Empfindungen entspringen. Wir finden, daß das Gehirn mit allen Handlungen der Willkühr der Seele harmonirt. Ich fühle jeden Theil besonders. Wenn ich z. E. den Finger ans Feuer halt; so empfinde ich daselbst den Schmerz; aber am Ende concentriren sich alle Empfindungen von jedem besonderen Theile des Körpers im Gehirn, dem Stamme aller Nerven; denn wenn die Nerven von einem Theile des Körpers abgeschnitten sind, alsdann fühlen wir freilich nicht von dem Theile. Demnach muß in dem Gehirn das Princip aller Empfindungen seyn. Nun stellt man sich aber vor, die Seele habe da im Gehirne ihren Sitz, damit sie alle Nerven bewegen könne, und durch die Nerven wieder könne afficirt werden. Allein wir fühlen dich den Sitz der Seele nicht im Gehirn, sondern nur, daß das Gehirn mit allen seinen Veränderungen der Seele harmonire.“

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David Katz könnte Äußerungen verschiedener Autoren und Teststellen zu einer Aussage zusammengeführt haben, wobei Aristoteles (der von ihm in dem Zusammenhang erwähnt wird) eine Anregung beigesteuert haben könnte.

Aristoteles, Περὶ ψυχῆς (Über die Seele; lateinischer Titel: De anima) 3, 8, 432 a 1 – 2 stellt die Hand (im Zusammenhang des Verhältnisses von Wahrnehmen und Erkennen und dem Gedanken, bei der Wahrnehmung sei nicht der Stein in der Seele, sondern seine intelligible/geistig erfaßbare Form) als Werkzeug der Werkzeuge dar und setzt sie und die Wahrnehmung in eine Parallele zur Seele und der Vernunft.

Aristoteles, Über die Seele : griechisch-deutsch. Mit Einleitung, Übersetzung (nach Willy Theiler) und Kommentar herausgegeben von Horst Seidl. Griechischer Text in der Edition von Wilhelm Biehl und Otto Apelt, Hamburg : Meiner, 1995 (Philosophische Bibliothek ; Band 476), S. 80 und 81:

ὥστε ἡ ψυχὴ ὥσπερ ἡ χείρ ἐστιν· καὶ γὰρ ἡ χεὶρ ὄργανόν ἐστιν ὀργάνων, καὶ ὁ νοῦς εἶδος εἰδῶν καὶ ἡ αἴσθησις εἶδος αἰσθητῶν.

„So ist die Seele wie die Hand; denn auch die Hand ist das Organ der Organe, und so ist die Vernunft (ho nous) die Form der (sc. intelligiblen) Formen (eidos eidon), und die Wahrnehmung (aisthesis) die Form der wahrnehmbaren (Formen).“

Aristoteles, Über die Seele : Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger. Stuttgart : Reclam, 2011 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 18602), S. 163:
„Daher ist die die Seele wie die Hand, denn auch die Hand ist das Werkzeug der Werkzeuge, und der Geist ist die Form der Formen, und die Wahrnehmung die Form des wahrnehmbar Seienden.“

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@Albrecht

Wow, das nenne ich mal eine ausführliche Antwort und so schnell, danke!

Ich hätte noch eine kleine Frage bezüglich "dem reinen Menschensinn, den Goethe gegen Newton verteiligte".

Ebenfalls benötige ich eine Quelle, die diese Aussage bestätigt.

Falls du oder ein anderer sich mit dieser Thematik auch auskennt, wäre ich sehr dankbar!

Das ganze Zitat: "Es ist viel mehr neben der unmittelbar sinnlich erlebbaren Natur eine zweite Natur effektiv geworden, die vom reinen Menschensinn, den Goethe gegen Newton verteidigte, nicht mehr unmittelbar erfassbar ist."

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@mona7777

Inhaltlich bezieht sich dies auf Goethes Veröffentlichungen »Zur Farbenlehre«, in der er sich gegen Newtons Optik wendet.

Der spezielle Ausdruck ist in Goetheausgaben in einem anderen Band zu finden. Vom „reinen Menschensinn“ steht etwas in einem Aphorismus.

Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche : vierzig Bände. Herausgegeben von Friedmar Apel, Hendrik Birus, Anne Bohnenkamp, Dieter Borchmeyer, Hans-Georg Dewitz, Karl Eibl, Wolf von Engelhardt, Horst Fleig, Harald Fricke, Wilhelm Große, Walter Hettche, Herbert Jaumann, Dorothea Kuhn, Petra Maisak, Christoph Michel, Klaus-Detlef Müller, Gerhard Neumann, Norbert Oellers, Wolfgang Proß, Hartmut Reinhardt, Andrea Ruhlig, Dorothea Schäfer-Weiss, Gerhard Schmid, Irmtraut Schmid, Albrecht Schöne, Rose Unterberger, Wilhelm Voßkamp, Manfred Wenzel, Waltraud Wiethölter. I. Abteilung, Sämtliche Werke. Band 13. Faust. Texte. Herausgegeben von Harald Fricke. 1. Auflage. Frankfurt am Main : Deutscher Klassiker Verlag, 1993 (Bibliothek deutscher Klassiker ; Band 102), S. 42 (1.262):

„Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn.“

S. 166 (2.42):

„Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat, und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.“

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