Aufsatz Fundamentalismus: Hintergründe, Hoffnungen und Ängste/ Befürchtungen von Fundamentalisten?

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2 Antworten

Zunächst einmal bedeutet "Fundamentalismus" die Betonung der Grundsätze (Fundamente) einer Anschauung (im weitesten Sinn).

Der Gegensatz dazu wäre so etwas wie "Pragmatismus" (oder - im politischen Bereich - "Realpolitik").

Das sind aber zunächst Namen für die Extrempositionen, fast alle Vertreter einer bestimmten Anschauung nehmen eine Zwischenposition ein, einen Kompromiss zwischen "Festhalten an den hohen Idealen" ("Fundamentalismus") und der "Möglichkeit, in der realen Welt etwas zu bewegen" ("Pragmatismus").

Daneben verwendet man diese Ausdrücke auch für gemäßigte Vertreter beider Richtungen, die (vom Standpunkt des jeweiligen Beobachters aus) deutlich in die eine oder andere Richtung tendieren.

(Mir fallen dazu die endlosen Debatten zwischen "Fundis" und "Realos" in der Zeit ein, als die Partei der Grünen das erste Mal eine realistische Chance hatte, in Parlamente (Landes- oder Bundesebene) einzuziehen. Die Ansichten, inwieweit man die Ideale wie 100%ige Erhaltung der Umwelt aufgeben darf, um überhaupt mit anderen Parteien zusammenzuarbeiten zu können, gingen sehr auseinander und fanden ihren Weg bis in die Schlagzeilen der Titelseiten der Zeitungen.) (Oder auch die MLPD, die kommunistische Fundamentalisten sind (oder wenigstens waren, als ich ihnen begegnet bin)

Bei Religionsgemeinschaften ist es ebenso. "Fundamentalismus" bedeutet erst einmal die Ansicht, dass die Ideale der Religion unbedingt festzuhalten sind, und zwar nicht nur als Ideale, sondern auch als Handlungsanweisungen, auch wenn hierdurch jede Zusammenarbeit mit anderen Gruppen unmöglich wird (oder sogar die Zusammenarbeit mit eng verwandten Gruppen mit leicht abweichender Lehrmeinung). [Für Monty-Python-Fans: die "Judäische Volksfront" und die "Volksfront von Judäa" fallen dazu ein.]

Ein Fundamentalist in diesem Sinn sieht z. B. die Gefahren des Reichtums und des Geldes überhaupt für schlimm genug an, um nicht im Finanzgewerbe tätig zu werden, während eine Tätigkeit z. B. im Einzelhandel kein Problem ist.

Zur Begriffsklärung heute besonders wichtig ist, dass "Fundamentalismus" ursprünglich nichts mit den Mitteln zu tun hat, die die "Fundamentalisten" bereit sind einzusetzen, um ihre Ansichten zu verfechten.

Erst in den letzten Jahren hat der Begriff des "Fundamentalisten" eine Einengung auf Personen erfahren, die a) die Welt in schwarz/weiß sehen und b) bereit sind, buchstäblich alles zu tun, um ihre Ideen (einige Aspekte ihrer Ideen) umzusetzen. Ursache für solche Bedeutungsveränderungen ist üblicherweise Gebrauch eines seltenen / selten gewordenen Wortes mit Betonung auf einen bestimmten Aspekt seiner Bedeutung.

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Was bewegt nun einen Menschen, "Fundamentalist" im letzteren Sinn zu werden? (Ich denke, die Frage bezieht sich hierauf und nicht auf "Idealisten")

"Anerkennung" und "Männlichkeit" hast du schon genannt (wobei "Männlichkeit" hier als "Anerkennung durch sich selbst" gedeutet werden kann).

In Zeiten, die als verworren wahrgenommen werden, suchen Menschen nach greifbaren Antworten. Es ist ja auch alles andere als leicht, in einer Welt zu leben, in der jeder sowohl Opfer als auch Teil des Problems als auch Teil der Lösung ist und in einer Welt zu leben, die man nur im Kleinen ein klein wenig ändern kann, aber globalen Katastrophen hilflos ausgeliefert ist.

Hier bietet sich der "Fundamentalismus" natürlich an: Es gibt klare Regeln, was falsch und was richtig ist, und die Welt teilt sich ganz "natürlich" in "wir Guten" und "die Bösen" ein. Ich denke, es ist leicht nachzuvollziehen, dass man dann selbstverständlich auf die Idee kommt, dass alle Probleme beseitigt sind, sobald man "die Bösen" beseitigt hat.

Das erklärt nicht nur den "islamischen" "Fundamentalismus", sondern auch z. B. "neonationalsozalistische" Bewegungen.

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Kommentar von 20LAmour09
27.06.2016, 20:29

Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

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Die wenigsten Fundamentalisten sehen sich als Fundamentalisten, aber sie alle haben eines gemeinsam, ein Fundament des Glaubens, das weder belegt ist, noch angezweifelt wird. Es handelt sich bei dem Fundament um eine nicht notwendige, unbelegte Annahme, wie zum Beispiel die Existenz eines Gottes oder einem Leben nach dem Tod. So sind Religionen generell fundamentalistisch. Fundamentalismus muss nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun haben, Religion ist nur eine häufige Erscheinungsform.
So ist zum Beispiel auch der Glaube an Homöopathie oder Astrologie fundamentalistisch.

Fundamentalismus darf nicht mit Extremismus verwechselt werden, denn nur wenige Fundamentalisten sind gefährlich oder aggressiv, das sind die radikalen oder extremistischen Fundamentalisten.

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