Aristoteles vs. Kant

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Ich versuche Unterschiede, die mir einfallen, zu erläutern.

1) Unterschied einer eudaimonistischen und einer nichteudaimonistischen Ethik

Aristoteles vertritt in der Nikomachischen Ethik (vgl. besonders Buch 1) einen Eudaimonismus. Glückseligkeit (griechisch: εὐδαιμονία [eudaimonia]) ist nach ihm das höchste und letzte Ziel (Endziel) menschlichen Handelns. Aristoteles ist der Auffassung, ein so großes Gut wie das Glück könne nur durch ein Tätigsein erreicht werden, indem Fähigkeiten und angelegte Möglichkeiten entfaltet werden. Die Entfaltung ist etwas, das Freude bereitet und zu einem guten, erfüllten Leben beiträgt. Als das einem Menschen eigentümliche Werk (das, wozu er speziell bestimmt ist) versteht Aristoteles die mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele und ein entsprechendes Handeln. Das menschliche Gut ist nach ihm der Vortrefflichkeit gemäße Tätigkeit der Seele bzw. (wenn es mehrere Vortrefflichkeiten gibt) der besten und vollkommensten Vortrefflichkeit entsprechende Tätigkeit.

Nach Kant besteht das höchste Gut in der Übereinstimmung von Glückseligkeit und Glückwürdigkeit, bei der die Tugendhaften entsprechend ihrer Tugend belohnt werden. Kant weist ein Streben nach Glück als ethische Grundlage zurück, weil es dafür seiner Meinung nach nicht tauglich ist. Das Streben nach Glück ist seiner Einschätzung nach in einem empirischen Bereich angesiedelt, für die es Regeln der Klugheit (hypothetische Imperative gibt).

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. Eintheilung aller möglichen Principien der Sittlichkeit aus dem angenommenen Grundbegriffe der Heteronomie. BA 90 – 91 lehnt empirische Prinzipien als Grundlage der Moral überhaupt ab. „Doch ist das Princip der eigenen Glückseligkeit am meisten verwerflich, nicht bloß deswegen weil es falsch ist, und die Erfahrung dem Vorgeben, als ob das Wohlbefinden sich jederzeit nach dem Wohlverhalten richte, widerspricht, auch nicht bloß weil es gar nichts zur Gründung der Sittlichkeit beiträgt, indem es ganz was anderes ist, einen glücklichen, als einen guten Menschen, und diesen klug und auf seinen Vortheil abgewitzt, als ihn tugendhaft zu machen: sondern weil es der Sittlichkeit Triebfedern unterlegt, die sie eher untergraben und ihre ganze Erhabenheit zernichten, indem sie die Bewegursachen zur Tugend mit denen zum Laster in eine Classe stellen und nur den Calcul besser ziehen lehren, den specifischen Unterschied beider aber ganz und gar auslöschen;“

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft A 806/B 834: „Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen (so wohl extensive, der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive, dem Grade, und auch protensive, der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch (Klugheitsregel); dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu sein, moralisch (Sittengesetz). Das erstere rät, was zu tun sei, wenn wir der Glückseligkeit wollen teilhaftig, das zweite gebietet, wie wir uns verhalten sollen, um nur der Glückseligkeit würdig zu werden. Das erstere gründet sich auf empirische Prinzipien; denn anders, als vermittelst der Erfahrung, kann ich weder wissen, welche Neigungen dasind, die befriedigt werden wollen, noch welches die Naturursachen sind, die ihre Befriedigung bewirken können. Das zweite abstrahiert von Neigungen, und Naturmitteln, sie zu befriedigen, und betrachtet nur die Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt, und die notwendigen Bedingungen, unter denen sie allein mit der Austeilung der Glückseligkeit nach Prinzipien zusammenstimmt, und kann also wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori erkannt werden.“

2) Unterschied zwischen einer teleologischen Ethik und einer deontologischen Ethik

Aristoteles vertritt eine teleologische Ethik (griechisch τέλος [telos] = Ziel, Zweck). Sie enthält auch ein Sollen, ist aber mit inhaltlichen Zielen verbunden. Kant vertritt eine deontologische Ethik. Sein oberstes Prinzip, der kategorische Imperativ tritt mit einem von vorgängigen Handlungszielen/Zwecksetzungen vollständig unabhängigen und unbedingten Sollensanspruch auf.

3) Stellung von Gefühlen/Neigungen

Aristoteles versteht das gute Handeln als auch von Gefühlen als Begleiter vernünftiger Urteile bewegt und hält das Entwickeln angemessener Gefühle für wichtig. Kant hält nur ein von der Pflicht, nicht von Neigungen bestimmtes Handeln für wahrhaft moralisch, ein Handeln aus Achtung vor dem Sittengesetz.

4) Lehre von der Mitte (μεσότης [mesotes])

Aristoteles versteht Charaktertugend allgemein und die einzelnen Tugenden als richtige Mitte, die zwischen einem Zuviel (Übermaß) und einem Zuwenig (Mangel) liegt.

Aristoteles, Nikomachische Ethik 6, 1106b36 – 1107a8: „Die Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete) ist also eine wählende/vorsätzliche Haltung (ἕξις [hexis]; lateinisch: habitus), die in der auf uns bezogenen Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaß und einer der Mangel. Und ferner ist sie insofern Mitte, als die Schlechtigkeiten teils hinter dem, was in den Leidenschaften und Handlungen sein soll, zurückbleiben, teils darüber hinausschießen, die Tugend/Vortrefflichkeit aber das Mittlere sowohl findet als auch wählt. Daher ist die Tugend nach ihrer Wesenheit/Substanz (οὐσία [ousia]) und ihres Begriffs, der angibt, was sie ist, Mitte, hinsichtlich des Besten und des Guten aber Äußerstes.“

Kant lehnt eine Lehre von der Mitte ab, wobei er sich offensichtlich auf eine Aristoteles-Fehldeutung bezieht.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung. XIII. Allgemeine Grundsätze der Methaphysik der Sitten in Behandlung einer reinen Tugendlehre: „Der Unterschied der Tugend vom Laster kann nie in Graden der Befolgung gewisser Maximen, sondern muß allein in der specifischen Qualität derselben (dem Verhältniß zum Gesetz) gesucht werden; mit anderen Worten, der belobte Grundsatz (des Aristoteles), die Tugend in dem Mittleren zwischen zwei Lastern zu setzen, ist falsch.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Ethische Elementarlehre. Erster Theil. Von den Pflichten gegen sich Selbst überhaupt. Erstes Buch. Von den vollkommenen Pflichten gegen sich selbst. Zweites Hauptstück. Die Pflicht des Menschen gegen sich selbst, blos als ein moralisches Wesen. II. Vom Geize. § 10 in einer Fußnote: „Der Satz: man soll keiner Sache zu viel oder zu wenig thun, sagt so viel als nichts; denn er ist tautologisch.“ Das Mittlere als Tugendpflicht könne nicht gezeigt werden. Das Mehr oder Weniger in der Anwendung werde von den Regeln der Klugheit vorgeschrieben, nicht denen der Sittlichkeit.

5) Ausmaß formaler Beschaffenheit des obersten Prinzips

Aristoteles verbindet das Gute inhaltlich in einigem Ausmaß mit etwas. Kant stellt ein sehr formales oberstes Prinzip als Gesetzgebung der Vernunft auf. Inhaltlich wird die freie Selbstbestimmung nicht an weiter inhaltlich durch Anknüpfung am etwas vorgängiges Gutes ausgefüllt.

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@Albrecht

Die Aristoteles-Stelle über die Mitte: Nikomachische Ethik 2, 6, 1106 b36 - 1107 a8

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@Albrecht

Erst einmal danke für deine (wieder einmal) sehr ausführliche Antwort. Hat mir sehr weitergeholfen :)

Aber mal ne Rückfrage: Hat Kant Aristoteles dann nicht etwas falsch verstanden? Weil Aristoteles hat doch garkeine egoistische Glücksmaximierung die auf eigenen Beweggründen basiert gepredigt, sondern eher im Gegenteil ist die NE eine Anleitung für das glückliche Leben in der polis und somit in der Gesellschaft. Außerdem soll sich der Tugendhafte nach dem richten, was allgemein als richtig anerkannt wird und nicht nach dem, was er selbst für richtig hält (auch wenn ein Kriterium ist, dass man sich mit diesem allgemein als richtig anerkanntem identifizieren und es auch einsehen muss.) Drittens geht es in der NE ja auch um die Gesetzgebung welche so geschaffen sein muss, dass für die MItbürger ein glückliches Leben möglich sein kann.

Also das passt doch alles irgendwie nicht zu einer egoistischen Glücksmaximierung oder? Das hat ja nicht einmal der Utilitarismus gepredigt und ich hab in letzter Zeit öfter gehört dass Aristoteles für den Handlungsutilitarismus den Grundstein gelegt hat.

Jedenfalls sagt der kategorische Imperativ doch auch nix anderes als dass du so Handelns sollst dass dein Handeln jederzeit zum allgemeinen Gesetz werden könnte und davon ist Aristoteles doch garnicht so weit entfernt?

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@Mandava

Also ich hab mir deine Ausführungen ausgedruckt und bin die durchgegangen. Wenn ich das richtig verstanden habe, kann man es so zusammenfassen:

1.Unterschied einer eudaimonistischen und einer nichteudaimonistischen Ethik

Während Aristoteles das Glück durch die persönliche Entfaltung gemäß der Vernunft favorisiert geht Kant davon aus dass das höchste Gut (Moral?) dadurch zustande kommt, dass man es aus sittlichen/ethischen Gründen verfolgen soll und nicht, weil man es will? Glückseligkeit hat seiner Auffassung nach erst mal nix mit Moral zu tun sondern ist auf das eigene Wohlbefinden ausgelegt während Moral auf das Wohl der Gemeinschaft abzielt?

(Ich finde Kant unheimlich schwer zu verstehen. Sogar durch Heidegger hab ich irgendwann durchgeblickt aber Kant ist für mich heute noch ein rotes Tuch)

2.Unterschied zwischen einer teleologischen Ethik und einer deontologischen Ethik

AristotelesHandlungskonzeption richtet sich nach dem jeweiligen telos (wobei ich eigentlich dachte dass er sagt dass wir die Mittel die zum Ziel führen verfolgen und nicht das Ziel an sich) und Kant nach einem Sollensanspruch.

3.Stellung von Gefühlen/Neigungen

Bei Aristoteles beeinflussen Gefühle unser Handeln und sollen daher angemessen ausgebildet werden, bei Kant spielt das keine Rolle.

4.Lehre von der Mitte

Aristoteles sagt ja, das richtige Handeln ist eine Tätigkeit gemäß der Mitte, wobei er nicht meinte, wie es Kant verstanden hat, dass eine Tugend ein Kompromiss zwischen zwei Schlechtigkeiten ist, sondern, dass eine Tugend die qualitativ beste Wahl zwischen dem Mangel und dem Übermaß ist, also nicht nur Kompromiss, sondern tatsächlich beste Wahl, die auch mal zur einen Seite (Mangel oder Übermaß) mehr neigen kann wenn es der jeweiligen Tugend entspricht.

5.Ausmaß formaler Beschaffenheit des obersten Prinzips

Ich würde dass jetzt so übersetzen: Aristoteles NE ist praktisch, Kants Sittengesetz ist theoretisch orientiert.

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@Mandava

Kant ist nicht an sich dagegen, Glück anzustreben, sondern lehrt dies nur als Grundlage der Ethik ab. Der Ansatz bei Aristoteles steht für Kant schon zu sehr im empirischen Bereich.

Die Aussagen zum Prinzip der eigenen Glückseligkeit als verwerflich können Aristoteles nicht treffen, weil er – wie richtig erkannt – nicht die angeprangerte Art egoistischer Glücksmaximierung befürwortet. Kant nimmt sich einen ethischen Egoismus (in der Bedeutung eines rücksichtslosen tendenziell, schrankenlosen Verfolgen des eigenen Vorteils mit engem Blickwinkel) vor, um einen nicht geteilten Ansatz besonders kräftig zurückzuweisen. In einem Teil der Aussagen deutet Kant gar nicht Aristoteles.

zu 1) Tugend ist bei Kant das oberste, aber nicht das vollendete, höchste Gut. Das höchste Gut besteht in der Übereinstimmung von Glückseligkeit und Glückwürdigkeit. Moralisch ist ein Wille, der eine Maxime wählt, in der er von der Gesetzesförmigkeit (etwas kann Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft sein) bestimmt ist, nicht von empirischen Triebfedern.

zu 2) Glück kann nicht direkt verfolgt werden, sondern stellt sich ein. Mittel werden verfolgt, aber das Streben geht darüber hinaus auf die Ziel.

zu 5) Aristoteles ist auch theoretisch, bei der „Übersetzung“ würde ich eine Abschwächung bevorzugen. Aristoteles ist in der Nikomachischen Ethik stärker inhaltlich-praktisch orientiert als Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten oder Kritik der praktischen Vernunft.

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@Albrecht

Danke für die nachträgliche Antwort :)

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das ist ganz einfach nachzulesen:

http://www.tutoria.de/wiki/philosophie/254/die-konzeption-des-guten-nach-aristoteles-kant-und-mill

Weshalb immer die "Wie immer bekommt jede ernst gemeinte Antwort nen DH :)" - Bemerkung? Man beantwortet hier nicht wegen DH-s!!

Damit will ich ausdrücken, dass ich eine ernstgemeinte Antwort im Gegensatz zu vielen anderen Usern zu würdigen weiß :)

Den link hab ich schon gelesen. Hat mir leider nicht viel weitergeholfen, trotzdem danke fürs raussuchen :)

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