"Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche

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Was der Grund für das Mitnehmen der Peitsche bei derAussage ist, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden, weil Nietsche sich nicht deutlich genug äußert.

Bei der Deutung bleibt nur der Weg, Vermutungen anzustellen und auf mögliche Bezüge zu achten.

Bei der Äußerung ist nicht eindeutig, was gemeint ist. Der Zusammenhang im Text ist zu beachten. In dem Werk kommt der Ausspruch von einem alten Weiblein. Friedrich Nietzsche trägt ihn nicht in eigenem Namen vor (nicht einmal bei dem, was Zarathustra sagt, kann an jeder Stelle einfach zugrundgelegt werden, Nietzsche vertrete genau diese Ansicht) und inwieweit er ihn a) ernstgenommen haben will und b) was dahintersteht, ist nicht völlig klar.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra : ein Buch für Alle und Keinen. Erster Theil. Die Reden Zarathustra’s. Von alten und jungen Weiblein:

„Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!“ sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ —

An einer anderen Seele scheint eine Anspielung stattzufinden. Dabei ist die Peitsche ein lärmendes Taktinstrument, das Zarathustra verwendet, um dem Leben (als Frau verstanden [vita femina]) den Rhythmus vorzugeben, was dieses allerdings wenig beeindruckt und zurückweist (wobei ann die Peitsche nicht mehr vorkommt/benutzt wird).

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra : ein Buch für Alle und Keinen. Dritter Theil, Das andere Tanzlied 1. Zum Leben: „Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst du mir — schrein! Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich vergass doch die Peitsche nicht? — Nein!“ —“ 2. „Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, — und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.“

Biographische und literarische Bezüge kommen für Deutungsversuche herangezogen werden.

Im Mai 1882 entstand auf Betreiben Nietzsches in Luzern eine Photographie (abgebildet z. B. bei Carol Diethe, Vergiss die Peitsche : Nietzsche und die Frauen. [Aus dem Englischen von Michael Haupt]. Deutsche Erstausgabe. Hamburg ; Wien : Europa-Verlag, 2000, S. 65), die ihn und seinen Freund Paul Rée an der Deichsel eins Leiterwagens wie in ein Geschirr gespannt zeigt, während auf dem Wagen Lou(ise) von Salomé mit einer Peitsche/Geißel in der Hand hockt (beide mit ihr freundschaftliche verbundenen Männer waren in sie verliebt). Möglicherweise handelte es sich um einen hintergründigen Ulk (denkbare Beziehungen sind z. B. der Widderwagen der germanischen Göttin Frigg(a)/Frija/Fricka,wie er auch in „Die Walküre“ von Richard Wagner vorkommt, die Geschichte von Kleobis und Biton bei Herodot und der Seelenwagen in Platons Dialog „Phaidon“).

Carol Diethe, Frauen: In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 50 – 60 weist auf das Zerbrechen der Freundschaft Nietzsches mit Lou von Salomé im November 1882 hin (wobei Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth mit Manipulationen und Intrigen auch eine Rolle spielte).

S. 50: „Als er im Winter 1882/3 die ersten Teile von Also sprach Zarathustra schrieb, schlichen sich misogyne Äußerungen wohl nolens volens in den Text ein.“

Sven Brömer, Die Frau. In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 232 – 235 verweist auf die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die angab, ihm die Novelle „Erste Liebe“ (Geschichte von der umschwärmten Sinaida, die mit ihren Verehrern grausame Spiele treibt, bis sie schließlich von einem herrischen Mann, den sie zu Grunde richtet, mit einer Reitpeitsche gezüchtigt wird, was ihr offenkundig nicht mißfällt) von Iwan Turgenjew vorgelesen zu haben. Ihr Bruder habe sich empört über die Tat des Liebhabers geäußert, während diese sich bei gewissen Frauen für eine symbolische Peitsche ausgesprochen habe. Ihr Gedanke bei der Zarathustra-Stelle sei gewesen. „Oh Fritz, das alte Weiblein bin ich“.

Im Tanzlied versuche Zarathustra, die vita femina zu dem Takt seiner Peitsche tanzend und schreiend auf Distanz zu halten. Die Peitschensentenz stehe in einem Verweisungszusammenhang zwischen Lektüre und persönlichen Erlebnissen. Sie erscheine als Geste herrischer Brutalität.

S. 234: „N. Explikationen über die Frau suggerieren die Gratwanderung einer Persönlichkeit zwischen weltmännischer Lebenslust und feinnerviger Unruhe. Sentenzenhafte Weisheiten schlagen in misogyne Bemerkungen um, plötzliche Verachtung gleitet über zärtliche Skepsis in mythische Verwunderung.“

Annemarie Pieper, „Ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch": philosophische Erläuterungen zu Nietzsches erstem „Zarathustra". Stuttgart : Klett-Cotta, 1990, S. 303 - 312 meint, in einem amüsanten Kabinettsstück sei Zarathustras Männlichkeitswahn karikaturistisch überzogen, um Klischeevorstellungen zu entlarven. Er werde durch die spöttisch-hinterlistige Antwort des alten Weibleins ausmanövriert. Der Abschnitt sei ironisch doppelbödig. Ob die Peitsche schon da ist oder mitgebracht wird, wer sie erhält und wozu sie eingesetzt wird, sei offengelassen. Die alte Frau spreche ebenso eine Warnung aus wie einen Rat. Peitschenbewehrte Frauen könnten eine Art erzieherische Kontrollfunktion einnehmen, um sicherzustellen, daß der Mann seinem Bestreben, zum Übermenschen zu werden, gerecht werde. Die Peitsche diente damit der „Zucht“ und wäre ein Symbol der Selbstüberwindung.

Bernd Nitzschke, Die Frau, der Mann, das Paar: neue Bücher zur Geschichte und Psychoanalyse des Geschlechterkampfes : keine Einheit ohne Differenz. In: Die Zeit 46 (1992), Nr. 41 (vom 2. Oktober), S. 47: „Ja, das war ein „altes", aber ziemlich emanzipiertes Weib, nämlich Mary Wollstonecraft, die schon lange tot war, als Nietzsche aus dem Werk dieser Vordenkerin des modernen Feminismus zitierte, ohne freilich das Zitat begriffsstutzigen Männern zuliebe genügend auszuweisen. […]

Mit den Frauen, die die Peitsche verdienen, sind jene gemeint, die ihr gesellschaftlich auferlegtes Sklavendasein bejahen. Was Nietzsche von der „Sklavenmoral" — und zwar auch der emanzipationsunwilliger Frauen — hielt, ist bekannt.“

In dem Artikel wird allerdings ein ausdrücklicher Nachweis für eine Lektüre und einen gewollten Bezug nicht gegeben. Außerdem hat Nietzsche, auch wenn seine Gedanken zum Thema Frau vielfältig und teilweise widersprüchlich sind, sich ablehnend über Emanzipierte und Frauenrechtlerinnen geäußert. Dies erweckt Zweifel an einer einfachen Übernahme einer ironischen Bemerkung mit gleicher Zielrichtung.

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Hermann Josef Schmidt, „Du gehst zu Frauen?“ – Zarathustras Peitsche – ein Schlüssel zu Nietzsche oder einhundert Jahre Lärm um nichts? In: Nietzscheforschung : eine Jahresschrift. Band 1. Herausgegeben im Auftrag der Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich Nietzsche von Ralf Eichberg, Hans-Martin Gerlach und Hermann Josef Schmidt. Berlin : Akademie-Verlag, 1994, S. 111- 134 führt die vielfältige Bandbreite der Deutungsmöglichkeiten vor. Im Ausspruch sei nicht ausdrücklich enthalten, die Peitsche mitbringen oder sie eigenhändig. Die Auffoderung könne bedeuten, die Peitsche nicht mitzubringen vergessen oder ihrer geistig gegenwärtig zu sein. Die Peitsche könne konkret oder symbolisch, ernst oder ironisch verstanden werden. Er neigt zu der Annahme, sie bedeute, sich zur Wehr zu setzen, unterdrückte Wünsche aus Nietzsches Kindheit drängten ans Tageslicht und seien innersten Ängste fänden einen, wenngleich unbewußten Ausdruck.

Carol Diethe, Vergiss die Peitsche : Nietzsche und die Frauen. [Aus dem Englischen von Michael Haupt]. Deutsche Erstausgabe. Hamburg ; Wien : Europa-Verlag, 2000, S. 82 – 84 gibt einen Hinweis auf einen Bezug in „Ecce homo“ auf Zarathustras Beginn seiner Rede an das alte Weiblein. Nietzsche schreibt dort „meine Antwort“. S. 84: „Wer jedoch angesichts Zarathustras Bemerkung über das Rätselhafte des Weibes, die in puncto Witz nach hinten losgeht, die Anspielung mit der Peitsche «mißversteht», mag sich damit trösten, daß eben nicht ganz ersichtlich ist, ob Nietzsche einen Witz macht, seine eigene Ansicht äußert oder männlicher Aggressivität und weiblicher Passivität das Wort redet – oder nicht.“

 

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Hans Gerald Hödl, Der letzte Jünger des Philosophen Dionysos : Studien zur systematischen Bedeutung von Nietzsches Selbstthematisierungen im Kontext seiner Religionskritik. Berlin : de Gruyter, 2009 (Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung ; 54), S. 49 – 54 weist auf eine aufgezeichnete Eintragung in einer Vorarbeit hin, bei dem auf den Satz über die Peitsche folgt: „In der Art, wie und was man ehrt, zieht man immer eine Distanz um sich“. Daraus gehe hervor, die Peitsche werde nicht gegen die Frauen verwendet, sondern als Instrument, das um den zur Frau – als Einem Ideal, das man verehrt – Gehenden Distanz zieht.

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