Ich bin 24 Jahre alt und seit vier Jahren mit meinem Freund (27) zusammen. Drei Jahre davon führten wir eine Fernbeziehung und sahen uns jedes Wochenende. Vor knapp einem Jahr bin ich für ihn 300 km weit weggezogen. Dafür habe ich meinen alten Job, meine Freunde, meine Familie und mein gewohntes Umfeld aufgegeben und mir an seinem Wohnort ein neues Leben aufgebaut.
Schon vor dem Zusammenziehen war die Beziehung nicht wirklich erfüllend. Ich habe mir mehr Aufmerksamkeit, Romantik, gemeinsame Unternehmungen und kleine Gesten gewünscht, aber diese Bedürfnisse wurden über lange Zeit kaum erfüllt. Auch emotional fühlte ich mich oft nicht verstanden. Wenn ich Ängste oder Sorgen geäußert habe, hatte ich häufig das Gefühl, dass er sie nicht ernst nimmt oder mir einredet, ich würde mir Dinge einbilden.
Nach dem Zusammenziehen änderte sich daran zunächst nichts. Es gab viele kleine Situationen, in denen ich mich nicht als Priorität wahrgenommen fühlte, obwohl er immer beteuerte, dass ich ihm wichtig sei.
Vor einigen Monaten habe ich aufgehört, um Aufmerksamkeit zu bitten, und begonnen, mich stärker auf mich selbst zu konzentrieren. Ich habe neue Kontakte geknüpft, Zeit mit Arbeitskolleginnen verbracht und mir ein eigenes Leben aufgebaut. Dadurch wurde ich wieder glücklicher, selbstständiger und lebensfroher. Gleichzeitig begann ich immer häufiger davon zu träumen, allein zu sein, frei zu sein und mich unabhängig weiterzuentwickeln.
Auch meine Zukunftsvorstellungen haben sich verändert. Früher wollte ich unbedingt früh Mutter werden und dachte immer, dass ich spätestens mit 25 Kindern haben möchte. Heute fühlt sich dieser Gedanke nicht mehr richtig an, zumindest nicht unter den aktuellen Umständen.
Genau in dem Moment, als ich mich emotional zurückgezogen habe, begann mein Freund sich zu verändern. Er macht plötzlich mehr Anstrengungen, plant Dates, schenkt mir Blumen und verbringt mehr Zeit mit mir. Doch statt mich darüber zu freuen, merke ich, dass ich mich innerlich bereits weit von ihm entfernt habe.
Früher habe ich darauf gewartet, dass er nach Hause kommt. Heute genieße ich es oft mehr, wenn ich allein bin. Ich habe wenig Lust auf gemeinsame Unternehmungen, körperliche Nähe oder Zweisamkeit. Stattdessen verliere ich mich lieber in Büchern und romantischen Geschichten.
Das macht mir ein schlechtes Gewissen, weil er sich jetzt Mühe gibt. Als Mensch bedeutet er mir weiterhin viel, und ich weiß nicht, ob ich ihn jemals so verletzen könnte, die Beziehung tatsächlich zu beenden.
Gleichzeitig bin ich nicht glücklich. Ich habe Angst vor den Konsequenzen einer Trennung, weil mein gesamtes soziales Umfeld inzwischen mit ihm verbunden ist. Besonders seine Schwester ist mir sehr wichtig geworden. Außerdem habe ich hier meinen Job, während meine Familie und alten Freunde 300 km entfernt leben. Ein Neuanfang erscheint mir deshalb schwierig.
Manchmal frage ich mich, ob ich mir alles nur einbilde. Andererseits gab es immer wieder kleine Situationen, die mich nachdenklich machen. Eine davon hat auch meine Mutter beschäftigt: Als unsere Familien zu Besuch waren, hatte ich stundenlang für alle gekocht. Weil am Tisch nicht genug Platz war, bot ich allen anderen die Sitzplätze an und meine Mutter und ich aßen im Stehen. Mein Freund bemerkte das nicht einmal und fragte weder mich noch meine Mutter, ob wir uns setzen möchten. Meine Mutter fand das sehr auffällig. Solche Situationen gab es immer wieder, und sie tragen dazu bei, dass ich mich oft nicht wertgeschätzt und nicht gesehen fühle.
Heute bin ich deshalb hin- und hergerissen zwischen meiner Verbundenheit zu ihm, der Angst vor einer Trennung und dem Gefühl, dass ich mich emotional bereits von der Beziehung entfernt habe und mir ein anderes Leben wünsche.
Habt ihr einen Rat? Habt ihr solche Beziehungen beendet oder gekämpft und es hat sich gelohnt?