Wie sieht es in einer Jugend-WG aus?

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1 Antwort

 Hallo erstmal.. :)

Also.. Ich erzähl einfach mal ein bisschen.
In meiner Jugend habe ich in unterschiedlichen Einrichtungen der Jugendhilfe gewohnt, die meiste Zeit davon in WG Form.
Diese unterschiedlichen Einrichtungen waren (man glaubt es kaum) sehr unterschiedlich ;)


Am längsten wohnte ich in einer größeren Einrichtung, welche aus mehreren kleineren Gruppen (WGs) zusammengesetzt war.
Es war eine sozialtherapeutische Einrichtung der Jugendhilfe, also waren dort Sozialpädagogen, Therapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, ich glaube auch 2 Lehrer und diverse andere Berufsgruppen vorhanden.
  

Die Äußeren Gegebenheiten

Gewohnt habe ich über die Zeit in zwei unterschiedlichen Räumlichkeiten, einmal in einem Mietshaus, zusammen mit 4 anderen Jugendlichen und 2 Betreuern. Diese beiden Betreuer waren ein Paar, ein Pädagoge und Lehrer und eine Therapeutin. Die beiden hatten im Haus ihre eigene Einliegerwohnung.

Der Rest des Hauses gehörte uns Jugendlichen, wir hatten jeder unser eigenes Zimmer, 2 Badezimmer, eine große Küche und ein kleines Wohnzimmer. Für dieses Haus und den dazugehörigen Haushalt und alles was das so beinhaltet waren wir alleine verantwortlich.
Also einkaufen, kochen, putzen, etc.
Für die Führung des Haushaltes stand uns eine monatliche Summe zu (pro Person) von der wir das alles organisieren mussten.

  
Alltag

Der Alltag gestaltete sich recht normal.
Morgens gemeinsames WG-Frühstück in der Küche, da wir glücklicherweise alle ungefähr zur selben Zeit raus mussten.
Dabei waren auch in der Regel die beiden Betreuer anwesend, es herrschte allgemein dort eine eher familiäre Atmosphäre.
Nach der Schule dann in der Regel freie Freizeitgestaltung, evtl. Gespräche mit Therapeuten/Betreuern etc.
Abends gab es anfänglich immer ein Tagesgespräch, wo der gesamte Ablauf und eventuelle Probleme noch einmal durchgesprochen  wurden.
Später reduzierte sich dies dann auf ein wöchentliches Gespräch und nach ungefähr einem Jahr fanden diese Strukturgespräche nur noch unregelmäßig bzw. bei Bedarf statt.

Einzige Besonderheit in der Anfangszeit:
Es wurde zusammen mit mir ein Tages-/Wochenplan erarbeitet, auf dem alle zu erledigenden Tätigkeiten/anstehenden Termine standen, sodass ich eine Struktur hatte an welcher ich mich orientieren konnte.
         

Regeln

Ja, die gibt es. Ein paar sogar.

Zuerst einmal: Eine Einrichtung der Jugendhilfe unterliegt (gesetzlich) einigen Regeln.
Soetwas wie Rauchen unter 18 beispielsweise darf dort nicht geduldet werden, und alle Dinge in diese Richtung.
Auch körperliche Beziehungen zwischen den Jugendlichen (unter 18) sind teilweise kritisch zu bewerten.

In der Praxis erweist sich das allerdings als recht schwer zu kontrollieren und wurde (in gewissen Rahmen) auch bei uns geduldet.

Ansonsten gab es in jeder WG eigene Regeln und Richtlinien, immer angepasst an die jeweiligen Bewohner und auch für jeden individuell gab es Regeln (allerdings auch Rechte).

Dies ist allgemein was ich vermitteln wollen würden müsste ich eine Quintessenz ziehen:
Es ist vieles reguliert und vorgeschrieben, die meisten Sachen haben allerdings durchaus ihre Daseinsberechtigung und einen Sinn. Fügt man sich, schafft man es im Rahmen zu bleiben, sich den Gegebenheiten anzupassen und vor allem an jeder Stelle in entsprechender Form das Gespräch zu suchen wird man keine Schwierigkeiten bekommen und es kann letztendlich auf alle Besonderheiten und Bedürfnisse zum beidseitigen Interesse eingegangen werden.

     

Die Betreuung

Da es sich ja um betreutes Wohnen handelt spielt dies eine essentielle Rolle. Ich möchte mal ein bisschen erzählen wie die so aussieht.

Im Grunde lässt sich das so allgemein gar nicht sagen, da es natürlich bei jedem sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Im Prinzip bestand die Betreuung daraus, dass es zu jeglichem eine Hilfestellung gab, sich also zu Anfang die Betreuer angeschaut haben wie man so mit allem Wichtigen und Unwichtigen zurechtkommt, und dann je nach Lage Hilfe angeboten haben.

Diese reicht von der Begleitung bei Amtsgängen über das gemeinsame Kochen, Einkaufen, Hausaufgaben erledigen, bis hin zur Begleitung in die Schule, wenn man sich denn partout weigert dort hinzugehen ;)

Man sieht also auch hier: Ein unterstützen und fordern.
Ist alles wie es sein soll wird die Betreuung zurückgefahren,
läuft etwas schief intensiviert.

Allerdings bestand die "Betreuung" auch einfach in gemeinsamen Freizeitaktivitäten.
Ich habe beispielsweise sehr gerne mit unserem Lehrer Holz gehackt und Bäume gefällt, wir hatten nämlich einen Kamin der immer befeuert werden wollte. 

   
Probleme

Klar gab es die. Sowohl mit Betreuern als auch mit anderen Jugendlichen, was irgend wie ja auch in der Natur der Sache liegt. Mehrere Jugendliche mit Problemen bzw. aus schwierigen Verhältnissen an einem Ort = Probleme.

Es gab allerdings nie "schwerwiegende" Auseinandersetzungen, keine Übergriffe o.Ä.

Letztendlich konnten eigentliche alle Konflikte (ob mit den Betreuern oder andern Jugendlichen) im Sinne aller geklärt werden.

    

Selbstständiger werden

Das ist ja irgend wie so der Sinn des Ganzen, also wird hierauf auch viel Wert gelegt.

Nachdem ich längere Zeit (1 1/2 Jahre) in oben beschriebener WG wohnte, stand für mich ein Umzug an. Diesmal in eine WG mit nur einer Mitbewohnerin.

Hier änderte sich auch die Betreuungsform, statt mit den Betreuern zusammenzuleben kam nur noch einmal die Woche jemand vorbei und "sah nach dem Rechten". Oft haben wir uns aber auch in einem Café getroffen oder Abends auf ein Bier o.Ä. in einer Lokalität.

Man sieht also: Es wurde mit der Zeit immer lockerer.

Und diese WG war eigentlich eine stinknormale Studenten/Jugend/junge Erwachsenen-WG.

Wir haben die Wochen meistens lernenderweise bzw. studierenderweise verbracht (ich hatte mittlerweile Abitur gemacht), uns mit Freunden getroffen, an den Wochenenden wilde Partys veranstaltet, uns manchmal Mittwochs Nachts ganz schlimm betrunken weil jemand Liebeskummer hatte und es am Tag darauf in der FH bzw. Schule bitterböse bereut.. Was man halt so macht in dem Alter ;)

  

Zusammenfassend

Alles in allem hatte ich eine wunderbare Zeit dort.

Natürlich war nicht alles toll, logisch. Begründet sich ja schon aus der Tatsache dass es mir in der Zeit ursprünglich nicht so wunderbar blendend ging, was ja auch der Grund war warum ich in eine therapeutische Jugendhilfemaßnahme gesteckt wurde. (Übrigens anfänglich unfreiwillig, das Sorgerecht lag damals beim Jugendamt, später als ich hätte widersprechen können bin ich freiwillig geblieben)

Aber ich habe in der Zeit viele tolle Menschen kennengelernt, einen Freund fürs Leben gefunden, hatte viel Spaß und alles was so zu einer guten Jugend gehört.

Ich habe vor allem sehr viel an mir arbeiten und so gefestigt und klar werden können, wie es mir sonst wohl nicht, oder wenn, dann erst sehr viel später in meinem Leben gelungen wäre.

  

Ich entschuldige mich dafür falls der Text etwas unstrukturiert ist, ich habe einfach mal so drauf losgeschrieben und wusste nicht so wirklich was ich dir alles mitteilen möchte :D

Falls noch Fragen offen sind, frag einfach!

  

Lieben Gruß,
charlemagne

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