Welche mythologische Bedeutung wird einäugigen Lebewesen beigemessen?

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3 Antworten

Deutungen sind viele möglich, aber die Frage ist, ob sie mehr als unsichere Spekulationen (nicht von der zugehörigen Mythologie her belegt oder oder als wohlbegründete Schlußfolgerung nachweisbar) sind. Ein spekulativer Erklärungsversuch ist z. B., die Sonne als Odins Auge zu deuten.

Meines Erachtens gibt es nicht eine einzige Bedeutung, die für alle Fälle einäugiger Lebewesen in der Mythologie zutreffend ist. Wie Einäugigkeit genau zu verstehen ist, muß sorgfältig geprüft werden.

Einäugigkeit besteht teils von Anfang an, als in der Natur des Lebewesens liegend, teils hat jemand das Auge verloren/durch Verletzung bzw. Beschädigung eingebüßt.

Die Bedeutung von Einäugigkeit bei mythologischen Lebewesen kann in zwei grundlegend unterschiedliche Typen unterteilt werden:

1) Einäugigkeit als Zeichen der Monströsität und Häßlichkeit, wobei dem physischen Defekt ein psychischer Defekt entsprechen kann, zu der körperlichen Deformiertheit (Entstellung) die charakterliche hinzukommt, eine schlechte Wesensart

2) Einäugigkeit in Verbindung mit außergewöhnlichen, hervorragenden Fähigkeiten, die Gegengewicht bzw. ihr Ergebnis sind (als Ausgleich/Kompensation oder Erwerbung durch Opfer eines Auges)

Einäugig können Ungeheuer, Riesen, die Schlimmes tun, schlechte, dämonische und teuflische Wesen sein.

Hagen hat sein rechtes Auge (und 6 Backenzähne) verloren, als er mit Gunther am Wasgenstein gegen Walter von Aquitanien kämpfte (Waltharius 1393 – 1395). Mit seinem Aussehen macht er einen finsteren, verschlagenen, schrecklichen Eindruck.

Einäugigkeit erscheint in Sagen und Märchen manchmal als Strafe für Begegnungen mit übernatürlichen Wesen, wobei das schauende Auge geblendet wird.

In der ägyptischen Mythologie wird dem Gott Horus zeitweise ein Auge vom Gott Seth entrissen bzw. beschädigt, bis er es wiederfindet und es geheilt wird. Der zeitweise Verlust steht für Gefährdung und Störung der Macht und Ordnung, die Zurückgewinnung für Vervollständigung, Regeneration, Heilung, Schutz, Vollkommenheit und Macht.

Bei den Kyklopen (griechisch: Κύκλωπες [Kyklopes]; Singular: Κύκλωψ [Kyklops]; lateinisch: Cyclopes; Singular: Cyclops) ist die Einäugigkeit zusammen mit ihrer riesigen Größe ein Merkmal, Ungeheuer zu sein. Das eine Auge mitten in der Stirn ist etwas Abnormes. Die Kyklopen sind von Uranos/Ouranos (Οὐρανός) und Kronos (Κρόνος) zeitweise im Tartaros, einen ganz tiefen Ort der Unterwelt, gefangengehalten worden. Sie sind stark, wild, primitiv, stehen für ungebändigte Kräfte der Natur. Der Ausdruck Κυκλώπειον βλέμμα (Suda, kappa 2652 Adler) ist - wenn diese Lesart (kyklopischer Blick) eine Verbesserung darstellt gegenüber dem handschriftlichen Κυκλώπειον κλέμμα (kyklopischer Diebstahl), was Grundlage ist, den Namen Kyklopen nicht als „Rundaugen“ (kreisförmige Augen), sondern als „Viehdiebe“ zu deuten – ein gewisses Anzeichen für eine alte Volksvorstellung von einem bösen Blick (Thomas Rakoczy, Böser Blick, Macht des Auges und Neid der Götter : eine Untersuchung zur Kraft des Blickes in der griechischen Literatur. Tübingen : Narr, 1996 (Classica Monacensia ; Band 13), S. 87 – 88). Andererseits gibt es bei den Kyklopen, die als Schmiede tätig sind, ausgezeichnete Kunstfertigkeit.

In der keltischen Mythologie Irlands verfügt der einäugige riesige Balor über einen bösen Blick, der zerstörend ist und einer Armee in einer Schlacht Verderben bringen kann.

Das eine Auge besitzt in manchen Fällen in einer Kompensation besonders gute Sehschärfe oder eine andere Fähigkeit ist vortrefflich. Ein Auge kann ein Opfer für Mehrwissen oder Mehrkönnen sein.

Odin hat sein eines Auge als Opfer hergegeben, um aus Mímirs Brunnen/Quelle (Mímis brunni) zu trinken und dadurch Wissenssteigerung und Weisheit zu erwerben (Völuspá/Vǫluspá Strophe 28; Gylfaginng Kapitel 15).

In der japanischen Mythologie (Shintoismus) kann der einäugige Gott Amatsumara hervorragend schmieden.

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Kommentar von Albrecht
05.02.2017, 10:23

Literatur: Hans-Jörg Uther, Einäugige, Einäugigkeit. In: Enzyklopädie des Märchens : Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Band 3: Chronikliteratur - Engel und Erimit. Herausgegeben von Kurt Ranke zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Max Lüthi, Lutz Röhrich, Rudolf Schenda. Redaktion: Lotte Baumann, Ines Köhler, Elfriede Moser -Rath, Ernst Heinrich Rehermann, Christine Schmidt, Hans-Jörg Uther, Rainer Wehse. Berlin : New York : de Gruyter, 1981, Spalte 1183 – 1193

Spalte 1183 – 1184: „Einerseits verkörpern E.e wie → Hinkende und → Bucklige seit alters Bosheit und Schlechtigkeit; Begegnungen mit ihnen bringen Unglück. So heißt es in dem in Europa weit verbreiteten Sprichwort: „Hüte dich vor denen, die die Natur gezeichnet hat“ und ähnlich“; […]. Solche seit dem Altertum bekannten Einstellungen wirken bis heute nach, wie zahlreiche Untersuchungen belegen, und sind darauf zurückzuführen, daß eine Gesellschaft Gesichts- bzw. Körpermißbildungen als abstoßend empfindet und dem Deformierten abwegiges Verhalten zuschreibt: Dem körperlichen entspricht ein psychischer Defekt, das Verhältnis zwischen Gesunden und Behinderten erscheint negativ. Andererseits sind in Mythologien zahlreicher Völker übernatürliche Wesen häufig einäugig gedacht, und deren außergewöhnliche Fähigkeiten resultieren aus dem Defekt. Diese ambivalenten Einstellungen und Werte vermitteln auch Volkserzählungen und Erzählinhalte, doch gilt es dabei zu unterscheiden zwischen dem Defekt als solchem sowie dem Een und seiner Funktion in den verschiedenen Genres.“

E.e = Einäugige

Spalte 1185: „E.keit als Häßlichkeitsattribut findet sich ferner insbesondere bei den schadhaften Wesen des Märchens und der Sage. Der E.e wie der Blinde besitzen den sog. bösen Blick […], der anderen schadet. Übernatürliche Wesen wie Ungeheuer, Drachen und Menschenfresser […], die Venediger, der feurige Mann u. a. können ebenso wie dämonische Tiere, z. B. Fisch, Pferd, Hund und Hase, über nur ein Auge verfügen; ihre Gegenwart deutet auf vergangenes oder künftiges Unheil. Und selbst der gewöhnlich hinkende Teufel kann obendrein e. sein. Darüber hinaus kennzeichnet der Augendefekt die (menschlichen) Gegenspieler der Helden im Märchen. So heißt es in KHM 11 ([…]→ Brüderchen und Schwesterchen) von der Tochter der Stiefmutter, die dem König als Frau untergeschoben werden soll, daß sie „häßlich war wie die Nacht und nur ein Auge hatte.“ Die Unterschiebung der falschen → Braut gelingt bekanntlich nicht, und die wahrheit kommz auch im regional bekannten Erzähltyp […] The Substitute Bridegroom ans Licht: […].“

sog. = sogenannten

E.keit = E.keit  

u. a. = und andere   

e. = einäugig  

KHM = Kinder- und Hausmärchen, Jacob und Wilhelm Grimm

Spalte 1186: „Die E.keit wird allerdings nicht nur negativ gesehen. Bei vielen Völkern ist seit alters die Vorstellung verbreitet, daß E.en (und vor allem Blinden) E i g e n s c h a f t e n   u n d  F ä h i g k e i t e n zukommen, die sie in hohem Maße gegenüber Nichtbehinderten qualifizieren. Behinderung in diesem Sinn bedeutet einen Mangel, der aber durch andere Gaben kompensiert wird. Das trifft z. B. für die Figur des mythischen → Schmiedes zu, der bei vielen Völkern als E.er und Hinkender dargestellt ist, sich jedoch durch treffliche Schmiedekunst auszeichnet.“  

E.keit = E.keit  

E.en = Einäugigen  

E.er = Einäugiger

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Kommentar von Albrecht
05.02.2017, 10:28

Siegfried Seligmann, Einäugigkeit, In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Herausgegeben von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffman-Krayer. Unveränderter photomechanischer Nachdruck. Mit einem neuen Vorwort von Christoph Daxelmüller. Band 2: C – Frauenfragen. Berlin ; New York : de Gruyter, 1974. Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Berlin und Leipzig, de Gruyter, Guttentag, Reimer, Trübner, Veit, 1929/1930, Spalte 694 - 697

Spalte 694 - 695: „1. Einem Einäugigen traut man einen besonders scharfen Blick zu […].

2. Einäugige bieten eine häßliche, auffallende, abschreckende Entstellung dar. Deshalb galt E. (bei einem neugeborenen Füllen) schon bei den alten Chaldäern als böses Vorzeichen und kündete die Verheerung des Landes an. Und bei Prätorius lesen wir, daß eine [...]geburt mit einem Auge auf der Stirn Pest und Hungersnot bedeutet. Der Einäugige steht beim Volke in noch üblerem Rufe als der Rothaarige: er gilt als Spitzbube und hat häufig den bösen Blick […]."

Spalte 695: „3. Die bösen Riesen werden in vielen Märchen und Sagen einäugig dargestellt. Ihre E. weist auf Blitz oder Wirbelwind, ebenso die Dämonen, Elben und Truden, die Windgeister, wie das Kasermandl und andere, die Venediger, der feurige Mann und die dämonischen Tiere: Pferd, Eber, Sau, Hund, Hase oder Häsin, Dachs, der Fisch (Hecht, Borch). Wer solche Tiere fängt, muß es meist mit dem Leben büßen. Manchmal sitzt das eine Auge auf der Stirn (Stirnauge, Zyklopenauge) oder auf der Brust.“

E. = Einäugigkeit

Spalte 696: „4. In der deutschen Mythologie ist Wodan (Odin) einäugig (als wilder Jäger, Schimmelreiter, ewiger Fuhrmann), weil sein eines Auge, die Sonne, des Himmels Auge ist.“

Spalte 697: „5. Nach der deutschen Sage kann nur ein einäugig Geborener den Schatz heben.“

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Odin war nicht Einäugig er hatte zwei Augen -von den Musen (Geisterwesen) wollte er Weisheit bekommen die Frauen sagten gut aber gib uns ein Auge das linke ! So wurde Odin Einäugig mit Augenklappte wird er immer dargestellt !Das mit den Zyklopen einäugige Wesen ist Genetisch !

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einseitigkeit in jeglicher wahrnehmung

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