Was meint Goethe mit dieser letzten Strophe?

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6 Antworten

Hi! Es wäre natürlich gut zu wissen, auf welche Weise du die ersten Strophen bereits interpretiert hast.

Ich versuche es trotzdem mal: Wer auf einem speziellen Gebiet etwas Großes erreichen will, darf sich nicht allzu sehr auch mit diversen anderen Dingen beschäftigen. Der Fokus auf einen bestimmten (Fach-)Bereich darf nicht durch verschiedene andere Einflüsse verwässert/abgelenkt werden, um letztendlich ein perfektes Ergebnis erzielen zu können.

Ein wahrer Meister seines Fachs wird nur derjenige, welcher sich ganz gezielt nur das Wissen aus einem einzigen Bereich aneignet. Unspezialisierte Menschen erlernen ggf. zwar aus verschiedenen Bereichen jeweils ein bisschen, aber nichts davon in Perfektion. Eventuell recht gut vergleichbar wäre diese Aussage mit dem aktuellen Master-Studiengang.

Künstlerische, berufliche und studientechnische Freiheit kann nur dort herrschen, wo der Mensch durch einen funktionierenden Rechtsstaat und entsprechende Gesetze konsequent beschützt wird. In Ländern ohne unsere als selbstverständlich empfundene Freiheit gibt es beispielsweise kein Anrecht auf Bildung, keine Meinungsfreiheit, keine freie Kunst. Dort landet man schon halb im Gefängnis, wenn man nur an unsere Art der Freiheit denkt.

Es handelt sich um ein Gedicht, das unter starkem Einfluss freimaurerischen Gedankenguts verfasst worden ist, unter Freimaurern beliebt und bekannt ist und öfters besprochen und ausgelegt wird. Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen. Hier ist der Gedanke an die Arbeit des Lehrlings mit dem Rauen Stein, von dem er die "Ecken der Unvollkommenheit" abschlagen soll, damit ein gerader Stein entsteht. Dieses gilt im übertragenen Sinne auf die geistige Anpassung eines Menschen in ein größeres Gefüge. Hat man aber sich eine Zeit lang mit diesem Thema (auf freimaurerische Art) beschäftigt, sieht man allmählich ein, dass die zwei sich nicht wirklich fliehen, sondern dass beide einen anzieht. Man begreift, dass die Natur des Menschen auch eine Natur der Regeln ist und nicht ausschließlich eine Natur der Wildheit und Unkontrolliertheit. Das "redliche Bemühen" und die "abgemessenen Stunden" bezieht sich auf eine besondere esoterische Lehre der Freimaurerei, worin der Lehrling angehalten ist, die Zeit, die er mit seiner Vervollkomnung verbringt, mit einer bestimmten zeitlichen Messlatte zu bemessen. Es handelt sich um "freimaurerische Werkzeuge", die in der Ausbildung zum Freimaurer Verwendung finden. "Vergebens werden ungebundene Geister nach Vollendung streben". Das bezieht sich wiederum auf die Lehre des Gesellengrades der Freimaurerei, wo der Geselle dazu angehalten wird, über die Bindung der Menschen zu einander nachzudenken und dieses Gedankengut in seinem Alltag umzusetzen. "Wer großes will" bezieht sich auf den Meistergrad der Freimaurerei. Diese letzte Strofe hat mit der esoterischen Lehre des Meistergrades zu tun. Es ist schwierig, dieses zu erklären, ohne die Geheimnisse der Freimaurerei preiszugeben. Es sei aber soviel gesagt, dass der Meister nicht auf die persönliche Vervollkommnung arbeitet (wie der Lehrling) und auch nicht auf die vollkommene Gesellschaft (wie der Geselle), sondern dass er "auf etwas Großes" aus ist, das größer ist als sein eigenes Leben und seine eigenen Gedanken. Er muss sich hier in ein größeres Gefüge fügen und sich auf eine bestimmte Weise beschränken. Das "Buch des heiligen Gesetzes" bekommt in der freimaurerischen Ausbildung zum Meister eine neue Bedeutung. ==== Mal rein abgesehen davon, kann man auch unter Profanen (nicht Freimaurer) soviel verstehen, dass wenn wir alle in der rechten Straßenseite fahren (oder der linken meinertwegen), dann haben wir einen viel freieren Verkehr, als wenn wir bei jedem Auto, das wir begegnen, entscheiden müssen, welchen Weg wir herumfahren. Auch ist es einfacher, wenn alle Kühlschränke die gleiche Größe haben, irgendwo einen alten mit einem neuen auszutauschen. Die meisten Gesetze, sowohl die geschriebenen als die ungeschriebenen, wie auch die Kenntnis der physikalischen Gesetze, geben uns mehr Freiheit als wir ohne die Gesetze gehabt hätten. Aber das ist etwas völlig nicht-freimaurerisches. Die Werke Goethes haben für die Freimaurer eine immense Bedeutung. In der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer Deutschlands wird bei jeder Tempelarbeit ohne Ausnahme der Satz "Das Gesetz nur wird uns Freiheit geben" zu einem bestimmten, vorgegebenen Zeitpunkt gesprochen.

Wer etwas wirklich Bedeutendes leisten will, muss klein anfangen und sich erst mal bescheiden den bestehenden Vorschriften und Gesetzen beugen, ehe er sie umwirft und eine neue Form der Freiheit etabliert, die es ihm ermöglicht, neue Gesetze aufzustellen.

Banal gesagt: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre".

Nur wer bemüht ist und nicht vom Weg abkommt, sein Ziel nie aus den Augen lässt, wird in der Lage sein, alles zu schaffen, was er sich vorgenommen hat. "Wer Großes will, muss sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

Im Endeffekt sehr einfach.

Kommentar von SorryAboutThat
04.04.2016, 17:19

So ganz einfach ist es dann doch nicht, Interpretiert hast du einfach nur den einfachen ersten Vers^^. Warum zeigt sich erst in der Beschränkung der Meister und warum kann nur das Gesetz Freiheit geben?

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Kommentar von heikootto
04.04.2016, 17:26

Da hast du natürlich Recht! Der Zweite Satz kann folgendermaßen interpretiert werden:  "In der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister" drückt boshaften Spott über die Kurzsichtigkeit, Ignoranz oder Fehlleistung eines Vorgesetzten aus. Allerdings könnte man auch meinen, dass er damit aussagen will, dass man absitlich hinter seinen Leistungen zurückbleibt...sei es aus Faulheit oder Ähnlichem.

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Ich denke er meint damit dass wir alle unsere grenzen haben und dass das gut ist weil man sich seiner meinung nach besser "entfalten" kann wenn man weiß dass man nicht alles kann oder darf

Meine interpretation:))

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