Warum wurde Byblis in eine Quelle verwandelt und von wem genau wurde sie verwandelt?

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3 Antworten

Die Erzählung über Byblis steht bei Ovid, Metamorphosen 9, 450 – 665.

Ovid, Metamorphosen 9, 635 – 665:

muta iacet, viridesque suis tenet unguibus herbas  

Byblis, et umectat lacrimarum gramina rivo.  

Naidas his venam, quae numquam arescere posset,  

subposuisse ferunt; quid enim dare maius habebant?  

protinus, ut secto piceae de cortice guttae,  

utve tenax gravida manat tellure bitumen,  

utve sub adventu spirantis lene favoni sole  

remollescit quae frigore constitit unda:  

sic lacrimis consumpta suis Phoebeïa Byblis  

vertitur in fontem, qui nunc quoque vallibus illis  

nomen habet dominae, nigraque sub ilice manat.

Publius Ovidius Naso, Metamorphosen. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Fink. Düsseldorf ; Zürich : Artemis & Winkler, 2004 (Sammlung Tusculum), S. 469:

„Stumm liegt Byblis da, krallt sich ins grüne Gras und benetzt den Rasen mit einem Strom von Tränen. Es heißt, die Nymphen hätten dazu eine Wasserader geleitet, die nie versiegen kann – denn was konnten sie Besseres geben? Plötzlich, gleichwie aus einem Schnitt in der Baumrinde Harz tropft oder zähes Pech aus schwangerer Erde quillt, oder wie, wenn ein lau wehender Westwind aufkommt, die Sonne den froststarrenden Bach wieder fließen läßt, ebenso zerfloß Byblis in Tränen und wurde in eine Quelle verwandelt, die noch jetzt in jenem Tal ihren Namen bewahrt und unter einer düsteren Steineiche entspringt.“

1) Grund/Ursache der Verwandlung

Mehrere Gesichtpunkte können als Erklärung herangezogen, warum Byblis in eine Quelle verwandelt worden ist.

a) Liefern eines Aition (aitiologische Begründung)

Ovid, Metamorphosen 9, 653 – 665 bietet eine Aitiologie: Es gibt in der Gegenwart („auch jetzt“ [nunc quoque]) eine Quelle mit dem Namen Byblis. Die Byblis-Geschichte liefert eine Begründung, warum die Quelle so heißt/woher der Name der Quelle stammt. Eine Erscheinung/ein Phänomen wird durch eine Erzählung über einen Ursprung (αἴτιον [aition]) in der Vergangenheit erklärt. Die Erklärungsrichtung des Autors läuft von einem Mythos/einer Sage zu einer Erscheinung/einem Phänomen. Sachlich kann aber die Richtung umgekehrt werden. Eine Erscheinung/ein Phänomen (eine Quelle mit dem Namen Byblis [griechisch: Βυβλίς]; bei Antoninus Liberalis, Metamorphosen 30 – der Nikandros aus Kolophon folgt – wird die entstehende Quelle »Träne der Byblis« [δάκρυον Βυβλίδος] genannt) ist Ausgangspunkt und dafür ist als Erklärung eine Erzählung dargeboten worden.

b) Umsetzung einer Metapher

Fließen von Wasser kann metaphorisch für das Fließen von Tränen unglücklich Liebender (wie z. B. Byblis) stehen. »Tränenquell« ist eine Metapher.

c) Zustand der Verwandelten kurz vor ihrer Verwandlung

Byblis ist von einer Liebesleidenschaft zu ihrem Zwillingsbruder Kaunos (griechisch: Καῦνος; lateinisch: Caunus) ergriffen worden. Dieser flieht davor und wandert aus der Heimat aus. Byblis sucht ihn in unglücklicher Liebe vergeblich, irrt in Karien und Lykien umher und bricht schließlich verzweifelt und erschöpft zusammen. Sie ist zu Boden gesunken und kann nur noch weinen. Ihr schmerzvoller Kummer beherscht sie ganz. Aus ihr fließt ein Tränenstrom. Bbylis befindet sich damit in einem Zustand, der deutlich in Richtung auf den Zustand weist, in den sie verwandelt wird. Daher ist bei einer Verwandlung ihre Verwandlung in eine Quelle und nicht in etwas anderes naheliegend.

d) Verursachung

Byblis liegt nahezu mit dem Erdboden verschmolzen da und wird von ihren eigenen Tränen verzehrt (lacrimis consumpta suis Ovid, Metamorphosen 9, 663). Naiaden (Wassernymphen) legen, wie die Leute erzählen, unten an die strömenden Tränen eine Wasserader/Quellader (Ovid, Metamorphosen 9, 957 – 958). Byblis zerfließt durch ihre eigenen Tränen, eine mit einem dreifachen Vergleich von Naturvorgängen (1. tropfendes Harz in einer Baumrinde durch einen Schnitt 2. aus der Erde quillendes Pech 3. Schmelzen des Eises eines Baches bei warmen Wind und Sonnenschein) dargestellte Auflösung.

e) Motiv (Beweggrund)

Die Naiaden (Wassernymphen) versuchen Byblis zu helfen. Über ihre Motive (Beweggründe) gibt es bei Ovid, Metamorphosen 9, 952 – 958 keine direkte Aussage. Um eine Bestrafung durch die Naiaden handelt es sich bei der Verwandlung eindeutig nicht. Die Versuche der Naiaden, Byblis beizustehen und sie zu trösten, sind erfolglos. Wie eine Frage nahelegt, hatten die Naiaden in dieser Lage nichts Größeres zu geben als eine Wasserader/Quellader zu legen und so eine Verwandlung einzuleiten.

Antoninus Liberalis, Metamorphosen 30 erzählt eine andere Fassung, in der Byblis in Verzweiflung nachts ins Gebirge geht, um sich von einem Felsen zu stürzen (beabsichtigte Selbsttötung). Mitleidige Nymphen versetzen sie in einen tiefen Schlaf, verwandeln sie eine Hamadryade (Baumnymphe) und nehmen sie zur Gefährtin und Freundin.

2) Urheber der Verwandlung

Byblis wird von den Naiaden (Wassernymphen) verwandelt, indem diese eine Wasserader/Quellader unten an die Tränen legen. Die Naiaden (Akkusativ Plural Naidas Ovid, Metamorphosen 9, 657), weibliche Naturgottheiten, sind die vorher genannten Nymphen (Nymphae Lelegeïdes Ovid, Metamorphosen 9, 652; lelegeïsche Nymphen werden sie nach dem antiken Volk der Leleger [griechisch: Λέλεγες; lateinisch: Leleges] genannt). Die Naiaden (griechisch: Ναιάδες; lateinisch: Naiades) haben als Wassernymphen Obhut über Quellen. Ein Legen einer Wasserader/Quellader fällt in ihren Zuständigkeitsbereich. Die alsbald sich vollziehende Verwandlung erscheint durch die Vergleiche wie ein Naturvorgang.

Nonnos, Dionysiaka 13, 557 – 561 enthält in einer knappen Erwähnung nur die Aussage, Byblis habe von Tränen begossen die Gestalt gewandelt.

Niklas Holzberg, Ovid : Dichter und Werk. 3., durchgesehene Auflage. München : Beck, 2005, S. 142:  

„Byblis treibt ihren Bruder durch weitere Annäherungsversuche schließlich in die Flucht. Rasend wie eine Bacchantin folgt sie seinen Spuren, bis sie nach Durchquerung mehrerer Länder zusammenbricht und heftig weinend in eine Quelle zerfließt, die „heute noch" (V. 664) ihren Namen trägt. So ist ihre Liebesglut im wahrsten Sinne des Wortes gelöscht. Wie man sieht, kann eine Verwandlung außer als ätiologische Erklärung auch als Metapher gelesen werden.“

S. 157: „Viele der Ovidischen Verwandlungsmythen stellen die Umsetzung einer Metapher in eine ätiologische Erzählung dar. So ist, wie wir bereits sahen, das Fließen des Wassers der Byblisquelle Metapher für das Fließen der Tränen einer unglücklich liebenden Frau, eben der Byblis, die der mythischen Erzählung zufolge in dem Moment, als sie nur noch weinen konnte, in die nach ihr benannte Quelle verwandelt wurde. Diese ist nun als die Metapher „Tränenquell" fester Bestandteil des Metaphernschatzes der Menschheit und insofern innerhalb des Universums der Metamorphosen etwas, das sich nicht mehr verändert. Das gilt für alle in dem Werk auftretenden Menschen, die man in ihrer verwandelten Gestalt als Metaphern für menschliche Charaktereigenschaken, Affekte und gute wie böse Taten lesen kann.“

Mechthild Freundt, Das Rührende in den Metamorphosen: interpretative Untersuchung eines Phänomens und seine Bedeutung für die Beurteilung Ovids. Dissertation Münster 1973, S. 233 – 235:  

„Ermattet liegt sie da, und ihre langen aufgelösten Haare breiten sich wie ein Teppich über die Erde (dura positis tellure capillis, 650). wie um selber ihre Klagen zu unterdrücken, preßt sie Gesicht und Mund fest auf die Blätter, die den Waldboden bedecken (frondesque tuo premis ore caducas, 651). Dieser jammervolle Anblick bewegt die Nymphen zutiefst, und voller Mitleid wollen sie der Unglücklichen helfen. Immer wieder versuchen sie, das Mädchen mit ihren weichen Armen (teneris ulnis, 652) sanft vom Boden aufzuheben, geben Ratschläge, wie sie von von der Liebe geheilt werden könne, und sprechen viele tröstende Worte (652-654). Aber alle diese mitleidigen und wohlmeinenden Tröstungsversuche ( - die Nymphen geben keineswegs gleich auf, wie das zweimalige “paene“, pointiert zu Anfang und denn die ungeheure Erschöpfung und in der Mitte der Verse 652 und 653, zeigt - ) sind vergeblich, denn die ungeheure Erschöpfung und die schon zu Wahnsinn gewordene schmerzvolle Leidenschaft haben Byblis taub gemacht für jedes freundliche Wort (surdaeque adhibent solacia menti, 654). In ihrer Verbissenheit und Verzweiflung glaubt sie nicht, daß irgend jemand ihr noch helfen könnte. So bleibt sie stumm, als die Nymphen zu ihr sprechen, und ändert noch nicht einmal ihre Lage, sondern preßt weiterhin ihr Gesicht eng an den Erdboden und krallt ihre Nägel in das Gras, als wolle sie sich nie mehr lösen (655f). Ihre einzige Lebensäußerung sind die Tränen, die unablässig aus ihren Augen fließen und wie ein kleiner Bach die Gräser durchfeuchten (umectat lacrimarum gramina rivo, 656). Trotz der abweisenden Haltung, die Byblis ihnen gegenüber zeigt, können die Nymphen es nicht ertragen mit anzusehen, wie sie langsam zugrunde geht, durch die innere Einstellung des Madchens ist seine Lage tatsächlich hoffnungslos geworden, es kann keine Besserung mehr geben. Der einzige Ausweg scheint der Tod zu sein.

Dieses grausame Ende jedoch wollen die Nymphen verhindern. Schritt für bereiten sie die erlösende Verwandlung vor, indem sie zunächst ihre Tränen auffangen und in eine niemals austrocknende Wasserader leiten (657f), ein großes Geschenk (quid enim dare maius habebant?, 658). Und bald darauf vollzieht sich die Metamorphose auch an Byblis selbst. In drei zarten poetischen Vergleichen, jeweils durch "ut" bzw. "utve" eingeleitet, beschreibt Ovid den Vorgang. Wie das Harz aus der Kiefernrinde tropft (659), wie das Steinöl zah dem Schoß der Erde entquillt (660) und wie beim Nahen des mild wehenden Westwindes das Eis sanft in der Sonne dahinschmilzt (661f; besonders auffällig ist bei diesem Vergleich die Betonung der Milde und Sanftheit, die auch Charakter und Handeln der Waldnymphen prägen), so wird der Tränenstrom, der aus Byblis' Augen dringt, immer stärker, bis schließlich der ganze Körper des Mädchens, sich selbst verzehrend, in Tränen zerfließt (sic lacrimis consumpta suis, 663). Byblis ist zur Quelle geworden, die am Fuße einer dunklen Eiche (nigraque sub ilice, 665; das Attribut "niger" paßt wie eine letzte Reminiszenz zu ihrem tragischen Schicksal) entspringt und nach dem unglücklichen Mädchen benannt ist (664f.).

So sind von der unglücklichen Byblis nur ihre Tränen symbolhaft übriggeblieben als das äußere Zeichen des ungeheuren Schmerzes, der sie zuletzt ganz beherrschte und sich durch nichts überwinden ließ. Das Mädchen erleidet also keine besondere Strafe für seine sündige Leidenschaft, denn das maßlose Leid, das diese verbotene Liebe Byblis gebracht hat, ist Strafe genug. Auch der Leser, der zunächst wahrscheinlich ebenso von Abscheu und Verachtung erfüllt war wie Caunus, kann sich des Mitleids nicht erwehren, wenn er ihr weiteres Schicksal verfolgt. Mit Rührung und Erleichterung nimmt er daher das barmherzige Eingreifen der Nymphen auf, die durch die Metamorphose den Qualen des Mädchens ein Ende bereiten. Diese uneigennützige Tat rührt ganz besonders dadurch, daß Byblis geholfen wird, obwohl sie sich starrsinnig und undankbar zeigt.“

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Hast du es mal gelesen?

http://www.gottwein.de/Lat/ov/met09de.php#Byblis

LG
MCX

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Kommentar von Dezin
30.04.2016, 20:17

Da steht nur drin dass sie weinend auf dem boden lag und dann zur quelle wurde. aber nicht warum und wer sie verwandelt hat. Oder ich versteh es nur einfach nicht...

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1) Sie liegt da (erstens) aus Trauer und (zweitens), weil die
lelegischen Nyphen mit ihren Ärmchen sie nicht aufrichten konnten (Vers
652)

2) Die Naiaden bewirkten die Metamorphose (Vers 657)

Steht doch im Text.... Wer lesen kann, ist klar im Vorteil... :)

LG
MCX

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Kommentar von Dezin
30.04.2016, 21:27

...und weil die armen kleinen Nymphen sie nicht aufrichten konnten, haben sie die große, schwere Byblis einfach in eine Quelle verwandelt, weil sie dachten, dass man eine Quelle bestimmt viel einfacher aufrichten kann...Ja neee, is klaaa...

Wer die eigentliche Frage lesen kann ist mindestens genauso im Vorteil

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