Unterschied von formaler und materialer Ethik

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Kant möchte in seiner Ethikkonzeption das Prinzip aller praktischen Begründungen an keine materiale Bestimmung des Moralischen binden (z.B. an eine Idee des Guten; an eine vernünftige und gerechte Praxis; an eine weise Lebensführung; an eine naturgemäße oder gottgewollte Ordnung). Nach seiner Meinung werden alle materialen Bestimmungen des Moralischen die Meinungen oder Neigungen einiger Personengruppen bevorzugen und damit bestimmte (praktische, private, politische, usw) Problembereiche ausklammern. Daher bevorzugt er ein formales Prinzip: Weil niemandes Meinung und Neigung ausgezeichnet werden darf, können nur solche Vorschläge als vernünftig gelten, die für jedermann annehmbar sind. Dieses mit dem kategorischen Imperativ formulierte Prinzip definiert eben jene Begründungsmöglichkeit, die sich aus dem Verzicht auf das Begründen über bestimmte Vorstellungen vom Guten, Gerechten und Vernünftigen ergibt. --Im Unterschied zur Ethik Kants versucht der Utilitarismus, moralische Begründungen über eine vernünftige Einschätzung von Glücksbedürfnissen zu geben. Genau dies führt aber zu einer materialen Ethik.

1) Philosophielexika helfen bei der Angabe des Unterschieds und der Einordnung ethischer Richtungen.

Maximilian Forschner, Formale Ethik – Materiale Ethik. In: Lexikon der Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. Original-Ausgabe, 5., neubearbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 1997 (Beck'sche Reihe ; 152), S. 74 – 75 gibt an:

Die Unterscheidung ist zunächst von Kant, dann in polemischer Betonung von Max Scheler in die Ethik eingeführt worden. Sie gründet in der unterschiedlichen Auffassung vom Bestimmungsgrund menschlichen Begehrens und Handelns, der dieses als sittlich begründet.

Während die materiale Ethik den Begriff des primär am Erkennen (oder Fühlen), Wollen und Verfolgen an sich guter Zwecke bzw. Werte, also an intendierter Zukunft festmacht (Scheler), sieht die formale Ethik Menschen als allein in einer bestimmten sittlichen Qualifikation der freien Subjektivität, in der vernünftigen Form ihres Begehrens begründet (Kant).

Zur materialen Ethik gehören alle Spielarten „teleologischer“ Ethik, die dem menschlichen Leben ein individuelles (ethischer Egoismus) oder kollektives (ethischer Universalismus), empirisch bestimmtes (Utilitarismus), metaphysisch erkennbares (Platon-Aristoteles) oder durch Offenbarung vermitteltes (theologische Ethik) Ziel vor Augen stellen, dem die Regeln des Handelns funktionell zugeordnet sind.

Zur materialen Ethik gehören auch jene „deontologischen“ Theorien, die nicht „außermoralische“ Güter (wie Glück, Erkenntnis, die Ehre Gottes, die Ordnung des Seins), sondern individuell bestimmte Handlungsregeln und moralische Werte (Scheler, Nikolai Hartmann, William David Ross)  als in sich sinnvolle, weder weiter begründbare noch begründunsgbedürftige Normen menschlicher Verpflichtung anerkennen.

Die formale Ethik, als deren Paradigma Kant gilt, rekonstruiert im Ausgang von der Idee der allgemeinen Pflicht und der sittlichen Gesetze mit ihrem Charakter als unbedingter und allgemeingültig Forderung den transzendenten Grund der Verpflichtung aus dem allgemeinen Begriff eines vernünftigen Wesens überhaupt. Das Moment autonomer Praxis der sich selbst wollenden und bestimmenden Vernunft, nicht die vorgegebenen und empirisch feststellbaren Bedürfnisse, Interessen und Ziele menschlicher Wesen begründet Moralität. Das aus reiner Vernunft ableitbare Gesetz des Handelns ist für ein endliches Wesen wie den Menschen lediglich in seiner formalen Grundstruktur (der Verallgemeinerunsgfähigkeit der Maximen und der Anerkennung aller Vernunftwesen als Selbstzweck) a priori (vor aller Erfahrung) bestimmbar.

2) Immanuel Kant ist ein Vertreter einer formalen Ethik (vgl. seinen kategorischen Imperativ). Jeremy Bentham ein Vertreter einer materialen Ethik (und zwar eines Utilitarismus, der das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl für erstrebenswert erklärt). Bei Bentham werden Handlungen nach auf ihre Folgen bezogenen inhaltlichen Gesichtspunkten (Menschen streben Glück/Lust/Freude/Befriedigung an und möchten Unangenehmes/Schmerz/Leid vermeiden) beurteilt. Dazu wird rational eingeschätzt, welche Handlung in ihren Folgen insgesamt die bessere Glücksbilanz hat (hedonistisches Kalkül).

3) Kurzgesagt macht die Formalität/das Formale bei Kants Ethik die Gesetzesförmigkeit des Prinzips aus.

Alle materialen praktischen Prinzipien gehören nach Kants Auffassung unter das allgemeine Prinzip der Selbstliebe, oder eigene Glückseligkeit. Dieses könne bloß empirisch erkannt werden, sei subjektiv (zugrundliegendes Gefühl der Lust und Unlust), bedingt und eine Einigung der Menschen auf ein inhaltliches Ziel wegen fehlender Allgemeinheit nicht erreichbar. Vom Begriff der Glückseligkeit als Bestimmungsgrund des Begehrungsvermögens könne kein praktisches Gesetz  ausgegeben werden, sogar bei einer (hypothetischen) Einhelligkeit, denn diese wäre nur zufällig.

Bei Immanuel Kant ist der gute Wille ist darauf gerichtet, das Sittengesetz als einsichtige Gebote für Vernunftwesen selbstbestimmt zu bejahen. Entscheidend ist die Handlungsabsicht (eine Maxime ist eine dem Vernunftinteresse entnommener subjektiver Grundsatz), nicht die tatsächlich eingetretene Handlungsfolge (eine ausreichender Einsatz der praktischen Vernunft bliebt aber trotzdem geboten).

 Die Bestimmung des reinen Willens muß gesetzesförmig sein, unabhängig von äußeren oder inhaltlichen, auf Neigungen beruhenden Beweggründen. Für die Form der Gesetzlichkeit stellt Kant den kategorischen Imperativ als Regel des unbedingten Sollens auf. Das Gute beim guten Willen besteht darin, sich nach ihm zu richten und daher den Maximen zu folgen, die als Teil einer allgemeinen Gesetzgebung gewollt werden können.

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft A 48 – 49: „Wenn ein vernünftiges Wesen sich seine Maximen als praktische allgemeine Gesetze denken soll, so kann es sich dieselben nur als solche Prinzipien denken, die nicht der Materie, sondern bloß der Form nach, den Bestimmungsgrund des Willens enthalten.

Die Materie eines praktischen Prinzips ist der Gegenstand des Willens. Dieser ist entweder der Bestimmungsgrund des letzteren, oder nicht. Ist er der Bestimmungsgrund desselben, so würde die Regel des Willens einer empirischen Bedingung (dem Verhältnisse der bestimmenden Vorstellung zum Gefühle der Lust und Unlust) unterworfen, folglich kein praktisches Gesetz sein. Nun bleibt von einem Gesetze, wenn man alle Materie, d.i. jeden Gegenstand des Willens (als Bestimmungsgrund) davon absondert, nichts übrig, als die bloße Form einer allgemeinen Gesetzgebung. Also kann ein vernünftiges Wesen sich seine subjektiv-praktischen Prinzipien, d.i. Maximen, entweder gar nicht zugleich als allgemeine Gesetze denken, oder es muß annehmen, daß die bloße Form derselben, nach der jene sich zur allgemeinen Gesetzgebung schicken, sie für sich allein zum praktischen Gesetze mache.“

4) Der Utilitarismus entspricht einer materialen Wertethik. Beim Utilitarismus wird eine Handlung nach der Nützlichkeit ihrer Folgen bewertet (Konsequentialismus). Als Kriterium für den Nutzen (der inhaltlich unterschiedlich verstanden werden kann) wird ein höheres Ziel benötigt (das allerdings nicht utilitaristisch aufgewiesen werden kann) und durch dieses Ziel ist die Ethik inhaltlich näher bestimmt.

 

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