Stimmt es, dass Immanuel Kant fordert, dass mann einem Mörder Auskunft geben muss, weil das Lügen verboten ist?

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2 Antworten

Kant fordert die Pflichterfüllung. Diese Pflicht soll nicht nur pflichtgemäß (=formal korrekt), sondern ohne jede Neigung (!!!) aus Pflicht geschehen, sprich: Weil es die Pflicht gebietet.

Folgender Fall: Ein Polizist sieht eine hübsche Dame, die gerade beraubt wird. Würde er nun denken: „Ich werde diese schöne Frau retten“, so würde er zwar pflichtgemäß handeln, aber nicht aus Pflicht! Er rettet die Dame nämlich aus einer Neigung heraus.

Denkt er aber nun: „Ich werde diese Frau retten“, so handelt er sowohl pflichtgemäß, als auch aus Pflicht

Der kathegorische Imperativ verlangt, dass jeder Grundsatz deines Handels (Maxime) für alle Menschen gleichermaßen gelten können muss. Da das Recht aus Not zu Lügen in dieser Systematik nicht auf alle Menschen und Situationen übertragen werden kann, gilt ein striktes Lügenverbot.


Ein weiteres Wort, dass bei Imanuel Kant immer wieder fällt, ist die Vernunft. Sie ist seinen Thesen zu folge nämlich der Antrieb des menschlichen Handelns. 

Nun aber folgt eine These aus dem Werke „Über  ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“, welche mich schwer daran zweifeln lässt, ob Kant selbst mit viel Vernunft begabt ist:

dass  die Lüge gegen einen Mörder, der uns fragte, ob unser von ihm verfolgte Freund sich nicht in unser Haus geflüchtet, ein Verbrechen ist

Also: Ich wäre lieber der unvernünftigste, unmoralischste "Verbrecher" auf Erden, als einen Freund in die Hände eines Mörders fallen zu lassen. 

Außerdem widerspricht sich die Lehre! Ist es unsere Pflicht, Beihilfe zum Mord zu leisten? Nein! Ist es unsere Pflicht, wenn es in unserer Macht liegt, einen Mord zu verhindern? Ja! Wie kann es also geboten sein, hier die Wahrheit zu sprechen? Die Antwort lautet: Kant ist ein Depp!



Einzelfahrer 30.06.2017, 16:47

„Ich werde diese Frau retten“

Muss es dann aber nicht konsequenterweise heißen "Ich werde diesen Menschen retten." ???

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NathanGaertner 30.06.2017, 16:56
@Einzelfahrer

Das kommt darauf an, was man damit sagen will. Wenn man mit Frau meint: "Ich werde diesen Menschen retten, weil er eine Frau ist", so ist es moralisch falsch, wiederum ist "Ich werde diese Frau retten, weil es meine Pflicht ist, Menschen zu retten", moralisch richtig. 

Deine Kritik ist jedoch berechtigt. Ich denke nämlich das sich selbst ein Musterpolizist keiner unterschwelligen Freude entziehen kann, dass er soeben eine schöne Frau gerettet hat. Mensch wäre neutraler. 

Aber egal, ich mag Kant ohnehin nicht. Er verwechselt Menschen gerne mit leblosen Zinnsoldaten.

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SlowPhil 30.06.2017, 18:15

Ich halte Kant nicht für einen Deppen, bin aber in vielen Punkten vollkommen anderer Meinung.

In Einklang mit Kant übrigens, denn Unmündigkeit ist nach ihm die Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines Anderen zu bedienen. Auch Kants selbst.

Er hat versucht, eine unbedingt gültige und der Vernunft einsichtige Ethik zu schaffen, was erst einmal ehrenwert, weil das allemal besser ist als moralischer Relativismus, der nicht nur dem „Einsatzgruppen“mann bescheinigen würde, dass seine Morde aus seiner Sicht (dem Nationalsozialismus) richtig sind, sondern sich nicht einmal klar sagen ließe, dass nicht diese Weltsicht ebenso gut wäre wie, sagen wir, dass christliche Menschenbild, das, wohl bemerkt, nicht an den christlichen Glauben gebunden ist.

Der Versuch Kants scheitert jedoch m.E. am rein gesinnungsethischen Ansatz, der Menschen „frisst“, in dem Sinne, dass es grauenhafte Konsequenzen haben kann, und der Gesinnungsethiker wäscht seine Hände in Unschuld und sonnt sich im Glanz seiner weißen Weste.

Abgesehen davon ist die wahrheitsgemäße Auskunft an den Mörder noch etwas anderes: Verrat.

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NathanGaertner 30.06.2017, 18:19
@SlowPhil

Ich denke, dass Kant häufig Moral mit Belanglosigkeit verwechselt. Das ist kein gutes Fundament für einen Philosophen. 

Hier macht sich auch ein Problem der Systematik bemerkbar, da diese nicht auf den teilweise verheerenden Einzelfall Rücksicht nimmt. 

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SlowPhil 30.06.2017, 20:22

Als Einzelfall würde ich das gar nicht bezeichnen. Nicht, dass dies relevant wäre, denn ein Fall, in dem jemand ausgerechnet mit moralischer Begründung einen anderen Menschen Folter oder Tod ausgeliefert hat, ist einer zuviel.

In Zeiten des systematischen Völkermordes aber ist dieses Beharren auf der Wahrhaftigkeit Massenmord. Dann überleben mal eben Tausende von Menschen nur dank der Bereitschaft anderer, die Völkermörder zu hintergehen.

Nun ist nicht die bloße Zahl das, was den Unterschied zwischen lässlich und verwerflich ausmacht, aber da erkennt man gleich die riesige Dimension der Folgen eines unbedingten Wahrhaftigkeitsgebotes.

Es ist eine Frage der grundsätzlichen Einstellung zu solchen Dingen wie der Unversehrtheit oder den Leben eines anderen Menschen.

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Ahzmandius 30.06.2017, 21:56

Es gibt in den Rechtswissenschaften einen wunderbaren Leitsatz:

"Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen."

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Ich weiß es nicht, aber die Antwort "Einem Mörder gebe ich keine Auskunft" wäre keine Lüge, damit erlaubt und erfüllt den Zweck - damit liefe die Forderung ins Leere - oder?

Patrickson 30.06.2017, 16:51

Genau! Es gibt immer vier mögliche ehrliche Antworten: Ja, nein, ich weiss es nicht, ich will nicht antworten! 

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