Möglichkeitsprinzip und Wirklichkeitsprinzip bei Aristoteles

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Das Möglichkeitsprinzip ist Dynamis: δύναμις (lateinisch potentia; Möglichkeit; Vermögen, etwas zu werden ; Fähigkeit, in einem neuen Zustand überzugehen)

Das Wirklichkeitsprinzip ist Energeia: ἐνέργεια (lateinisch: actus; Ins-Werk-Setzen, Wirksamkeit, Tätigkeit, Verwirklichung/Wirklichkeitsvollendung einer Möglichkeit)

In Philosophielexika kann nachgesehen werden (wozu allerdings die passenden Begriffe bekannt sein müssen, wenn dort nicht „unter „Möglichkeit“ und „Wirklichkeit“ darauf verwiesen wird). Am besten ist das Lesen im Zusammenhang bei Aristoteles, Metaphysik, vor allem 9. Buch (Θ). Bücher über Aristoteles enthalten Erklärungen, z. B. ausführlich:

Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 338 – 343

S. 341: „Mit dem Begriffspaar ‘Möglichkeit’ (δύναμις : im voraristotelischen Sprachgebrauch: Kraft, Fähigkeit) und ‘Wirklichkeit’ (ἐνέργεια; der Begriff ist vor Aristoteles nicht belegt) hat Aristoteles ein weiteres Interpretationsmittel gewonnen, die Einheit des Seienden in seiner Mannigfaltigkeit aspektartig darzutun (vor allem Met. Θ). Dabei ist Möglichkeit nicht logische Modalität […], sondern als das der Möglichkeit nach Seiende (δυνάμει ὄν: Met Δ 7, 1017 b 1; Θ 10, 1051 b 1; Λ 2, 1069 b 16) eine ontologische Kategorie […]. Denn es ist als das Noch-nicht-Seiende auf die Verwirklichung im Prozess der Bewegung bzw. Veränderung angelegt und gelangt (falls keine Störfaktoren eintreten) in das der Wirklichkeit nach Seiende (ἐνεργείᾳ ὄν). Aristoteles interpretiert jedes Werden (γένεσις) als eine Bewegung von dem der Möglichkeit nach Seienden zu dem der Wirklichkeit nach Seienden (De gen. et corr. I 5, 520 a 13). Die Zielgerichtetheit des Werdensprozesses kommt darin zum Ausdruck, dass für Wirklichkeit auch Vollendetheit (ἐντελέχεια, Entelechie) eintreten kann. Wirklichkeit ist dabei sowohl Verwirklichung als auch Verwirklichtheit eines vorher Möglichen.

Dem Begriffspaar ‘Möglichkeit - Wirklichkeit’ entsprechen die Termini ‘Stoff’ bzw. ‘Materie’(ὕλη) und ‘Form’ (εἶδος). Denn der Übergang von Möglichkeit zu Wirklichkeit vollzieht sich dadurch, dass in einem zielgerichteten Prozess aus Stoff Form wird bzw. gemacht wird. Möglichkeit und Wirklichkeit sind so die Seinsmodi von Stoff und Form. Jeder Stoff ist potentiell Form und drängt nach Formung und damit Verwirklichung. Die vier Ursachen bzw. Prinzipien, die Aristoteles als etwas nicht weiter Ableitbares zum Ausgangspunkt seiner Seinslehre und der Befragung seiner Vorgänger nimmt (Met. A 3, 983 a 23 ff.), lassen sich mit dem Strukturschema ‘Möglichkeit - Wirklichkeit’, ‘Stoff- Form’ in Einklang bringen, insofern die causa formalis das verwirklichte Sein (οὐσία, τὸ τί ἦν εἶναι) im Sinne der Wirklichkeit, die causa materialis als Stoff (ὕλη) im Sinne einer Möglichkeit, die causa efficiens als wirkende Ursache den Impuls, der den Formungsprozess des Stoffes einleitet, und schließlich die causa finalis den teleologischen Aspekt (οὗ ἕνεκα) als den Richtungssinn der Verwirklichung des Möglichen bezeichnet.“

Gert Plamböck, Dynamis. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2: D – F. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1972, Spalte 304 gibt an:

Aristoteles gebraucht Dynamis in zwei Hauptbedeutungen. Erstens und zunächst ist Dynamis „der Ursprung einer Veränderung (ἀρχή μεταβολῆς bzw. μεταβλητική) in einem anderen oder als ein anderes“ (Metaphysik IV [E], 12, 1019 a 15 ff.; VIII [H] 1, 1046 a 10ff.). Da zu diesem Vermögen des Bewirkens gleichursprünglich das Vermögen des Erleidens gehört, „der im Leiden selbst vorhandene Ursprung einer leidenden Veränderung durch ein anderes als ein anderes“ (Metaphysik VIII [H] 1, 1046 a 11ff.), gelangt Aristoteles von einem kinetischen Dynamis-Begriff zweitens zu einem spezifischen ontologischen Dynamis-Begriff, indem er diese Bestimmung als eine eigentliche Seinsweise insbesondere der ὕλη (des Stoffes; Z. B, Metaphysik VII [Z], 2, 1042 b 9; XII [Λ], 5, 1071 a 9) auffaßt. Etwas ist dann „dem Vermögen bzw. der Möglichkeit nach“ (δυνάμει), wenn es „schon durch den ihm eigenen Ursprung ein solches ist“ (Metaphysik VIII [H] 7, 1049 a 11ff.). Das genauere Sein empfängt Dynamis in dieser Bedeutung von den zugeordneten Begriffen Energeia und Entelecheia.

Winfried Franzen/ Konstantin Geordulis. Entelechie I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2: D – F. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1972, Spalte 506 – 507 gibt an:

Der Terminus gehört zunächst in den Zusammenhang der Lehre des Aristoteles von ἐνέργεια: und δύναμις (scholastisch: Akt und Potenz), welche ihrerseits einen wichtigen Bestandteil der aristotelischen Lehre vom Seienden darstellt. In erster Annäherung läßt sich der Bedeutung nach ἐντελέχεια mit ἐνέργεια identifizieren und dem Korrelat δύναμις gegenüberstellen. Demgemäß bezeichnet Entelechie die Verwirklichung der in einem Seienden angelegten Vermögen oder Möglichkeiten. Dabei ist bisweilen der Zustand bzw. Vorgang der Verwirklichung gemeint (ein ἐντελέχειᾳ ὄν ist ein Seiendes im Zustand der Verwirklichung, ein der Wirklichkeit nach Seiendes), zweitens aber auch das verwirklichende Moment selbst, welches so als Form dem Stoff als dem bloß Möglichen gegenübersteht (ἡ μὲν ὕλη δύναμις, τὸ δὲ εἶδος ἐντελέχεια Aristoteles, Περὶ Ψυχῆς/De anima/Über die Seele 414 a 16 f.). – Entelechie meint dann die Form, welche sich im Stoff verwirklicht. Zwar werden die Termini ἐντελέχεια und ἐνέργεια von Aristoteles nicht konsequent unterschieden, die Tendenz geht jedoch dahin, daß mit ἐντελέχεια der Vorgang der Verwirklichung oder des Wirklichwerdens bzw. Wirkens gemeint ist, mit ἐνέργεια dagegen der Zustand der erreichten Wirklichkeit, d. h. die Vollendung und das Ziel eines Verwirklichungsprozesses. Ausdrücklich bemerkt Aristoteles, daß ἐνέργεια auf ἐντελέχεια hin bezogen ist (Metaphysik VIII [H] 8, 1050 a 21 ff.).

Thomas Schirren, dynamis: In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Original-Ausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 118 gibt an:

Aristoteles verfügt über zwei unterschiedliche dynamis-Begriffe; der kinetische in seiner strengen Korrelation vom poiein/paschein (ποιεῖν/ πάσχειν; tun/leiden) ist aus dem vorsokratischen Denken entwickelt (Metaphysik IV[Γ], 15, 1021 a14ff.). Aristoteles bestimmt die dynamis als Prinzip des Umschlags in einem anderen inwiefern es ein anderes ist (Metaphysik IX[Θ], 1, 1046 a10 - 11), wobei aktives und passives Moment sowohl als eine dynamis wie auch verschiedene dynamis angesehen werden können. In der Metaphysik (VII [Z] 6, 1048a25) wird von diesem der ontologische dynamis-Begriff unterschieden; z. B. das Holz, in welchem die Herme der Möglichkeit nach vorhanden ist. Das Seiende in der Seinsweise der Möglichkeit wird von seiner Wirklichkeit her gedacht, die der Möglichkeit erst die Richtung vorgibt (1049b24), so wie der Same erst aus der Form des Zeugenden als Same von etwas bestimmt werden kann.

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Michael-Thomas Liske, energeia In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Original-Ausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 133 gibt an:

energeia muß bei Aristoteles aus zwei komplementären Begriffen heraus verstanden werden. Sie ist Verwirklichung oder Betätigung eines Vermögens (-> dynamis). Als vollendete Tätigkeit (πρᾶξις τελεία) ist sie nach Metaphysik IX[Θ], 1, 1048b18 – 35 vom Veränderungsvorgang oder Prozess (-> kinesis) zu unterscheiden: Eine energeia wie das Erblicken, das (nicht diskursive) geistige Betrachten, das Glücklichsein ist augenblicklich, da sie, sowie sie nur begonnen hat, sogleich vollendet und am Ziel ist (sprachliches Indiz: man kann zugleich das Präsens für den Zustand und das Perfekt für die erreichte Vollendung aussagen). Ein Veränderungsvorgang (κίνησις) wie der Genesungsprozess dagegen besteht in einer Abfolge verschiedenartiger Phasen, die sich vom angestrebten Ziel (-> telos) her bestimmen, und ist daher mit Erreichen dieses Ziel (der Gesundheit), das bereits außerhalb seiner selbst liegt, abgeschlossen, ist während seiner Dauer also unvollendet.

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Michael-Thomas Liske, entelecheia. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Original-Ausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 135 gibt an:

ἐνέργεια meint eher das Werk (ἔργον), also das Wirken oder den Vorgang der Verwirklichung; ἐντελέχεια betont den Charakter eines Ziels (-> telos) und bezeichnet so eher die erreichte Wirklichkeit oder Vollendung. Diese Unterscheidung wird aber dadurch fließend, daß die eigentliche ἐνέργεια kein Weg zu einem Ziel außerhalb ihrer ist. Das Werk (ἔργον) ist hier vielmehr Selbstzweck, die Tätigkeit (ἐνέργεια) selbst ist daher ja das Ziel (vgl. Metaphysik IX[Θ], 8, 1050 a 21 – 23). Wenn umgekehrt in Physik III, 1, 201 a 10f. ein Veränderungsvorgang (-> kinesis), als Verwirklichung (ἐνέργεια) einer Möglichkeit in seiner jeweiligen Möglichkeit definiert wird, dann meint ἐνέργεια gerade nicht die schon erreichte Vollendung, sondern den Verwirklichungsprozess als Weg zu einem noch nicht erreichten Ziel.

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@Albrecht

Kurze Frage: Sehe ich das richtig, dass demzufolge Franzen/ Geordulis energeia als Zustand, als ein erreichtes Ziel, als Vollendung sehen und entelechie als Vorgang/ Prozess der Verwirklichung? Im Gegensatz dazu sieht das Liske (zu entelechie) genau umgekehrt; ihm würde ich insofern eher Recht geben, als in entelechie telos steckt .... Wie ist dieser Gegensatz aufzulösen? Liebe Grüße

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@Sophialeinchen

Franzen/Geordulis halten energeia für den Zustand der erreichten Wirklichkeit, d. h. die Vollendung und das Ziel eines Verwirklichungsprozesses, enteleicheia für den Vorgang (Prozeß) der Verwirklichung oder des Wirklichwerdens bzw. Wirkens, aber auch manchmal für den Zustand der Verwirklichung einer Möglichkeit oder die sich in einem Stoff verwirklichende Form.

Liske versteht energeia von zwei sich ergänzenden Begriffen aus, zum einen Verwirklichung oder Betätigung eines Vermögens, zum anderen vollendete Tätigkeit (und in dieser Hinsicht vom Veränderungsvorgang/Prozeß zu unterscheiden). Er hält energeia eher für das Werk, also das Wirken oder den Vorgang der Verwirklichung, entelecheia eher für die erreichte Wirklichkeit oder Vollendung.

Der Sprachgebrauch von Aristoteles ist in diesen Feinheiten nicht völlig einheitlich. Bei Verwirklichung sind der Prozeß und der erreichte Zustand eng verbunden, der Übergang ist fließend. Daher kann es Deutungsunterschiede geben, was betont und mit einem Begriff genau gemeint ist. Bei entelecheia kommt mir die Auffassung von Liske genauer vor. Denn sprachlich steckt darin, sein Ziel (τέλος [telos]) in sich zu haben.

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