Welche Kritikpunkte lassen sich an der Tugendlehre des Aristoteles finden?

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Eine Kritik an der Tugendlehre des Aristoteles erfordert im Grunde, sein wichtiges Werk »Nikomachische Ethik« zumindest in größeren Ausschnitten zu lesen oder eine gute zusammenfassende Darstellung heranzuziehen und dann Aussagen an einigen Textstellen zu überprüfen.

1) Aktualität

Neben eigenen Überlegungen kann unter Wirkungsgeschichte/Nachwirkung/Rezeption gesucht werden.

Beim Neo-Aristotelismus kommt allerdings häufig eine Fehldeutung vor, Aristoteles in der Ethik als Gegner universaler (allgemeiner, für alle gültiger) Ansätze und als auf Traditionen bezogenen Relativisten zu verstehen. Aristoteles hält jedoch zwar manches für gut in der Praxis verwirklicht, zieht aber allgemeine Vernunftüberlegungen heran und billigt nicht unkritisch jede Tradition.

Viele Gedanken sind im Grundsätzlichen ziemlich zeitlos und haben Aktualität, zum Teil sind sie sogar besonders für das Leben heutiger Menschen und Gesellschaften und Staaten der Gegenwart relevant (von Belang/Bedeutung). Das Werk zielt in ziemlich großem Ausmaß auf nicht zeitgebundene, sondern allgemeingültige Einsichten. Einzelheiten können sich auf damalige Verhältnisse beziehen und nicht so wie vorgelegt übertragbar sein. Manches kann auch überholt sein, einige Aussagen über Frauen und Sklaven (Aristoteles meint, einige Menschen seien von Natur aus Sklaven [Politik 1, 3 – 7] und Frauen fehle eine ausreichend feste Kraft der Überlegung und Entscheidung [vgl. Politik 1, 12 – 13; Aristoteles, Nikomachische Ethik 5, 10 nimmt bei Beziehungen in einem nahen Verhältnis allein die Blickrichtung des Hausherrn, Vaters und Ehemannes ein, spricht sich nicht im Namen der Gerechtigkeit für die allgemeine Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frau aus) sind in schlechter Weise zeitverhaftet.

einige Bezüge:

Bedeutung des Glücks/ der Glückseligkeit und weit angelegter Gücksbegriff

Glücks/ der Glückseligkeit hat bei Aristoteles in der Ethik eine grundlegende Bedeutung, es ist höchstes Gut und Ziel des Handelns. Sein Gücksbegriff ist nicht auf ein augenblickliches Empfindungsglück beschränkt, sondern schließt ein Erfüllungsglück eines guten, gelingenden Lebens ein.

Dieses geschieht durch möglichst harmonische Entfaltung von Fähigkeiten. Dauerhafte Zufriedenheit spielt eine größere Rolle (eine Person erreicht Lebensziele, die sie erreichen will), Anlagen werden betätigt und dabei das wahrhaft Wünschenswerte in einem erfüllten, wohlgeratenem Leben verwirklicht, was mit innerem Einklang verbunden ist. Dieser Ansatz ist wieder aufgegriffen, z. B. von Wilhelm Schmid mit dem Konzept der Lebenskunst als selbstbestimmte und kluge Wahl für das Individuum realer Möglichkeiten.

Gedanke der Autarkie

Glück (immer um seiner selbst willen gewünscht, niemals um etwas anderen willen; daher vollkommen) allein ist nach Aristoteles schon ausreichend, ein Leben begehrenswert zu machen. Es bedarf keines Hinzufügens mehr. Das Gut, das vollendet ist, genügt sich notwendig selbst (Selbstgenügsamkeit = Autarkie). Dies hat Bezüge zu einem Wunsch nach Vermeidung von Abhängigkeit.

tragende Rolle der Tugenden

Tugenden gelten zwar zumindest in einigem Ausmaß als altmodisch und ihre objektive Gültigkeit wird angezweifelt (als willkürliche Setzung von Werten bzw. gesellschaftliches Produkt). Doch werden Tugenden, wenn an ihnen Mangel besteht und dies mit unerfreulichen Zuständen und Entwicklungen verbunden ist, von nicht wenigen auch gewünscht (Ruf nach Tugenden bzw. der Rückkehr zu ihnen). Aristoteles bietet hier ein Verständnis der Tugenden als Vortrefflichkeiten. Charaktertugenden sind eine vorzügliche Charaktereigenschaften. In der Tugendlehre geht es um das Anstreben des Guten (griechisch τὸ ἀγαθόν). Das griechische Wort für Tugend ἀρετή drückt Vortrefflichkeit aus (sehr wörtlich genommen steht es für etwas, das am besten ist – Bestheit). Damit ist auch Tüchtigkeit und Tauglichkeit gemeint, während das deutsche Wort „Tugend“ oft teils mit moralistischem Reglementieren, teils mit bloß funktionellen Qualitäten verbunden ist. Aristoteles berücksichtigt in seiner Ethik die innere Einstellung, aus der heraus Menschen handeln. Charaktertugenden sind Einstellungen, aus denen heraus Menschen das Richtige und Gute nicht verfehlen, sondern treffen.

Gedanke der Entfaltung von Fähigkeiten im Tätigsein

Aristoteles ist der Auffassung, ein so großes Gut wie das Glück könne nur durch ein Tätigsein erreicht werden, indem Fähigkeiten und angelegte Möglichkeiten entfaltet werden. Die Entfaltung ist etwas, das Freude bereitet und zu einem guten, erfüllten Leben beiträgt.

Als das einem Menschen eigentümliche Werk (das, wozu er speziell bestimmt ist) versteht Aristoteles die mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele und ein entsprechendes Handeln. Das menschliche Gut ist nach ihm der Vortrefflichkeit gemäße Tätigkeit der Seele bzw. (wenn es mehrere Vortrefflichkeiten gibt) der besten und vollkommensten Vortrefflichkeit entsprechende Tätigkeit.

Außer der von innen ausgehenden Seite gehören zum Glück nach Aristoteles auch äußere Güter, bei denen Menschen von äußeren Umständen abhängig sind. Für Grundbedürfnisse wird etwas benötigt, z. b. Ernährung, Kleidung, Wohnen. Wohlstand bietet mehr Möglichkeiten. Freunde können unterstützen. Der Staat, in dem Menschen leben, kann ein gutes oder schlechtes Herrschafts- und Rechtssystem haben und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mehr oder weniger Chancen bieten. Die äußeren Umstanden beeinflussen das Leben. Ziel der Gemeinschaft ist ein gutes Leben. Sie kann Bedingungen schaffen, die das Erleben von Glück durch eigene Tätigkeit unterstützen. Von Aristoteles inspiriert ist der Fähigkeiten-Ansatz (capabilities approach), wie er z. B. von Martha Nussbaum (Philosophin aus den USA) und Amartya Sen (indischer Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph) vertreten wird.

Überlegungen zur Wahl der richtigen Lebensform

Aristoteles unterscheidet drei Lebensformen, in denen Glück gesucht wird:

1) βίος ἀπολαυστικός [bios apolaustikos]: Leben der sinnlichen Lust und des Vergnügens

2) βίος πρακτικός [bios praktikos]: politisch-praktisches Leben (vor allem Handeln in einer Gemeinschaft)

3) βίος θεωρητικός [bios theoretikos ]: Leben der theoretischen Betrachtung (θεωρία; Forschung und Philosophie)

Lust ist ein Glücksbestandteil (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 5, 1097 b 4 – 5). Das Gute und die Lust gehören zu dem, was um seiner selbst willen liebenswert ist (8, 2, 1155 b 21 – 22). Die Lust ist aber nach Aristoteles nicht das höchste Gut. Nicht jede Form der Lust ist an sich wählenswert. Nicht jede Lust gilt Aristoteles als ein Gut (10, 2, 1173 b 21; 10, 3, 1174 a 3). Das Lustvolle ist ein anscheinendes Gut, das ein wirkliches Gut oder nur ein täuschendes Scheingut sein kann.

Die Lebensformen können miteinander verbunden werden, aber die dritte (theoretisches Leben, also selber denken, geistige Tätigkeit) hat in der aristotelischen Ethik den höchsten Rang. Ein bloß auf sinnliche Lust beschränktes Leben hat den geringsten Rang, weil kein Streben nach Vollkommenheit auftritt, Menschen sich knechtisch und ohne Einsicht und Besonnenheit verhalten. Ein bloßes Erwerbsleben mit einem Streben nach Reichtum um seiner selbst willen ist verfehlt ein gutes Leben und ist nicht der richtige Weg zum Glück (1, 3).

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Erklärungsansatz für die Erscheinung der Willensschwäche

Ein Handeln wider besseres Wissen kann als mangelnde Selbstkontrolle (Fehlen von Disziplin) deutet werden. In der Antike galt dies als Unbeherrschtheit, Akrasia (ἀκρασία). Eine Person führt eine Handlung aus, obwohl es eine bessere Alternative gibt und ein Wissen, das zu diesem Urteil führt, eigentlich vorhanden ist. Aristoteles, Nikomachische Ethik 7, 1 – 11 hat eine bemerkenswerte Erklärung gegeben.

Aus dem Wissen „Gesundheitsschädliches ist zu vermeiden“ und dem Urteil „X ist gesundheitsschädlich“ wäre zu folgern, Handlung x zu unterlassen. Doch ein Anschein lenkt davon ab und hindert, das Urteil X ist gesundheitsschädlich“ auf diese Weise zu vollziehen. Begierden und Meinungen treten dazwischen. Dann wird aufgrund des Satzes „Angenehmes ist zu erstreben“ und des Urteils „X ist angenehm“ die Folgerung vollzogen, Handlung x auszuführen. Dabei wirkt etwas, das dem Anschein nach gut ist, aufgrund einer Blickverengung, die sich einseitig auf verlockende Seiten bzw. weniger angenehme Seiten der - vernünftig beurteilt - besseren Alternative konzentriert.

Eine Person hat das Wissen, wendet es aber nicht an, weil es wie ein aufgesagter abstrakter Satz bleibt und nicht wirklich angeeignet ist. In der Handlungssituation wird das Wissen nicht konkret herangezogen. Die Person führt sich nicht die ungünstigen Folgen konkret und mit Einzelheiten deutlich vor Augen. Bei Voreiligkeit und übermäßiger Impulsivität verfallen Menschen dem verführerischen Anschein der Begierde, wobei die Vernunft die Leitung verliert. Bei innerer Schwäche fehlt eine Festigkeit des Willens. Das Wissen über das vernünftige Handeln ist in irgendeiner Form zumindest schwach vorhanden, doch die Person richtet sich nicht danach. Andere Einflüsse schwächen das Urteil der Vernunft und die Person lässt eine Untergrabung durch mit der Vernunft konkurrierende Einflüsse zu stark zu.

Untersuchung der Gerechtigkeit

Aristoteles stellte eine systematische Theorie der Gerechtigkeit dar (Nikomachische Ethik 5), innerhalb derer die Gerechtigkeit als besondere Einzeltugend in Bezug auf die Verteilung zuteilbarer Güter untersucht wird. Die Gerechtigkeitstheorie ist angesichts zahlreicher Verteilungsfragen und – Konflikte in der Gesellschaft der Gegenwart aktuell und durch das Prinzip einer proportionalen Gleichheit für heutige Kontroversen (Streitigkeiten) bedeutend.

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2) Kritikpunkte

Kritik ist eine auf der Anwendung der Fähigkeit zum Unterscheiden beruhenden Beurteilung. Dabei können gute und schlechte Seiten genannt, lobende Würdigung und Einwände vorgetragen werden. Eine Ethik kann nicht ohne einen Standpunkt oder völlig neutral kritisiert werden.

Möglich sind Pro und Kontra-Argumente zu bestimmten Ansätzen und Auffassungen. Anregungen dazu.

Realismus und Kognitivismus

Aristoteles hält Gutes/Güter/Werte und ethische Vortrefflichkeit für etwas das, das es a) unabhängig von einer Meinung dazu gibt und b) grundsätzlich einer Erkenntnis zugänglich ist, die Anspruch auf Wahrheit/Gültigkeit als richtig erheben kann (vom Gesichtspunkt einer Metaethik aus a) Realismus und b) Kognitivismus).

Pro-Argument:

Erkenntnis der Vernunft als Maßstab

Dies kann als Aufzeigen allgemeingültiger Ziele und Maßstäbe, die nicht eine subjektivistische Beliebigkeit darstellen und rational (mit Vernunft/Verstand) nachvollziehbar sind, begrüßt werden oder als Anmaßung auf objektive Geltung abgelehnt werden

Kontra-Argument:

Anmaßung auf objektive Geltung unter Überschätzung der Vernunft Eine ablehnende These ist, moralische Sätze seien nur Gefühlsäußerungen und Ausdruck von Meinungen, keine unabhängig davon Bestand habende Tatsachen, und eine Berufung darauf, wie die Wirklichkeit ist, unterliege der Gefahr eines Fehlschlusses vom Sein aufs Sollen.

Eudaimonismus

Aristoteles erklärt in seiner Ethik, Glückseligkeit (εὐδαιμονία [eudaimonia]) sei das höchste Ziel.

Pro-Argumente:

zustimmungsfähiges Ziel

im Streben nach Glück(seligkeit) enthaltene Motivation

Kontra-Argument:

Ungeeignetheit/Untauglichkeit des Glücks als Grundlage für Ethik wegen seiner Subjektivität und individuellen Verschiedenheit

Der Ansatz des Aristoteles kann zwar Wertschätzung erhalten, aber auch verworfen werden, mit der These, darauf lasse sich keine Ethik aufbauen.

Immanuel Kant hat zwar Glück als ein Gut anerkannt, aber die Auffassung vertreten, Glück tauge nicht als Grundlage einer Ethik. Es sei falsch und unmöglich, aus der Glückseligkeit als Bestimmungsgrund ein moralisches/sittliches Gesetz (ein Sollen) herzuleiten. Die einem Erreichen der Glückseligkeit geltenden Gebote der Klugheit stellten nur hypothetische Imperative dar. Sie hätten bloß subjektive Gültigkeit (nur unter der Bedingung/Voraussetzung, irgendwelche Zwecke als angestrebtes Ziel zu haben). Dann gehe es darum, die zur Verwirklichung geeigneten Mittel zu verwenden. Dies enthalte keine Bestimmungsgründe des Wollens, die objektiv und allgemeinverbindlich Gültigkeit als gut beanspruchen könne. Das Gute würde aufgrund von ihnen nicht notwendig getan, im Unterschied zum unbedingt geltenden kategorischen Imperativ. Allein ein guter Wille könne uneingeschränkt für gut gehalten werden. Das Streben nach Glück ist seiner Einschätzung nach in einem empirischen Bereich angesiedelt, für die es Regeln der Klugheit (hypothetische Imperative gibt).

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. Eintheilung aller möglichen Principien der Sittlichkeit aus dem angenommenen Grundbegriffe der Heteronomie. AA IV 442/BA 90 – 91 lehnt empirische Prinzipien als Grundlage der Moral überhaupt ab. „Doch ist das Princip der eigenen Glückseligkeit am meisten verwerflich, nicht bloß deswegen weil es falsch ist, und die Erfahrung dem Vorgeben, als ob das Wohlbefinden sich jederzeit nach dem Wohlverhalten richte, widerspricht, auch nicht bloß weil es gar nichts zur Gründung der Sittlichkeit beiträgt, indem es ganz was anderes ist, einen glücklichen, als einen guten Menschen, und diesen klug und auf seinen Vortheil abgewitzt, als ihn tugendhaft zu machen: sondern weil es der Sittlichkeit Triebfedern unterlegt, die sie eher untergraben und ihre ganze Erhabenheit zernichten, indem sie die Bewegursachen zur Tugend mit denen zum Laster in eine Classe stellen und nur den Calcul besser ziehen lehren, den specifischen Unterschied beider aber ganz und gar auslöschen;“

Tugendethik

Pro-Argument:

zutreffendes Hervorheben der Bedeutungen einer inneren Einstellung

Die Untersuchung geht tiefer, woher sich gute Verhaltensweisen und Handlungen ergeben.

Kontra-Argument:

überholt und wenig geeignet für das Lösen von konkreter Probleme

Eine These könnte sein, es gebe keinen verbindlichen Tugendkanon (mehr) und die Folgen von Handlungen würden von einer Tugendethik nicht oder nicht ausreichend beurteilt würden.

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Lehre von der Tugend als Mitte (Mesotes-Lehre)

Bei der tatsächlich geübten Kritik können auch Fehldeutungen zugrundeliegen, insbesondere eine irrige Gleichsetzung mit Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit.

Lehre von der Mitte (μεσότης [mesotes]): Aristoteles versteht Charaktertugend allgemein und die einzelnen Tugenden als richtige Mitte, die zwischen einem Zuviel (Übertreibung/Übermaß) und einem Zuwenig (Zurückbleiben/Mangel) liegt.

Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6, 1106 b 36 – 1107 a 8:
„Die Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete) ist also eine wählende/vorsätzliche Haltung (ἕξις [hexis]; lateinisch: habitus), die in der auf uns bezogenen Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. Und ferner ist sie insofern Mitte, als die Schlechtigkeiten teils hinter dem, was in den Leidenschaften und Handlungen sein soll, zurückbleiben, teils darüber hinausschießen, die Tugend/Vortrefflichkeit aber das Mittlere sowohl findet als auch wählt. Daher ist die Tugend nach ihrer Wesenheit/Substanz (οὐσία [ousia]) und ihrem Begriffs, der angibt, was sie ist, Mitte, hinsichtlich des Besten und des Guten aber Äußerstes.“

Die Mitte (μεσότης) bei Aristoteles ist eine Einstellung, die auf ein richtiges Verhältnis zu Affekten (Leidenschaften) ausgerichtet ist und das in einer Lage angemessene Verhalten. Sie ist nicht mit Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit zu verwechseln, worauf volkstümliche Vorstellungen über einen goldenen Mittelweg (lateinisch: aurea mediocritas) leicht hinauslaufen. Sie ist auch nicht etwas, das für alle und immer stets quantitativ genau das Gleiche ist: Die Mitte der Sache hat den gleichen Abstand von den beiden Extremen und ist für alle Menschen ein und dasselbe (2, 5, 1106 a 29 - 31). Das Mittlere in Bezug auf die Menschen (auf uns) ist dagegen weder zuviel noch zuwenig, dies aber nicht für alle als ein und dasselbe (2, 5, 1106 a 31 - 32). Ein Beispiel ist die Menge der Nahrungsaufnahme.

Pro-Argumente:

Erfahrung: Wie die Lebenserfahrung zeigt, kann es von der richtigen inneren Einstellung und einem dem, was sachlich erforderlich ist, gut entsprechenden Verhalten Abweichungen nach zwei Seiten/Richtungen hin geben (zuviel und zuwenig). Das Richtige nimmt insofern eine Zwischenstellung ein.

Sachgemäßheit begrifflichen Denkens: Das Gute ist etwas Angemessenes. Ein Ziel kann getroffen oder (mit einem Mehr und einem Weniger) verfehlt werden. Eine bloße quantitative Steigerung ist nicht unbedingt der richtige Weg. Sowohl der Gesichtspunkt des mehr oder weniger Seienden als auch der Gesichtspunkt der Guten werden einbezogen (in wissenschaftlichen Untersuchungen werden diese Gesichtspunkte zum Teil ontologische Dimension und axiologische Dimension genannt). Die Lehre ist nicht auf das äußere Handeln beschränkt, sondern bezieht sich auch auf die innere Einstellung, aus der es sich ergibt.

flexibel die Individualität berücksichtigende Orientierungsleistung: Die Mitte als das passende Verhalten ist ein Stück weit von dem Individuum in einer Lage (Situation) und seinen Fähigkeiten abhängig.

Förderung der Selbstbejahung und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben: Ein einheitlicher und reflektierter Umgang mit den eigenen Strebungen, Gefühlen und Leidenschaften, der auf einen Zusammenhang im Lebensentwurf und für die eigene Person inhaltlich wichtige Ziele achtet, ist für die Zufriedenheit mit dem eigenen Dasein günstig, zumindest bei Tugenden der Besonnenheit und der Standhaftigkeit.

Kontra-Argumente:

Unklarheit: Die Lehre gilt als dunkel, nicht gut nachvollziehbar.

Leerheit: Die Lehre von der Mitte gilt als leere Tautologie.

Untauglichkeit für Anwendung: Die Lehre von der Mitte gilt als in der konkreten Praxis nicht anwendbar. Was die verlangte Mitte dabei sei, lasse sich über formale Aussagen hinaus nicht wohlbegründet herausfinden. Das gute Handeln, mit dem Aristoteles nicht das mittelmäßige meint, kann konkret nicht einfach durch den Begriff der Mitte bestimmt werden. Aristoteles weiß dies auch selbst (Nikomachische Ethik 6, 1), gibt aber richtige Überlegung (ὀρϑός λογός) und die Klugheit/praktische Vernunft (φρόνησις; verbindet ein Wissen über allgemeine Prinzipien mit umsichtiger und geschickter Anwendung im Einzelfall) als Fähigkeiten an, die dies übernehmen.

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Kant lehnt z. B. eine Lehre von der Mitte ab, wobei er sich offensichtlich auf eine Aristoteles-Fehldeutung bezieht.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung zur Tugendlehre. XIII. Allgemeine Grundsätze der Methaphysik der Sitten in Behandlung einer reinen Tugendlehre. AA VI 404:
„Der Unterschied der Tugend vom Laster kann nie in Graden der Befolgung gewisser Maximen, sondern muß allein in der specifischen Qualität derselben (dem Verhältniß zum Gesetz) gesucht werden; mit anderen Worten, der belobte Grundsatz (des Aristoteles), die Tugend in dem Mittleren zwischen zwei Lastern zu setzen, ist falsch.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Ethische Elementarlehre. Erster Theil. Von den Pflichten gegen sich Selbst überhaupt. Erstes Buch. Von den vollkommenen Pflichten gegen sich selbst. Zweites Hauptstück. Die Pflicht des Menschen gegen sich selbst, blos als ein moralisches Wesen. II. Vom Geize. § 10 in einer Fußnote (AA VI 433):
„Der Satz: man soll keiner Sache zu viel oder zu wenig thun, sagt so viel als nichts; denn er ist tautologisch.“

Das Mittlere als Tugendpflicht könne nicht gezeigt werden. Das Mehr oder Weniger in der Anwendung werde von den Regeln der Klugheit vorgeschrieben, nicht denen der Sittlichkeit.

Eduard von Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins : eine Entwicklung seiner mannigfachen Gestalten in ihrem inneren Zusammenhang. 4. Auflage. Herausgegeben von Jean-Claude Wolf. Göttingen : V & R Unipress, 2009 meint S. 130, daß Aristoteles für die Bestimmung der rechten Mitte nichts anderes übrigbleibe, als auf den guten Geschmack zurückzugehen. Einen gewissen Wert habe die Lehre vom rechten Maß als Hilfsmittel der Erziehung zu einem sittlichen Leben und einer rechtzeitigen Geschmacksbildung. Das Prinzip dürfe aber keine direkte ethische Bedeutung im engeren Sinn beanspruchen,da seine Wirksamkeit sich vorzugsweise in Grenzgebieten entfalte,die als Naturgrundlagen ethischen Lebens bezeichnet werden könnten. Wirkliche Tugenden wie Gerechtigkeit wüßen nichts von einer Mitte zwischen Extremen und kennten kein Zuviel (S. 132). „Ich würde nicht so ausführlich auf das Prinzip der rechten Mitte eingegangen sein, wenn nicht die Autorität des Aristoteles derselben ein Ansehen verliehen hätte, das es in solchem Grad durchaus nicht verdient, da es nicht nur den Kern des Sittlichen unberührt läßt, sondern auch innerhalb seines Wirkungskreises in eine höchst bedenkliche Apotheose der Mittelmäßigkeit als solcher ausläuft. Es ist schwer zu begreifen, wie ein hellenischer Denker von dem Scharfsinn und Weitblick eines Aristoteles seine ethische Theorie über die Tugend in einen so trivial-beschränkten Gesichtskreis bannen lassen konnte.“

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Otfried Höffe, Aristoteles. Originalausgabe. 3., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 225 - 227

S. 225: „Das Zweite Definitionselement der Tugend, der Begriff der Mitte, entfaltet eine ungewöhnliche Wirkungsmacht; heute gilt er aber als dunkel oder leer. Der Rechtstheoretiker Kelsen (Reine Rechtslehre,1960, 375) glaubt etwa, hier werde das moralisch Gute unzulässigerweise mathematisch-geometrisch bestimmt. Der Text spricht aber von einer Mitte „für uns“ (pros emâs) und weist eine mathematische Bestimmbarkeit, die objektive Mitte (pragmatos meson), ausdrücklich zurück (II5, 1106a29-31). Auch Kant erliegt einem Mißverständnis, wenn er gegen Aristoteles’ „Mittelstraße zwischen zwei Lastern“ einwendet, Tugend und Laster seien nicht gradmäßig, sondern in ihrer Qualität verschieden (Tugendlehre: Einleitung XIII; § 10). Die Antike versteht die Mitte nicht bloß im mathematischen Sinn eines Punktes, der von zwei gegebenen Punkten oder Linien gleich weit entfernt ist; die Mitte bedeutet auch etwas Vollkommenes. In diesem Sinn bestimmt Aristoteles die Tugend durch Superlative; er hält sie für das Beste, das Äußerste und für das der Vorzüglichkeit und dem Guten nach Höchste (II2, 1104b28; II5, 1106b22; II6, 1107aa und a23; vgl. IV7, 1123b14 u. ö.; […]).

Nehmen wir als Beispiel das richtige Handeln angesichts von Gefahren. Daß die andreia, die Tapferkeit und Zivilcourage als Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit bestimmt wird, besagt zwar auch, daß der Tollkühne über zuviel Mut und der Feige über zuwenig Mut verfügt. Wichtiger ist jedoch, daß sich beide einer natürlichen Neigung hingeben, wobei der eine vor keinen Gefahren zurückschreckt und der andere sich vor jeder Gefahr drückt. „Tapfer“ heißt hingegen, wer sich gegenüber Gefahren unerschrocken und standhaft verhält und sie daher souverän zu meistern versteht. Worin die Haltung liegt, läßt sich aber – darauf spielt der Zusatz „(Mitte) für uns“) an – nicht subjektunabhängig sagen. Von dem, der vor Gefahren eher zurückschreckt, ist etwas anderes zu erwarten als von dem, der lieber „blind vorprescht“; außerdem kommt es auf Art und Größe der Gefahr an.

Der Tapfere folgt nun insofern einer mittleren Haltung, als er weder alle Gefahren auf sich nimmt noch vor allen zurückweicht. Die entsprechende Einstellung gewinnt er aber nur dadurch, daß er sich zu seinen Affekten in das richtige Verhältnis setzt. Man kann auch sagen, daß er sie vernünftig organisiert; der Tugendhafte steht zu seinen Affekten in einer überlegten, zudem überlegenen Beziehung.“

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Ursula Wolf, Aristoteles' ›Nikomachische Ethik‹. 2., durchgesehene Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Werkinterpretationen), S. 71 – 92

Die Lehre von der Mitte kranke einerseits daran, verschiedenartige Probleme gleichzeitig lösen zu wollen und andererseits daran, wenig Erklärungswert zu haben.

S. 91: „Wie wir gesehen haben, trägt dann die Rede von der Mitte nichts bei, denn die Realisierung des kalon in der Situation ist nicht aufzufinden als die Mitte zwischen etwas, sondern liegt dort, wo der orthos logos, also die praktische Überlegung sie bestimmt.“

S. 92: „Die Lehre von der Mitte hingegen ist für die Moraltheorie wenig relevant. Nicht nur ist der Bezugspunkt der Mitte ausschließlich das Leben der Person, der möglichst ungehinderte (lustvolle) Vollzug der individuellen Existenz ihre Einheit über Zeit hinweg ebenso wie bezüglich der inneren und äußeren Komplexität. Auch dort, wo die mesotēs-Lehre bezüglich der Affekte im wörtlichen Sinn verständlich war, gibt die Vorstellung von einer Mitte für die moralische Beurteilung von Einstellungen und Handlungen keine plausiblen Hinweise.“

Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 298:
„Die begrifflich-systematische Struktur ist dabei am ausgeprägtesten in der Bestimmung der ethischen Tugend als Mitte (μεσότης) zwischen als Formen der Schlechtigkeit aufgefassten Extremen, einem Zuviel (ὑπερβολή) und einem Zuwenig (έλλειψις). Dabei ist die Mitte nicht als Mass und Mässigung im Sinne einer aurea mediocritas zu verstehen, sondern enthält als Höchstform (ἀκρότης) zugleich die axilologisch-agathologische Wertdimension […]. Insofern sind die Einflüsse von Volksethik und Medizin […] auf diese Konzeption von sekundärer Natur, von entscheidender Bedeutung ist vielmehr der Nachweis, dass die griechische Medizin und die Volksethik durch die platonische Ontologie hindurchgegangen sind und in dieser Form auf Aristoteles gewirkt haben. Dessen Mesoteslehre ist primär in der platonischen Prinzipienlehre verwirklicht, und zwar in der in den Lehrvorträgen ‹Über das Gute› systematisch entwickelten Gegensatzlehre, in der der ontologische und der axiologische Aspekt der Arete zusammenfallen […].; darauf sind auch die Vorstellungen von Mass und Mitte, wie sie in den platonischen Dialogen entwickelt werden, zu beziehen.“

Philipp Brüllmann, Ethische Schriften. In: Aristoteles-Handbuch : Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Christof Rapp und Klaus Corcilius. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 134 – 146

S. 137: „Aristoteles' sogenannte ›Mesoteslehre‹ hat in der Forschung erhebliche Irritation ausgelöst. Zum einen scheint das Konzept der Mitte auf den Fall der Handlungen weniger leicht anzuwenden als auf den der Affekte. Zum anderen bietet die Bestimmung der Tugend als Mitte keine Antwort auf die Frage, worin das richtige Verhalten konkret besteht. Dass das Richtige quantitativ weder zu viel noch zu wenig ist, scheint trivial. Worin liegt also der Nutzen dieser Feststellung?“

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Ich denke, dass zwei Dinge zu Aristoteles zu beachten sind:

1) Begriffe wie GLÜCK hatten zu seiner Zeit einen ganz anderen "Sitz im Leben", eine vollkommen andere Bedeutung als heute. Ob Aristoteles oder Epikur, es wurde immer die Gemeinschaft mitgedacht, nie ein isolierter Individualismus wie heute. Glück war damals in der Perspektive auf die gesamte Lebensspanne angelegt, nicht die heutige Kurzatmigkeit, wo alle Tage mehrere Sender dümmliche Glücksfragen anbieten. Damals war Leben noch direkter existentiell gegründet bei wesentlich knapperer und mehr gefährdeter Lebenserwartung, keine Überflussgesellschaft mit staatlicher Glücksgarantie oder Versicherungen, die sich als bewahrende Engel aufspielen.

2) Aristoteles sucht seinen Idealismus wo immer empirisch zu gründen. Die Kritik kann vor allem an seiner Metaphysik ansetzen, die den Tugenden letztlich eine geistig-göttliche Eigenständigkeit zugesteht. Die Frage ist also, ob man die Grundeinstellung teilt, dass abstrakte Begriffe eine statische, im Geistiggöttlichen gegründete Existenz haben oder ob sie als Entwicklungsstufe der Evolution im Prozess der kulturellen Entwicklung der Menschheit ihre dynamische Funktion als Leitidee wahrnehmen. Das müsste ausgeführt und begründet werden.

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