Kennt ihr europäische Legenden, die mit dem Apfelschuss zu tun haben?

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1 Antwort

Wenn neben Legenden auch Sagen, Märchen und Balladen genommen werden, gibt es weitere Beispiele (bzw. ähnliche Erzählungen).

Eine spätere Übertragung des Motivs auf weitere Volkshelden außer Wilhelm Tell ist möglich, konkrete Beispiele habe ich allerdings bei den von mir herangezogenen Informationsquellen nicht gefunden.

Die Sage mit E(i)gil(l), dem dies von König Nidung befohlen wird, ist anscheinend eine besonders frühe Erzählung, in der Þiðreks saga überliefert.

Saxo Grammaticus, Gesta Danorum (um 1200), erzählt eine solche Geschicklichkeitsprobe, die Toko (in der Jómsvíkinga saga Palna-Tóki genannt) auf Befehl von König Harald I. Gormsson (dänisch Harald Blåtand [„Blauzahn“]; gestorben um 986) ablegen mußte.

Eindridi Breitferse (ildbreid) leistet Ähnliches (Brettspielstein vom Kopf seines Neffen wegschießen) bei einem Wettschießen mit König Olav I. Tryggvason (herrschte 995 – 1000), überliefert aus der Großen Óláfssaga Trygvasonar im Flateyarbók (1387 – 1390. Heming Aslaksson schießt eine Nuß vom Kopf seines Sohnes, befohlen von König Harald III. Hardråde („der Harte“/„der Hartgesinnte“), Bestandteil der Königssage von Haraldr hardráði (1047 – 1066), überliefert im Flateyarbók (1387 – 1390) sowie einerseits norwegischen und färöischen Balladenversionen von Harald konungi og Heminge unge und Geyti Aslaksson, andererseits späten isländischen Hemingsrfmur.

William of Cloudesly schießt einen Apfel vom Kopf seines Sohnes, in der englischen Ballade Adam Bell, Clim of the Clough und William of Cloudesly, entstanden um 1536.

Informationsquellen:

Helmut de Boor, Die nordischen, englischen und deutschen Darstellungen des Apfelschußmotivs. In: Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. : Urkunden, Chroniken, Hofrechte, Rödel und Jahrzeitbücher bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts. Abteilung 3: Chroniken und Dichtungen. Band 1: Das Weiße Buch von Sarnen. Bearbeitet von Hans Georg Wirz. Aarau : Sauerländer, 1947, Anhang S. 1 – 53

Wiederabdruck:
Helmut de Boor, Die nordischen, englischen und deutschen Darstellungen des Apfelschußmotivs. In: Helmut der Boor, Kleine Schriften. Band 2: Germanische und deutsche Heldensage. Mittelhochdeutsche Metrik. Herausgegeben von Roswitha Wisniewski und Herbert Kolb. Berlin : de Gruyter (Kleinere Schriften zur Literatur- und Geistesgeschichte), 1966, S. 117 -174

Jean-François Bergier, Wilhelm Tell : Realität und Mythos. Übersetzt von Winiger. München ; Leipzig : List, 1990. S. 80 - 9

Hans-Peter Naumann, Tell und die nordische Überlieferung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 71 (1975), S. 108 - 128

Hans-Peter Naumann, Der Meisterschütze Egill, Franks Casket und die Þiðreks saga. In: Hansische Literaturbeziehungen : das Beispiel der Þiðreks saga und verwandter Literatur. Herausgegeben von Susanne Kramarz-Bein. Berlin ; New York : de Gruyter, 1996 (Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde ; Band 14), S. 74 – 90

Stephan Müller, Der Schuss auf den Apfel : „Macht und „Gewalt“ in den Meisterschützensagen von Saxo Grammaticus bis Schiller. In: Habitus : Norm und Transgression in Text und Bild ; Festgabe für Lieselotte E. Saurma-Jeltsch. Herausgegeben von Tobias Frese und Annette Hoffmann. Berlin : Akademie -Verlag, 2011, S. 119 – 130

Hans Hinterkeuser, Die Rezeption des Orients durch den Okzident in Kultur- und Geistesgeschichte S. 16: „Das Apfelschuss-Motiv aus Schillers Drama „Wilhelm Tell" findet sich bereits in Farid od-Dins Attars „Vogelgesprächen", einem Werk, das wie ein poetische Einführung in die Psychoanalyse anmutet und bereits vor 800 Jahren verfasst wurde […].“

Elisabeth Frenzel, Stoffe der Weltliteratur : ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage unter Mitarbeit von Sybille Grammetbauer. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 300), S. 899:
„Die Sage vom Schützen, der gezwungen wird, einen Apfel vom Haupt seines Kindes zu schießen, findet sich auch in der Wielands-Sage (Eigils Schuß), in Erzählungen über den englischen Geächteten William of Cloudesley und bei SAXO GRAMMTICIS in der Erzählung von Toko und Harald Blauzahn.“

Regina Bendix, Tell, Wilhelm. In: Enzyklopädie des Märchens : Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Mit Unterstützung der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Heidrun Alzheimer, Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Daniel Drascek, Regensburg, Helge Gerndt, Ines Köhler-Zülch, Klaus Roth, Hans-Jörg Uther. Redaktion: Doris Boden, Susanne Friede, Ulrich Marzolph, Christine Shojaei Kawan. Band 13: Suchen – Verführung. Berlin : New York : de Gruyter, 2010, Spalte 347 – 352

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Kommentar von Albrecht
07.02.2012, 07:19

Spalte 347 – 348: „Die Sage um einen Meisterschützen (→ Schützenkünste), der seinen Unabhängigkeit gegenüber einem Herrscher oder dessen Stellvertreter demonstriert, ist eine ursprünglich bes.[onders] in Nordeuropa und auf den Brit.[ischen] Inseln verbreitete Wandersage. So berichtet die Prosa-Edda die Egilssaga (→ Edda) von Egil, der Auf Befehl seines Herrschers einen Apfel vom Haupt seines dreijährigen Sohnes schißen mußte (Mit. F. 661. 3; → Apfelprobe); in den Gesta Danorum des → Saxo Grammaticus (10, 7, 1) findet sich die Erzählung über den Skiläufer und Meisterschützen Toko, dem König Harald Blauzahn gleiches befiehlt.

Die bekannteste Version über einen Meisterschützen stammt aus der Schweiz; hier heißt der Held W. T. Widersacher ist der Landvogt Geßler, der seine Untertanen quält und demütigt.“

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