Hat Napoleon die französische Revolution beendet oder vollendet?

6 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Beide Aussagen sind teilweise zutreffend und schließen sich insofern nicht völlig aus. Eine genauere Klärung kann sich darauf beziehen, in Bezug auf was Napoleon Beender oder Vollender der Französischen Revolution gewesen ist. In größerem Ausmaß kann Napoleon als Beender der Französischen Revolution beurteilt werden.

Die Alternative (Napoleon Vollender der Französischen Revolution oder ihr Beender) würde ich differenziert beantworten. Gesichtspunkte können angeben und das Ausmaß der Aussage beschränkt werden. Beender ist Napoleon auf jeden Fall in der Bedeutung eines Stoppens gewesen. Eine Beurteilung als Vollender ist nur in wenigen einzelnen Bereichen zutreffend. Napoleon hat wieder eine erbliche Monarchie errichtet und die politischen Teilhaberechte abgebaut.

Vollenden bedeutet, etwas zu vervollständigen, zu vervollkommnen, zu einem krönenden Abschluß zu bringen. Ein Vollenden ist damit in gewissem Sinn ein Beenden. Ein Beenden meint in der Alternative zu vollenden aber vor allem stoppen, beseitigen bzw. abschaffen.

Napoleon Bonaparte hat die Französische Revolution beendet. Er hat sie zum Stillstand gebracht, sich durch einen Staatsstreich (im November1799) an die Spitze gesetzt (zuerst wurde er Erster Konsul, dann 1804 Kaiser), Volkssouveränität und eine demokratische Wahl einer Volksvertretung abgeschafft. Andererseits hat Napoleon auch einen Teil der Errungenschaften der Französische Revolution bewahrt und zum Abschluß gebracht (die bedeutendste Leistung ist dabei wohl der Code civil). In seiner eigenen Sicht hat Napoleon sowohl die Revolution beendet als auch vollendet. Der Anspruch, ihr Vollender zu sein, kann aber mit guten Gründen bezweifelt werden und ist in seinem Ausmaß nicht berechtigt.

Zur Veröffentlichung der neuen Konsulatsverfassung, die in einer Volksabstimmung bestätigt werden sollte, haben die Konsuln im Dezember 1799 eine Proklamation erlassen:

„La Constitution est fondeé sur les vrais principes du Gouvernement représentatif, sur les droits sacrés de la propriété, de l'égalité, de la liberté. Les pouvoirs qu'elle institue seronts forts et stable, tels qu'il doivents, être pour garantir les droits des citoyens et les intérêts de l'Etat. Citoyens, la Revolution est fixée aux principes qui l'ont commencée: elle est finie.”

„Die Verfassung beruht auf den wahren Prinzipien der repräsentativen Regierung und auf den geheiligten Rechten des Eigentums, der Gleichheit und der Freiheit. Die von ihr eingesetzten Gewalten werden stark und beständig sein, wie sie sein müssen, um die Bürgerrechte und die Staatsinteressen zu garantieren. Bürger, die Revolution ist auf die Prinzipien, die an ihrem Anfang standen, festgesetzt: sie ist beendet."

Die Aussage ist doppelbödig. Napoleon trägt eine bestimmte Darstellung vor, die auf Zustimmung zielt. Napoleon nimmt für sich in Anspruch, Errungenschaften der Revolution zu befestigen und zu sichern, andererseits erklärt er sie für beendet und damit abgeschlossen. Er möchte ein Einverständnis der Anhänger der Revolution, denen einige am Anfang stehende Grundsätze wichtig sind und die inzwischen eingetretene Eigentumsverhältnisse bewahrt sehen möchten. Andererseits greift er Wünsche nach einer Stabilisierung (sowohl gegenüber radikalen Revolutionären als auch royalistischer Gegenrevolution) und ein Ende von Wirren und revolutionären Exzessen auf. Das Beenden kann auch als ein Stoppen revolutionärer Dynamik, wie sie vor allem 1793 - 1794 auftrat, verstanden werden.

Tatsächlich hat Napoleon sich nur zum Teil an die genannten Grundsätze gehalten (das bürgerliche Gesetzbuch – Code civil - hat z. b. etwas davon in das Recht aufgenommen; außer diesem Gesetzbuch zum Zivilrecht gab es noch den Code pénal [Strafgesetzbuch], den Code de procédure civile [Zivilprozessbuch, den Code de commerce [Handelsgesetzbuch] und den Code d’instruction criminelle [Strafprozessordnung]). Er hat eine Alleinherrschaft ausgeübt (1804 krönte er sich selbst zum Kaiser) und politische Freiheitsrechte abgebaut.

Gesellschaftlich wurde denen, die bei der Revolution Gewinne erzielt hatten, ihr Besitz gesichert, die Unterschichten dagegen weitgehend ausgegrenzt.

Persönliche Tüchtigkeit bot etwas mehr Aufstiegschancen als im absolutistischen Ständestaat, vor allem in der Armee.

Napoleon hat von Revolution die Koalitionskriege geerbt und sie mit eigenen machtpolitischen Zielen geführt (Eroberungs- und Vorherrschaftsabsichten).

Vollendet hat Napoleon die Französische Revolution in Bezug auf:

  • zivilrechtliche Rechtsgleichheit/Gleichheit vor dem Gesetz mit Freiheit zum Abschließen von Verträgen und Spielraum in der Wirtschaft

  • Zentralismus mit bürokratisch ausgeübter und wirkungsvoller Herrschaftsgewalt

  • Erfolge bei den übernommenen Revolutionskriegen mitsamt Schaffung verbündeter Staaten unter zeitweise deutlich ausgeprägter französischer Hegemonie in Europa

Beendet hat Napoleon die Französische Revolution in Bezug auf:

  • politische Dynamik seitens der Bevölkerung einschließlich der Unterschichten/Volksmassen

  • starke Prägung durch heftige Richtungskämpfe und Streit um die richtige revolutionäre Lehre bis hin zu vielen Todesurteilen bei diesen Auseinandersetzungen

  • Volkssouveränität (Volksabstimmungen dienten nur noch als plebiszitäre Bestätigung des schon Beschlossenen)

  • politische Freiheit (weitgehend abgeschafft, es gab Pressezensur und Verbannungen)

  • tatsächlich demokratische Teilhabe an politischen Entscheidungen (die Volksvertretung, das Parlament, hatte kaum machtpolitische Bedeutung; durch die Konsulatsverfassung wurden ein Verfassungsrat/Senat [„Sénat conservateur“] und eine Art Parlament aus zwei Kammern, dem Tribunat und der gesetzgebenden Körperschaft [„Corps législatif“], eingerichtet [am 1. Januar 1800 begann ihre Tätigkeit). Tribunat (100 Mitglieder, nach einer am 5. August 1802 in Kraft getretenen Verfassungsänderung nur noch 50] und gesetzgebende Körperschaft wurden vom Volk aus einer Liste von Wahlmännern [in mehrstufiger Wahl gewählt, bei der das allgemeine Wahlrecht nur ein Vorschlagsrecht mit der Möglichkeit war, eine lokale Liste von Männern mit einem Mindesteinkommen bzw. der entsprechenden Steuerleistung – den Notabeln – aufzustellen] vom Senat gewählt.)

Johannes Willms, Napoleon : eine Biographie. München : Beck, 2005, 237 – 238:
„Angesichts der unbeschränkten Machtfülle der Exekutive war die Legislative ein gut dotierter Herrenklub, dessen Mitglieder nur sich selbst repräsentierten. Es war allein Bonaparte, der die Gesetze, die meist im Conseil d'État ausgearbeitet und von den hundert Mitgliedern des Tribunats den dreihundert »stummen« Mitgliedern des Corps législatif abgenickt wurden, nach eigenem Gusto anwandte. Mit anderen Worten: der gesamte Verfassungstext enthielt nur eine valide, unabänderliche Bestimmung, in einem Wort, einem Namen ausgedrückt: Bonaparte. So und nicht anders sah er sich selbst, als er den Mitgliedern der Legislative einmal mit unverhüllter Verachtung bescheinigte: »Ich allein bin der einzige Repräsentant des Volkes.« Die offiziellen Repräsentativorgane hatten lediglich eine Fassadenfunktion, die das Verschwinden einer der wichtigsten Errungenschaften der Revolution, die Souveränität des Volkes, das seinen Willen in Wahlen artikulieren konnte, zu kaschieren hatte.“

S. 681: „Napoleons historische Mission, so seine Selbstdeutung, bestand in der Vermittlung der gezähmten, von ihren Fehlern gereinigten Revolution mit den im übrigen Europa vorherrschenden Verhältnisse.“ S. 683: „Eine weitere Botschaft des »Evangeliums« von Sankt Helena lautete, die Völker Europas, die sich gegen das Joch der Könige aufbäumten, hätten in Napoleon ihren Anwalt gefunden. Er, der die Revolution vollendet und überwunden habe, stilisierte sich nun zum »Messias der Völkerfreiheit«. Keineswegs leugnete Napoleon, dass er im Zenit der Macht erwogen hatte, nicht nur Europa, sondern die ganze Welt zu erobern und seiner universalen Diktatur zu unterwerfen. Jetzt war dergleichen aber nicht mehr das Ziel, sondern lediglich eine notwendige Zwischenstation auf dem Weg zu einer Neuordnung Europas nach nationalstaatlichen Gesichtspunkten. Gegenwart und Vergangenheit, Revolution und Ancien Règime, die legitimen Rechte der Völker wie ihrer Könige und Fürsten habe er zu einer neuen, gesellschaftlichen, politischen und territorialen Synthese formen wollen.“

1

Hi, Napoleon führte die Rechtsgleichheit ein, den Code Napoleon, krönte sich aber auch zum Kaiser (vererbbarer Kaisertitel). Insofern war er gleichzeitig Vollender und Überwinder der Revolution. Siehe auch Link. Gruß Osmond http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/95255.html Zitat: Die Herrschaft Napoleons beinhaltete Beides: Die Fortführung und Vollendung von politischen Ideen und Gedanken der Revolution. Sowie auch die Beendigung, Abschaffung, Überwindung von Aspekten der revolutionären Regierung. Seine Herrschaft schuf eine der wesentlichen Voraussetzungen für die moderne Geschichte Europas.

Es gab damals verschiedene Meinungen die einen nannten ihn den Retter die anderen den Todbringer der Revolution

Als die blutrünstige französische Revolution im Chaos erstickte, schaffte Napoleon sie ab und machte sich 1799 mit Hilfe der Truppen durch einen Staatsstreich zum Führer seiner eigenen diktatorischen Gegenrevolution. Napoleons herausragenden militärischen- und organisatorischen Eigenschaften waren seine Erfolgsgaranten! Napoleon nutzte seine staatsmännischen Fähigkeiten für Verwaltungsreformen und eine Neuordnung der eroberten Gebiete, die nach seiner Zeit auch im Deutschen Bund zweifelsfrei nachwirkten!

Die schlimmen Erfahrungen der napoleonischen Kriege hatten bei der mündigen Deutschen Bevölkerung nachhaltig das Bewußtsein geschärft, daß nur ein geeintes Deutschland zukünftig solchen Aggressoren wie Napoleon gewachsen sein würde. Daraus resultierten die Eingungsbestrebungen, die in der Deutschen Revolution von 1848/49 artikulert wurden und nach dem frz.-deutschen Krieg von 1870 / 71 schließlich im geeinten Deutschen Kaiserreich mündeten!

Was möchtest Du wissen?