Geschichtsfrage was ist...

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Ein Ansatz zur Erklärung des Ausdrucks »Judenlärge« ist, ihn als aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt zu verstehen.

»Juden-« bedeutet, jemanden oder etwas als jüdisch zu beschreiben, zu bezeichnen oder anzureden.

Schwierig ist der zweite Bestandteil. Er ist mir bisher unbekannt gewesen.

Beim Nachgehen der Frage, was dies für ein Wort ist, bin ich darauf gestoßen, daß es sich um ein Wort der schlesischen Umgangssprache handelt. Es gibt verschiedene Schreibweisen, »Lerge«, »Lerche«, »Lärge «und »Large«.

Unter »Lerge« ist am besten etwas zu finden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Lerge

Das Wort hat einen großen und nicht genau umgrenzten Bedeutungsumfang. Beim Verstehen, wie der Ausdruck gemeint ist, kommt es auf die Zeit und den Zusammenhang an.

Hilfe bieten Wörterbücher zur Umgangssprache, zu Spottwörtern, Schimpfwörtern und zur schlesischen Sprache.

Das Wort ist nicht durchgängig abfällig und abwertend (pejorativ) verwendet worden, aber eine ursprüngliche Bedeutung scheint eine Bezeichnung als „schlecht“ und „minderwertig“ zu sein, wobei der Bezug auf einen Hund anscheinend Ausgangspunkt war.

Bei einem judenfeindlichen Hintergrund liegt es nahe, den Ausdruck als Beschimpfung zu verstehen. Ein Beispiel, wo der der Ausdruck eindeutig nicht freundlich oder scherzend gemeint ist, sondern herabsetzend und aggressiv:

Mira und Gerhard Schoenberner (Hrsg.,), Zeugen sagen aus : Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im Dritten Reich. Berlin : Union-Verlag, 1988, S. 21:
„So suchten sie in das Arbeitszimmer eines jüdischen Landgerichtsdirektors einzudringen, der im ersten Weltkriege als Soldat ein Bein verloren hatte. Er konnte jedoch die Tür noch rechtzeitig abschließen. Da schrien ihm die Hitlerschergen durch die verschlossene Tür zu: »Warte nur, du Judenlärge, wir werden schon dafür sorgen, daß du dein anderes Bein auch noch los wirst.«“

Agniezka Sibilak, Lerge-Passepartout-Wort in Breslau. In: Studia Linguistica 23 (2004), S. 75 - 86

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S. 76: „Wenn die Alt-Breslauer ihre Sprache sprachen, haben sie Vokabular und Redewendungen benutzt, die in anderen Gebieten Deutschlands nicht verwendet wurden. Dazu gehört auch das für Breslau bezeichnende Wort Lerge - ein rätselhafter Ausdruck, dessen genaue Bedeutung und Etymologie trotz zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen bis heute nicht plausibel ist. Im „Schlesischen Wörterbuch“ von Walter Mitzka gibt es unter dem Begriff Lerche die erste Erklärung für den Vogel und die zweite als Verweis auf Lerge. Unter Lerge steht nichts zur Herkunft des Wortes, dafür aber eine große Anzahl von Nachweisen aus Quellen und Wörterbüchern. Danach ist Lerge mehrfach für Breslau bezeugt, aber nicht nur für Breslau. Lerge ist eine abfällige Bezeichnung ‚Hund‘ (kleiner Hund, gewöhnlicher Hund, trächtige Hündin, aber auch männlicher Hund und großer Hund). Offenbar ist das Wort vom Hund her auch auf andere Tiere übertragen worden: minderwertiges, mageres Tier, sei es Schwein, Kuh oder Pferd. Außerdem wird Lerge auf Menschen bezogen: liederliches Frauenzimmer, unartiges Kind, kindischer Erwachsener, dummer Kerl, aber auch raffinierter Mensch. Mitzka erwähnt noch, dass Lerge ein Schimpfwort in Breslau war, dazu „ nee Breslauer Lerge sein“ (wie ein Breslauer reden) und noch den Scherznamen Lergenau für Breslau.“

In dem Lexikon der deutschen Umgangssprache von Heinz Küpper findet man unter dem Begriff Lerche zweite Erklärung, nämlich die eines lebenslustigen Menschen, und die dritte, nämlich Versager oder Dummer mit der Anmerkung, dass es vielleicht eine Andersschreibung für den Spitznamen des Schlesiers Lerge sei.“

S. 79: „Nach Aussagen der Probanden war Lerge ein typisch breslauerischer Ausdruck. Er war allen Befragten bekannt. Mehrmals wurde betont, dass man diesen Ausdruck „in gebildeten Kreisen nicht gebraucht hat“. In der sozial gehobenen Gesellschaft sollte dieses Wort ein Tabu sein, und dessen Anwendung war im Elternhaus zwar bekannt, galt aber als unfein und unerwünscht. In den Fragebögen steht oft, dass dieser Ausdruck vom Arbeiter- oder Mittelstand benutzt wurde und zur „Sprache der Straße und Gosse" gehörte, „wobei man sich gegenseitig (ob Mann oder Frau) mit diesem Ausdruck belegte, begrüßte und verabschiedete". Obwohl dieses ‚Unwort‘ den guten Manieren nicht entsprach, benutzten es die Klassen- und Spielkameraden beim Schippeln oder beim Kascheln. Auch die Männer benutzten unter Bier- und Skatfreunden am Stammtisch oft den Ausdruck Lerge. Laut Fragebogen war Lerge vor allem in der Tschepine, im Odertor, im Brigittenthal, auf der Hube und Gerbergasse (Garbary) beheimatet. Interessant ist die Tatsache, dass in den 87 Fragebögen drei verschiedene Schreibweisen des Wortes vorkommen: Lerge, Lärge und Lerche.

Die Erklärungen der Fragebögen bestätigen, dass Lerge vieldeutig ist. Oft wird akzentuiert, dass der Sinn des Wortes sich aus der Betonung ergab. Es sei ein Kraftausdruck, bei dem der Ton die Musik macht, bei dem Tonfall und Lautstärke wesentliche Merkmale waren. Die Probanden beschreiben den Ausdruck als ein undefinierbares, universal anwendbares Wort, das gleichzeitig alles und nichts bedeutet; Lerge sei ein Wort, das nicht zu verstehen ist und nur gefühlsmäßig beschrieben werden kann, es wird im mehrfachen Sinne gebraucht und in der Regel hat die Situation die Bedeutung des Worts im Einklang mit dem vorausgehenden Adjektiv bestimmt.“

Provinzialwörter : deutsche Idiotismensammlungen des 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von Walter Haas. Unter Mitarbeit von Walter Günther Ganser, Karin Gerstner, Hanspeter von Flüe . Berlin ; New York : de Gruyter, 1994 (Historische Wortforschung ; Band 3), S. 437: „Lärge Ein häßlicher Hund“

Barbara Suchner, Schlesisches Wörterbuch. Husum : Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 1996 (Husum-Taschenbuch), S. 118

Heinz Küpper, Illustriertes Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Band 5: Kot – Naschzahn. Klett: Stuttgart 1984, S. 1763

Walther Mitzka, Schlesisches Wörterbuch. Band 2: I – R. Berlin : de Gruyter, 1964 - 1965, S. 807

Ludwig Kapeller, Das Schimpfbuch : von Amtsschimmel bis Zimtziege. Herrenalb/Schwarzwald : Erdmann, 1962, S. 116:
„Lärge (Schlesisch), gutartiges Schimpfwort, auch in der Steigerung timplige Lärge, soviel wie: Komischer Vogel, denn Lärge ist wahrscheinlich die hochdeutsche Lerche.“

Karl Weinhold, Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuche. Anhang zum 14. Bande der Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Wien : Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, 1855, S. 53:
Lerge, Lerche, f. 1) dürres schlechtes Pferd, namentlich aber: dürrer Hund; 2) lüderliches Frauenzimmer. – Grundbedeutung ist: schlecht, fehlerhaft;“

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Renate Riemeck, Ich bin ein Mensch für mich : aus einem unbequemen Leben. Stuttgart : Urachhaus, 1992, S. 9:
„Was das ist, eine »Lerge«, das wissen wohl nur noch einige ältere und alte Schlesier. Es ist ein ambivalenter Begriff, Schimpfwort und Kosename zugleich. » Tälsche« oder »dumme Lerge« genannt zu werden, läßt einen erzittern, »liebe Lerge« schafft Vertrauen. Warum das so ist, bleibt ein Breslauer Geheimnis.“

Karl von Holtei, Schlesische Gedicht. Berlin : Haude und Spener, 1830, S. 151:
Lärge - Lérge, Schimpfwort; zunächst für Hunde, Pferde etc., dann auch für liederliche Frauenzimmer.

Ernst Raupach' s dramatische Werke komischer Gattung. Dritter Theil. Hamburg : Hoffmann und Campe, 1834. S. 322 (Das Sonett. Lustpiel in drei Aufzügen. Erster Aufzug. Zweiter Auftritt):
Till.
In meinem Vaterlande Schlesien ist eine Lärge ein häßlicher, räudiger Hund.“

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Sicher, dass du dich nicht verschrieben hast ...? Google gab keinerlei Ergebnis. (Btw: Google ist der einfachste und sicherste Weg um an Informationen zu kommen ...)

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ja da hab ich auch geschaut und dachte mir ? Aber der Text den ich hab da steht das so. hmm Naja :D

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