"Das Postulat der Existenz Gottes" Immanuel Kant! Kann mir jemand das mal erklären?

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Das Referatsthema ist anspruchsvoll, besonders wenn nicht viel Zeit zur Verfügung steht und anscheinend kaum Vorkenntnisse über Kant vorhanden sind.

Ein Postulat ist eine (unbedingte)  Forderung, eine (notwendige) Annahme/These, die aber nicht bzw. noch nicht bewiesen werden kann. Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft A 220: „Also ist das höchste Gut, praktisch, nur unter der Voraussetzung der Unsterblichkeit der Seele möglich; mithin diese, als unzertrennlich mit dem moralischen Gesetz verbunden, ein Postulat der reinen praktischen Vernunft (worunter ich einen theoretischen, als solchen aber nicht erweislichen Satz verstehe, so fern er einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich anhängt).“

Die Haupttextgrundlage ist:

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Zweites Buch. Dialektik der reinen praktischen Vernunft. Zweites Hauptstück. Von der Dialektik der reinen Vernunft in Bestimmung des Begriffs vom höchsten Gut.
V. Das Dasein Gottes, als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft  
VI. Über die Postulate der reinen praktischen Vernunft überhaupt  
VII. Wie eine Erweiterung der reinen Vernunft in praktischer Absicht, ohne damit ihr Erkenntnis als speculativ zugleich zu erweitern, zu denken möglich sei?  
VIII. Vom Fürwahrhalten aus einem Bedürfnisse der reinen Vernunft   Ich empfehle, für die Vorbereitung des Referats Bücher aus einer Bibliothek zu Kant auszuleihen, die für ein allgemeines Publikum geschrieben sind.

Theoretisch kann nach Kant die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden. Vgl. dazu:

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. I. Transzendentale Elementarlehre. Zweiter Teil. Die transzendentale Logik. Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik. Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft. Drittes Hauptstück. Das Ideal der reinen Vernunft

Dritter Abschnitt. Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens zu schließen

Vierter Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes

Fünfter Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes

Sechster Abschnitt. Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises

Siebter Abschnitt. Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipen der Vernunft

Der Gedankengang, die Existenz Gottes aus der Moralphilosophie als Postulat zu folgern, ist im Großen:

1) Bestandteil des höchsten Guts der Sittlichkeit ist eine der Sittlichkeit angemessene Glückseligkeit.

2) Voraussetzung für die Möglichkeit des höchsten Guts ist das Vorhandensein einer Ursache, die passend ist, sie zu gewährleisten.

3) Diese Ursache ist die Existenz Gottes.

4)  Die Existenz Gottes ist daher Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts, woraus sich eine subjektive moralische Notwendigkeit ergibt, das Dasein Gottes anzunehmen (es ist ein Postulat der praktischen Vernunft).

Tugend ist bei Kant das oberste, aber nicht das vollendete, höchste Gut. Das höchste Gut besteht in der Übereinstimmung von Glückseligkeit und Glückwürdigkeit, bei der die Tugendhaften entsprechend ihrer Tugend belohnt werden. Glückswürdigkeit bedeutet, Glückseligkeit verdient zu haben. Jemand ist aufgrund seines guten Handelns würdig, Glück zu genießen. Die sittlichen Bestimmungsgründe sind von der Natur unabhängig. Personen, die Glückseligkeit verdienen, haben sie möglicherweise nicht oder nicht in einem Ausmaß, das ihrer Glückswürdigkeit entspricht. Wenn ein handelndes vernünftiges Wesen mit einer moralischen Gesinnung nicht zugleich Ursache der ganzen Welt und Natur ist, fallen Glückswürdigkeit und Glückseligkeit nicht notwendig zusammen.

Zur Ermöglichung des höchsten Gutes ist als Voraussetzung ein machtvolles intelligentes Wesen erforderlich. Anders ist es für die reine praktische Vernunft nicht denkbar. Daraus ergibt sich nach Kant das subjektive Bedürfnis nach der Existenz Gottes, um die Hoffnung auf das höchste Gut Wirklichkeit werden zu lassen.

Über die Postulate der praktischen Vernunft (Unsterblichkeit der Seele, Freiheit, Dasein Gottes) schreibt Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft A 238: „Sie gehen alle vom Grundsatze der Moralität aus, der kein Postulat, sondern ein Gesetz ist, durch welches Vernunft unmittelbar den Willen bestimmt, welcher Wille eben dadurch, daß er so bestimmt ist, als reiner Wille, diese nothwendige Bedingungen der Befolgung seiner Vorschrift fordert. Diese Postulate sind nicht theoretische Dogmata, sondern Voraussetzungen in nothwendig praktischer Rücksicht, erweitern also zwar nicht das speculative Erkenntniß, geben aber den Ideen der speculativen Vernunft im Allgemeinen (vermittelst ihrer Beziehung aufs Praktische) objective Realität und berechtigen sie zu Begriffen, deren Möglichkeit auch nur zu behaupten sie sich sonst nicht anmaßen könnte.“

Die Gedanken/Ideen, die zu Postulaten der praktischen Vernunft werden, haben nach Kant Objekte als Realität der Begriffe, die zur Herbeiführung der Möglichkeit des höchsten Guts gehören. Allerdings ist es nicht möglich, ihnen Objekte in der Anschauung zu geben, und es kann nicht aufgezeigt und nicht eingesehen werden, wie sie vorzustellen sind, nur ihre Existenz postuliert werden.

 

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Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft A 258 - 259: „Also ist dieses ein Bedürfnis in schlechterdings notwendiger Absicht, und rechtfertigt seine Voraussetzung nicht bloß als erlaubte Hypothese, sondern als Postulat in praktischer Absicht; und, zugestanden, daß das reine moralische Gesetz jedermann, als Gebot (nicht als Klugheitsregel), unnachlaßlich verbinde, darf der Rechtschaffene wohl sagen: ich will, daß ein Gott, daß mein Dasein in dieser Welt, auch außer der Naturverknüpfung, noch ein Dasein in einer reinen Verstandeswelt, endlich auch daß meine Dauer endlos sei, ich beharre darauf und lasse mir diesen Glauben nicht nehmen; denn dieses ist das einzige, wo mein Interesse, weil ich von demselben nichts nachlassen darf, mein Urteil unvermeidlich bestimmt, ohne auf Vernünfteleien zu achten, so wenig ich auch darauf zu antworten oder ihnen scheinbarere entgegen zu stellen im Stande sein möchte.“

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Kurz und ziemlich gut verständlich ist:

Otfried Höffe, Immanuel Kant. Originalausgabe. 7., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007. Beck'sche Reihe : Denker ; 506), S. 255 – 258

S. 255: „Die praktische Vernunft fragt nach dem letzten Zweck, besser Sinn des autonomen Handelns, begreift den Sinn als höchstes Gut und sieht im Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Seele dessen notwendige Voraussetzungen.“

S. 256: „Kant nennt die notwendigen Voraussetzungen des höchsten Gutes Postulate der reinen praktischen Vernunft und meint damit Gegenstände, die man notwendigerweise unterstellen muß, um das höchste Gut als möglich, somit das Sinnbedürfnis der praktischen Vernunft als erfüllbar zu denken. Mit den Postulaten erhebt Kant Wahrheitsansprüche. Ihre Anerkennung ist keine Sache der Freiheit; Postulate haben die Bedeutung von Einsichten und nicht von (moralischen) Imperativen. Gleichwohl haben für Kant die unsterbliche Seele und Gott keine theoretische, sondern eine praktische Existenz. Ihr Dasein wird nicht durch eine mögliche Anschauung, sondern durch die Wirklichkeit des Sittengesetzes bewiesen. Weil der Mensch unter dem Sittengesetz steht, ist er durch Vernunft genötigt, an die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes zu glauben. Es wäre deshalb falsch, die Postulate im Sinn eines Pragmatismus für nützliche Fiktionen zu halten. Für Kant sind Unsterblichkeit und Gott wirkliche Gegenstände, allerdings nicht der empirischen, sondern der moralischen Welt.“

 

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S. 258: „Das zweite Postulat, das Dasein Gottes, beruht auf vier Voraussetzungen. Gemäß der  Idee vom höchsten Gut verdient erstens der moralische Mensch, glücklich zu sein; zweitens verbürgt die Moralität keine proportionale Glückseligkeit; drittens hilft aus dieser Verlegenheit nur die Hoffnung auf eine Macht, die die gebührende Glückseligkeit zuteilt; viertens findet sich eine solche Macht der Zuteilung nur bei einem Wesen, das (a) allwissend ist, um sich über die Glückswürdigkeit nie zu täuschen, das (b) allmächtig ist, um die proportionale Zuteilung stets vornehmen zu können, und (c) heilig ist, um die Zuteilung unbeirrbar zu verfolgen. Eine solche Macht hat allein Gott: »Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich auch der Endzweck des Menschen sein kann und soll.«(Rel., VI 6)“  Rel., VI 6 = Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. BA X (Vorrede zur ersten Auflage 1793)

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Herangezogen werden kann auch:

Friedo Ricken, Die Postulate der reinen praktischen Vernunft (122 – 148). In Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Herausgegeben von Otfried Höffe. Berlin : Akadamie-Verlag, 2002 (Klassiker auslegen ; 26), S. 187 -  202

S. 191: „Das Fürwahrhalten eines Postulats kann kein Wissen sein, denn ein Postulat kann theoretisch nicht bewiesen werden; es handelt sich also um ein objektiv unzureichendes Fürwahrhalten, d. h. Glauben.“

„Der subjektive Grund des Fürwahrhaltens ist folglich der Gehorsam gegenüber dem moralischen Gesetz, das gebietet, das höchste Gut zu befördern. Das Bedürfnis, die Postulate für wahr zu halten, ergibt sich aus dem Willen, dem moralischen Gesetz zu gehorchen.“

„Das Fürwahrhalten der Postulate ist deshalb nur bei dem subjektiv zureichend, der sich das höchste Gut zum Zweck gemacht hat.“

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Es geht um die große Frage: Worin kann Handeln des Menschen, vor allem moralisches Handeln begründet werden. Welches Motiv kann dahinter stecken, wenn Menschen von der guten Einsicht zum entsprechenden Handeln kommen. Dazu empfehle ich auf die Seite von "Albrecht" zu gehen und nachzulesen, was er zur Frage (direkt über Deiner Anwort) Kennt sich jemand von euch mit ѕcнσρєηнαυєя aus? geschrieben hat. Denn Schopenhauer, der Kant gut kannte, gibt eine vollkommen andere Antwort. Auch David Hume, dem Kant seinen Anstroß zur 'Kritik der reinen Vernunft' verdankt, ist eher der Auffassung Schopenhauers, dass Menschen von Gefühlen motiviert werden. Das will und kann der Vernunftmensch Kant nicht glauben. Und nachdem er die Gottesbeweise alle zerfleddert hat, rückt er plötzlich mit einer eigenen Kreation eines Gottes-Postulats heraus. Wie das? 

Interessant ist der Unterschied: In den von Kant zurückgewiesenen Gottesbeweisen wird ein objekiv als Schöpfer und Gründer der Welt existierender Gott zu 'beweisen' versucht. Sein Postulat der Existenz Gottes ist eine rein subjektive Sache, ein notwendiges Motiv für die Gründung moralischen Handelns. Siehe Albrecht: "Die Existenz Gottes ist daher Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts (der Tugend), woraus sich eine subjektive moralische Notwendigkeit ergibt, das Dasein Gottes anzunehmen (es ist ein Postulat der praktischen Vernunft)." Zugespitzt könnte man ausdrücken: Erst hat Kant Beweise abgewiesen, dass Gott uns Menschen erschaffen hat, jetzt schafft er selbst einen Gott als Fixpunkt zur Begründung moralischen Handelns. Heute muss man sagen, dass der Versuch Kants gescheitert ist. Die ganze Vernunft hat auch einen Heidegger nicht davor bewahrt, sich in die Fänge der Nazis zu begeben. Und die Gefühle sind ambivalent, sie sind  und werden immer noch in übelster Weise ausgenutzt und Menschen in falschen Hoffnungen zu unmoralischem Handeln verleitet. Wir sind und bleiben uns als Menschen ein Rätsel.

Das sprengt wirklich den Rahmen, dessen was ich in angemessener Zeit schreiben könnte. Daher nur ultrakurz: In der Kritik der reinen Vernunft findet sich eine Widerlegung aller Gottesbeweise. Kant zeigt, dass die Existenz Gottes nicht bewiesen aber auch nicht widerlegt werden kann. Man kann ebenso gut annehmen, Gott existiere, wie auch, es existiere kein Gott. Keine der beiden Annahmen kann bewiesen oder widerlegt werden.

In der Kritik der praktischen Vernunft, wo es um die Moral geht, sagt Kant dann, dass die Existenz Gottes notwendig angenommen werden müsse (Postulat der reinen Vernunft).

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