Wird unsere Denkweise von unserer Muttersprache beeinflusst?

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Es gibt Einflüsse der Muttersprache auf das Denken, aber die Sprache bestimmt nicht mit Notwendigkeit die Denkweise.

Eine Auffassung, die Sprache lege die Gedanken zwingend fest oder stelle eine völlig unüberschreitbare Begrenzung dar (ein liguistischer Relativismus oder Determinismus wie z. B. in der Sapir-Whorf-Hypothese), sind nicht überzeugend.

Das Weltbild hängt nicht notwendig von der verwendeten Sprache ab. Es gibt Menschen der gleichen Muttersprache, die verschiedene Weltanschaungen haben.

Neben der Sprache gibt es Einflüsse gesellschaftlicher und kultureller Art auf die Mentalität.

Der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache kann das Denken durch vorhandene Möglichkeiten begünstigen, indem dieses sich an diese Vorgaben anschließt. Die Sprache schafft einen Bereich mit Möglichkeiten des Formulierens von Gedanken, der Bedeutungen von Wörtern, der sprachlichen Bezusgmöglichkeiten in Satzbauplänen. Das Denken kann aber selbst die Sprache durch neue Ausdrücke bereichern und weiterentwickeln.

Denken hat einen Sachbezug. Menschen ringen manchmal nach Worten und Sätzen, um eine bestimmte Sache passend auszudrücken. Die auszudrückende Sache könnte aber noch gar nicht vorhanden sein, wenn sie erst durch Sprache hergestellt würde. Menschen erleben manchmal Situationen, in denen sie etwas verstehen und erkenne, ohne es sofort genau in Worte fassen zu können.

Wenn Denken völlig von einer Einzelsprache abhängig wäre, könnte Übersetzen überhaupt nicht funktionieren. Das Erlernen von Sprachen und Übersetzungen, die zumindest einen Inhalt bis zu einem Grad vermitteln, die Verstehen ermöglicht, sind dagegen sprechende Tatsachen.

Logik ist nicht an eine natürliche Einzelsprache gebunden, sondern bezieht sich auf Denknotwendigkeiten. Es gibt keinen besonderen Einzelverstand oder eine Einzelvernunft, die innerhalb einer Sprachgemeinschaft gelten, aber nicht darüber hinaus.


falkehkj  08.09.2010, 10:28

und nicht nur aus diesem Grunde sind eigentliche Übersetzungen nicht möglich. Im besten Fall findet ein Trabnsfer durch Nachdichtung statt. Am deutlichsten wird dies bei Übersetzungen von Lyrik. Spezielles Beispiel wären die japanischen haikus: Wenn wir die im japnischen zwingende Silbenstruktur übernehmen haben wir kein schönes Resultat im Deutschen, wir das Haiku "nachmepfunden" verletzen wir dessen japanische Besonderheit. Ein schönes Fundstück dazu: Über allen Gipfeln Over all the hilltops Ist Ruh, is calm. In allen Wipfeln In all the treetops Spürest du you feel Kaum einen Hauch; hardly a breath of air. Die Vögelein schweigen in Walde. The little birds fall silent in the woods. Warte nur, balde Just wait... soon Ruhest du auch. you'll also be at rest.

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livelove1996  20.11.2018, 15:57

Mein papa redet immer Dialekt und ich habe ihn mal gefragt, ob er auf Dialekt oder hochdeutsch denkt. Er meinte auf Hochdeutsch. Das hat mich sehr verwundert, da er ja zwar immer mit Hochdeutsch konfrontiert ist, es ja auch einwandfrei versteht, aber selbst nie spricht und wenn muss er sich Mühe geben. Kommt das dann daher, dass er immer auf hochdeutsch denkt, weil er rund um die Uhr von den Medien etc mit Hochdeutsch konfrontiert wird? Aber warum spricht er es dann nicht perfekt, wenn er es ja so denken kann? Vlt ist es dann im Kopf auch nicht perfekt? Er redet halt nie hochdeutsch, nur Dialekt. Und wenn, klingt es gekünstelt. Finde es einfach sehr spannend, weil ich von einigen Leuten, die Dialekt sprechen gehört habe, dass sie immer auf hochdeutsch denken. Meine Mutter hingegen denkt auf Dialekt.

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Ja, das macht was aus. Je unexakter die Grammatik und Semantik der Sprache, umso häufiger sind ihre Muttersprachler fundamentalistisch religiös. Prozentual die meisten Atheisten hat meines Wissens die tschechische Sprache hervorgebracht, die wohl exakteste aller Sprachen.

Ja, denn die grammatikale Struktur der Sprache bedingt unseren Denkrahmen (Nachzulesen auch bei http://de.wikipedia.org/wiki/Sapir-Whorf-Hypothese) So sind z.B. auch die unterschiedlichen Möglichkeiten Vergangenes oder Künftiges zu bezeichnen entscheidend. Kleines Beispiel: Im Schweizerdeutschen kann man nicht sagen "ich ging" lediglich i bi gangä - Ich bin gegangen - woraus sich durchaus einer der Denkunterschiede ableiten lässt. (Z.B. betreffend abgeschlossener und nicht abgeschlossener Vergangenheit, also beispielsweise historisches Bewusstsein, Sinn für alte Traditionenen etc.) Andere Sprachen unterscheiden gar grammatikalisch zwischen Ereignissen, die in der Vergangenheit abgeschlossen, einmalig oder wiederkehrend waren. Es gibt Sprachen, die keine Vokabel für "Ich" haben und Ich eher als eine Art Verbum behandeln. Im Französischen gibt es eine spezielle grammatikalische Form einen Ausdruck zu ironisieren. (Subjonctif de l'imparfait)Im Englischen haben wir wesentlich mehr Homonyme, also gleichlautende Wörter unterschiedlichster Bedeutung, was beispielsweise Trancearbeit im Englischen zugute kommt.

Wie die Anderen schon geschrieben haben, ist es umstritten. Ich persönlich bin der Meinung, dass Sprache zwar eine Rolle spielen bei manchen Fähigkeiten, aber grundlegende Denkweise ist nicht sehr von der Muttersprache beeinflusst.