Wie ist " transzendentale Freiheit" bei Kant zu verstehen?

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4 Antworten

Auch wenn ich - gut epikureisch - die Annahmen Kants zur durchgehenden Kausalität in der Welt der Erscheinungen nicht teile, so ist transzendentale Freiheit eine Sache in der Welt der Noumena. Die Erkenntnis dieser Welt in totaliter ist uns durch die Voreinstellungen (Raum, Zeit, Kausalität usw.) des Denkens verwehrt. Aber wir selbst sind dennoch Teil dieser Welt und Freiheit ist unsere erfahrbare Eigenschaft aus dieser Welt, wenn wir z.B. gemäß den Forderungen des KATEGORISCHEN IMPERATIV handeln und so Aktivitäten neu setzen. Wir haben zweierlei Handeln, einmal ein Handeln, das im Vollzug aktueller Kausalität geschieht und dann ein Handeln, das sich daraus enthebt, wenn wir vernünftiger Einsicht folgend die Kausalkette neu setzen. Denn Vernunft, das wissen wir, ist uns auch als nicht voll erkennbares Noumenon gewahr. Mit dieser Fähigkeit, den kausalbestimmten Egoismus zu sprengen aus Einsicht in eine umgreifendere Notwendigkeit, lässt die Freiheit, die in der determinierten Welt der Erscheinungen keinen Platz hat, durchscheinen und zwar immer nur im Vollzug unseres freien Handelns (Jaspers).

Ich hoffe, dass diese Eigenaufzäumung zusammen mit den Texten des angegebenen Links, das Thema verstehen helfen.

Die von dir beschriebene "Stufe" erreichst du, wenn du etwas erfahren hast, dass Jesus als die "2. Geburt" bezeichnet, oder als "Geburt durch den Geist".

Dieser Vorgang ist real; er wird vo den meisten großen Religionen angestrebt und in der indischen Tradition als "Selbstverwirklichung" (was es ja tatsächlich auch ist) genannt. Man kommt damit in einen Zustand jenseits menschlichen Vorstellungsvermögens, jenseits von Gedanken, Wünschen und Gefühlen und hat erst dann die Möglichkeit sich und sein Selbst wahrzunehmen und ist nicht mehr nur auf Ideen über sich selbst und den Rest der Welt angewiesen; man beginnt damit also die Wirklichkeit wahrzunehmen.

Die Überlegungen sind weitgehend richtig. Allerdings schließt das Streben nach Glück nicht eine Gesetzlichkeit aus, bloß ist es nach Kants Lehre nicht ein solches Streben, wodurch er als gut ausgezeichnet werden kann. Dies geht aus dem Fragetext nicht sehr deutlich hervor. Nur ein reiner Wille, ohne äußere Bestimmungsgründe, also auch nicht durch das, was gewollt wird, kann nach Kant in einem eigentlichen und vollständigen Sinn sittlich gut genannt werden.

Der Wille ist aus sich selbst heraus bestimmt und ein reiner Wille kann nur durch einen der reinen Form der Gesetzlichkeit entsprechenden Zeck bestimmt werden. Die Bestimmtheit in der Gesetzesförmigkeit wird damir erreicht, das Wollen durch Maximen (Grundsätze) bestimmen zu lassen, durch die ein Mensch zugleich wollen kann, daß sie ein allgemeines Gesetz werden (kategorischer Imperativ).

Ein sittliches Gesetz kann als für alle vernünftigen Wesen gültig nur unter Voraussetzung der Freiheit nachgewiesen werden. Menschen können sich nach Kant von zwei Standpunkten betrachten: a) Insofern sie in der natürlichen Welt leben, müssen sie sich als Teil der empirischen Sinneswelt auffassen, in der durchgehend ein notwendiger Kausalzusammenhang von Ursache und Wirkung (Naturgesetzlichkeit) besteht, und sind deren Gesetzmäßigkeiten unterworfen. b) Menschen können sich aber auch in intelligible Welt („mundus intelligibilis“, Verstandeswelt) versetzen, wo es eine Kausalität der Freiheit (die eigene praktische Vernunft bestimmt die Gründe) gibt. Mit einem Selbstverständnis, das von einem Begriff des Guten und Richtigen (die Sittlichkeit des kategorischen Imperativs) geprägt ist, wird gedanklich der universelle Kausalzusammenhang der natürlichen Sinneswelt („mundus sensibilis“) durchbrochen.

Die Idee der Freiheit, bekommt so gedankliche Wirklichkeit, allerdings keine objektive Realität (sie bleibt zweifelhaft und in ihrer Möglichkeit von der theoretischen Vernunft nicht widerspruchslos zu begreifen). Als Gegenstand der Erscheinungswelt (phaenomenon) hat der Mensch keine Freiheit (es gibt nur Abläufe, nicht im eigentlichen Sinn Handlungen), aber als gedachten Gegenstand in der Verstandeswelt (noumenon) gibt es Willensfreiheit (das Problem der Willensfreiheit wird von Kant nicht ganz befriedigend gelöst, denn wenn es sie in der Welt als Ding an sich gibt, ist ein bloßer Mechanismus naturgesetzlicher Kausailität in der natürlichen Welt ohne daneben vorhandene weitere Ursachen nicht plausibel, sonst fehlt aber eine reale Grundlage).

Die Vernunft kann sich in die Verstandeswelt hineindenken, aber nicht hineinschauen oder hineinempfinden. Intelligible Gegenstände können bloß durch den Verstand vorgestellt werden, sinnliche Anschauungen beziehen sich nicht auf sie.

Das allgemeine Prinzip des Rechts liegt darin, die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen zu lassen, also eine Vereinbarkeit der Freiheit von allen zu ermöglichen.

Jedes daraus abgeleitete Gesetz ist ein Beispiel. Dazu gehört die Rechtspflicht, in eine Gemeinschaft mit anderen zu treten, in der jedem das Seine erhalten werden und jedem das Seine gegen jeden anderen gesichert werden kann. Die Forderung ist, niemand das Seine zu nehmen, weder beim angeborenen (von Natur aus zukommenden) noch beim erworbenen Recht.

Die** transzendentale Freiheit** ist das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, dessen Kausalität nicht nach dem Naturgesetz einer anderen (fremden) Ursache unterliegt. Ein Wissen im Voraus, ob der Gegenstand dieser transzendentalen Idee (eine absolute und unbedingte Ursache als Anfang einer Reihe von Ursachen und Wirkungen, unabhängig von naturgesetzlicher Kausalität, der Wille ist selbst Ursprung seines Wollens) in der Realität möglich ist, gibt es nach Kant nicht.

Christian Erhard Schmidt, Wörterbuch zum leichtern Gebrauch der kantischen Schriften. Neu herausgegeben, eingeleitet und mit einem Personenregister versehen von Norbert Hinske. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976, S. 249 – 250:

Freyheit

hat eine Substanz, sofern ihre Handlungen nicht durch andre Ursachen bestimmt sind. Eine solche Caussalität und ihre Handlung heißt frey. Diese Freiheit ist

1) absolut, transcendentale Freyheit im strengen, eigentlichen Verstande, wenn eine Caussalität schlechthin anfängt, Unabhängigkeit von allem Empirischen, von dem Naturgesetze der Erscheinungen - absolute Spontanität, unbedingte Caussalität .[…]. In der sinnlichen Natur wird diese gar nicht angetroffen, der Begriff von derselben läßt sich durch keine sinnliche Anschauung realisieren und ist also blos intellectuell d. i. durch die reine Vernunft denkbar, aber leer, und bekommt seine Realität erst durch das Bewußtsein des Sittengesetzes.“

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