weshalb wird die willensfreiheit besonders von materialisten geleugnet?

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3 Antworten

Die Willensfreiheit wurde von Materialisten bis in die 1980er Jahre hinein deswegen geleugnet, weil sie sich auf die klassische Physik (Newton, Einstein, Planck) beriefen, die im Kern deterministisch ist. Determinismus schließt aber Willensfreiheit aus.

Erst seit den 1980er Jahren hat man durch die Arbeiten von Ilya Prigogine erkannt, dass es keinen Determinismus gibt sondern dass der Zufall die entscheidende kreative Rolle im Universum spielt. Die neue nichtlineare Physik disspiativer Strukturen ist nicht deterministisch und lässt so auch innerhalb der Physik Willensfreiheit zu. Daher hat sich vom alten Zweig der reduktionistischen (deterministischen) Materialisten ein neuer Zweig abgespalten, der sich auf Prigogine bezieht und sich irreduzibler Materialismus oder emergenter Materialismus oder sonstwie nennt. Dieser neue Zweig des Materialismus sieht keinen Widerspruch mehr zu einem freien Willen.

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Das Verständnis von Willensfreiheit ist an die jeweilige Metaphysik gekoppelt. Wenn man den Begriff von Willensfreiheit zugrunde legt, wie ihn die Dualisten/Idealisten sehen, dann wird der von Monisten natürlich abgelehnt, weil mit dem dualistischen Weltbild verknüpft. "Materialisten" sind halbierte Dualisten der Neuzeit, d.h. sie denken in den begriffs- und logikpfaden des Idealismus, bestreiten aber die Dominanz des Geistes als Hälfte des Dualismus, lassen sich einseitig auf deren Verständnis von Materialismus reduzieren. Für echte Monisten wie Parmenides oder Epikur (die ganze Traditionslinie der Monisten ist ja von den Idealisten nahezu ausgelöscht worden, da haben die ganze Arbeit gemacht) gibt es keinen Dualismus. Für sie ist das Sein ein einziges in unterschiedlichen Ausprägungen. Geist ist eine evolutionäre Ausprägung und in allen Möglichkeiten des Seins angelegt. Mit Heraklit ist man der Meinung, dass das Sein ein sich ständig wandelnder Prozess ist, der verschiedene Welten und sicher immer auch mal wieder soetwas wie "Geist" hervorbringt.

Epikur hat zwar den Atomismus des Demokrit übernommen, doch in einer Sache entscheidend geändert: Er hat die zufällige Abweichung eingeführt, weil seiner Meinung nach sich ein strenger Determinismus in der Realität nicht bestätigen lässt. Das Ziel seiner Lebensphilosophie war die Autarkie und möglichst große Freiheit des Individuums, dessen Vorraussetzung eine vernunftgesteuerte Einsicht in die Notwendigkeit war. Bis Heissenberg hat man diesen Teil der Philosophie Epikurs verlacht und die Lehre des Demokrit vorgezogen. Die französischen Aufklärer, vor allem La Mettrie (Mensch als Maschine) waren Demokritianer, keine Epikureer. Auch Marx hat sein Geschichtsverständnis auf die Vorstellung eines konsequenten historischen Materialismus gegründet, den dann Sartre in seiner Unausweichlichkeit abgelehnt hat. Bis jetzt hat er sich jedenfalls noch nicht als so unausweichlich erwiesen. Nur die streng-gläubigen Marxisten/Leninisten warten noch unverdrossen auf diese "Erlösung".

Man kann sagen, dass die Lebensphilosophie Epikurs geprägt ist von der Frage: "Wie kann man in einer Welt eines wechselnden Beziehungsgewebes Wege finden, sich möglichst viel Autarkie und Freiheit der Lebensgestaltung bewahren?" Dazu beschreibt die Philosophie des Epikur den Raum, in dem sich der Mensch aus dem ihn umgebenden Beziehungsgeflecht partiell lösen kann. Partiell - denn für Epikur ist eine absolute Freiheit - wie alles Absolute - ein Hirngespinst der Dualisten. Epikur begreift Mensch und Gesellschaft als Entwicklungsstufe der Evolution (schon lange vor Darwin!). Freiheit ist ambivalent. Indem sich der Mensch durch seine kulturelle Entwicklung von engen Zwangsjacken der Natur löst, begibt er sich aber auch gleichzeitig in eine "neue Zwangsjacke" gesellschaftlicher Regeln. Einerseits gestaltet er diese Regeln selbst, ist deren Konsequenzen (auch den nicht geplanten) aber ausgesetzt. Die Freiheit des Einzelnen ist immer auch davon abhängig, was Natur und Gesellschaft als Spielraum gewähren. Die jeweiligen Begrenzungen tastet Epikur ab. Naturerforschung ist ein Teil der Aufklärung Epikurs, sich von falschen Bindungen und Ängsten zu befreien. Einsicht und Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse ist der andere Teil seines Aufklärungsprogramms. Die partielle Freiheit des Wollens garantiert noch lange nicht auch die Wirkmächtigkeit dieses Wollens. Oft kommt es anders, weil man sein Wollen nicht auf Verträglichkeit mit dem Beziehungsgeflecht geprüft hat, in das jeder Mensch als Teil der Natur eingebettet bleibt.

In der modernen Philosophie gibt es viele Fortführungen, z.B. David Hume, der franz. Existentialismus, Nietzsche, der späte Feuerbach, die amerikan. Pragmatismus und mit Karl R. Popper die Autoren des kritischen Rationalismus. Viele verfallen allerdings immer wieder in die Denkschablonen des Idealismus, von dem vor allem die deutsche Philosophie durchseucht ist und meinen, sie wären materialistisch, wenn sie aus der Lehre der Stoa den Logos als "geistige Kraft" streichen. Die meisten Epikur-Bücher sind schlecht, weil Epikur durch die idealistische Brille betrachtet wird. Daran ist schon Cicero gescheitert und hat einen Epikureismus als selbstgebastelten Pappkameraden bekämpft - und natürlich immer gewonnen. Da werden Zitate von ausgesprochenen Epikurgegnern als "Sprüche des Epikur" präsentiert, als ob uns der Papst ein richtiges Verständnis des Marxismus geben könnte.

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Da hast du einiges noch nicht hinreichend verstanden. Niemand, auch keine Materialisten, leugnen die Freiheit der Willensentscheidung. Andererseits ist aber offensichtlich, dass unser Wille sich nur abhängig von objektiven Möglichkeiten bilden, artikulieren und umsetzen lässt.

Du hättest vor 50 Jahren noch so sehr ein "Handy" oder das Internet haben wollen - es hätte dir nichts genützt! Beides gab es noch gar nicht... :-)


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