Solipsismus-Gegenargumente?

6 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Auf theoretischer Ebene kann der Solipsismus nicht mit zwingender Logik widerlegt werden, indem Vertreter durch die Kraft der Argumente auf jeden Fall genötigt werden, ihn aufzugeben. Er ist eine gegen Kritik an ihren Grundsätzen gleichsam abgeschottete extreme Weltsicht. Dadurch fehlen als gemeinsame Grundlagen akzeptierte Ansatzpunkte, um ihn mit streng durchgeführten Beweisen als mit Sicherheit falsch zu widerlegen. Wenn die grundsätzlich Annahme, die der Solipsimus vertritt, nicht mit zwingend widerlegt werden kann, bedeutet dies aber noch längst nicht, seine Aufassung sei richtig.

Möglich ist dagegen, den Solipsismus als nicht plausibel zu zeigen und die Position als praktisch nicht sinnvoll nachzuweisen. Der Solipsismus ist nämlich schwer durchzuhalten. Das Verhalten wirkt ähnlich wie das von einem Kind, das die Augen verschließt und dann meint, die Welt wäre nicht mehr da oder es könne nicht mehr von anderen wahrgenommen werden.

Der Solipsismus behauptet (erkenntnistheoretisch und ontologisch), nur das eigene Ich sei wirklich, alles andere (das, was als Außenwelt und andere Personen bezeichnet wird) dagegen seien nur Bewußtseinsinhalte ohne eigene Existenz. Eine bewußtseinsunabhängige Außenwelt ist für den Solipsismus nicht nur grundsätzlich unerkennbar, sondern reine Vorstellung des subjektiven Bewusstseins, also objektiv nicht existent.

Der Solipsismus steht in Gegensatz zu dem, was als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Zugleich zieht er aber nicht ohne eine gewisse Folgerichtigkeit Folgerungen aus Ansichten, die viele vertreten oder akzeptiert haben. Er enthält dabei folgende Annahmen:

1) Ich kenne die Inhalte meines eigenen Bewußtseins/Geistes am sichersten.

2) Es gibt keine begrifflich oder logisch notwendige Verbindung zwischen Mentalem und Physischem, z. B. dem Auftreten von Bewußtseinserfahrungen oder mentalen Zuständen und dem Besitz bzw. den Verhaltensdispositionen eines Körpers von einer bestimmten Art.

3) Die Erfahrung einer gegebenen Person ist eine private Erfahrung für diese Person.

René Descartes hat in seiner Untersuchung des methodischen Zweifels Annahmen dieser Art geteilt, ist aber durch den Kunstgriff, die Existenz eines wohlwollenden Gottes anzunehmen, der die Menschen nicht täuschen will, der Möglichkeit eines Solipsismus ausgewichen. Dies ist ein Notbehelf, weil für den Beweis der Existenz eines solchen Gottes auf diesem Weg Mittel zu verwenden wären, deren Richtigkeit nach ihm diese Existenz schon voraussetzt. Wenn das zu Beweisende als Voraussetzung in den Beweis eingeht, ist die Argumentation zirkulär – ein logischer Schwachpunkt.

Die Annahmen sind nicht in jeder Beziehung völlig unerschütterlich.

Sprachphilosophisch (Privatsprachenargument) hat Ludwig Wittgenstein die Position des Solipsismus durch Überführung ins Absurde aufzulösen versucht. Ein Solipsist benötigt Sprache, um seine solipsistischen Gedanken zu denken und zu behaupten. Die Proposition „Ich bin das einzige existierende Bewußtsein/der einzige existierende Geist“ ist nur sinnvoll, wenn sie in einer öffentlichen Sprache ausgedrückt wird, was die Existenz eines gesellschaftlichen Kontextes impliziert. Solipsistische Gedanken erfordern in einer Erörterung die Existenz einer geteilten intersubjektiven Welt. Der Solipsismus setzt dann voraus, was er zu bestreiten versucht. Die Erinnerung an Vergangenheit ist vom Standpunkt des Solipsismus aus zweifelhaft, weil sie nicht ständig im Bewußtsein präsent ist. Es bleibt nur eine erinnerungslose Singularität (bloßes Bewußtsein, keine umfassendere Gesamtheit). Seine letzte Konsequenz ist daher anscheinend die Behauptung, nur die gegenwärtige Erfahrung habe Realität. Dies setzt eine Unterscheidung zwischen Erfahrung und Erfahrendem voraus, die im Solipsismus aber nicht wirklich getroffen werden darf. Der Satz „Es gibt nur meine Empfindungen“ enthält eine selbstwidersprüchliche Grammatik.

Auch in vagen Analogien liegt ein Angriffspunkt. Ein fremdes Ich, von dessen Erlebnissen nichts bekannt ist, soll als bloße Vorstellung Inhalt des Bewußtseins einer Person sein. Dabei kann dem Solipsismus zumindest eine Inkohärenz nachgewiesen werden. Folgerichtig ist ein Zweifel eines Solipisisten auch an der Echtheit und Wirklichkeit seiner eigenen Gedächtnisinhalte. Außerdem wäre zu begründen, warum er sich als ein existierendes Subjekt versteht. Dafür sind Kriterien nötig und diese müssen dann auch bei der Überprüfung, ob etwas anderes ebenfalls ein existierendes Subjekt ist, gelten.

Er lässt sich genausowenig widerlegen wie die Gegenansicht, dass etwas außerhalb des Subjekts existiert. "Unwiderlegbar" sollte daher nicht als "zutreffend" gewertet werden.

In der Philosophie, eigentlich in der Wissenschaft überhaupt, ist das mit dem Beweisen und Widerlegen ein Kapitel für sich. Es gibt nichts außer mir - so lässt sich die Wirklichkeit verstehen. Nichts spricht so letztbegründet dagegen, dass das Problem des Solipsismus aufhören würde, eine offene Frage zu sein. Ähnlich kann man auch am geozentrischen Weltbild festhalten - kann denn nicht irgendwie jeder beliebige Punkt im Weltall als Mittelpunkt verstanden werden? Manche Positionen mögen sich umständlicher darstellen als andere, weniger elegant, praktisch weniger durchhaltbar, oder sie sind einfach gerade nicht "angesagt". Mit solchen Kriterien behilft man sich auf allen Ebenen - vom Pausenhofgezänk über Parlamentsdebatten bis hinauf zum akademischen Kongress -, um Andersdenkende ins Abseits zu stellen. Was mich betrifft, fand ich das solipsistische Weltgefühl bereits als Kind faszinierend, und es lässt sich auch gut dafür argumentieren - indessen: für vieles andere auch. So ist ein unentwegt dieses wie jenes erwägender Pluralismus meiner Weisheit letzter Schluss.

Was möchtest Du wissen?