René Descartes - Kritik am Wachs-Beispiel

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2 Antworten

Eine Kritik am Wachsbeispiel enthalten die Einwände des Zeitgenossen Pierre Gassendi (1592 – 1655), die als fünfte Einwände (objectiones quintae) in Textausgeben vorkommen.

René Descartes, Meditationen : mit sämtlichen Einwänden und Erwiderungen. Übersetzt und herausgegeben von Christian Wohlers. Hamburg : Meiner, 2009 (Philosophische Bibliothek ; Band 598). ISBN 978-3-7873-1888-9

Pierre Gassendi wendet ein, durch das reine Denken könne man nicht zu einem Wesen (essentia) der Dinge gelangen.

Durch Abstrahieren von Akzidenzien (nicht wesentliche oder notwenige Bestimmungen einer Substanz, veränderliche Eigenschaften, die auftreten können oder auch nicht) werde die Substanz bzw. die Natur des Wachses noch nicht deutlich begriffen. Wir meinten zwar gewissermaßen aufgrund einer Vermutung, daß es außer der Farbe, der Gestalt, der Schmelzbarkeit des Wache etwas den Akzidenzien und Veränderungen Zugrundeliegendes gebe, aber was dies sei und wie beschaffen es sei, wüßten wir nicht und bleibe stets verborgen.

Die Einsicht, die Descartes für ein evidenteres Erfassen halte, sei auch eine bestimmte Form der Anschauung. Er begreife das Wachs als etwas Ausgebreitetes, Ausgedehntes, auf irgendeine Art Gestaltetes.

Die Einsicht des Geistes sei keineswegs eine klare und deutliche Erkenntnis des Waches, sondern die soweit eben möglich durch Sinneswahrnehmung genommene Einsicht in alle Akzidenzien und Veränderungen, derer das Wache fähig ist, sei klar und deutlich. Aufgrund dieser Einsicht könnten wird gewiß begreifen und erklären, was wir unter dem Namen des Wachses verstehen, die bloße und verborgene Substanz dagegen weder selbst begreifen noch anderen erklären.

Was Descartes hinsichtlich des Wachses ableite, weise nur die Erfassung der Existenz des Geistes nach, aber nicht seine Natur oder irgendetwas anderes Weitergehendes. Aus der erfaßten Substanz des Wachses könne abgeleitet werden, daß genauso, wie wir jene Substanz nur verworren und als Etwas von irgendeiner Art begreifen, auch der Geist begriffen werde. Descartes könne so von seinem Geist nur die bloße Existenz erfassen.

Gassendi zieht offensichtlich einen Empirismus und Nominalismus vor. Mit teilweiser Übereinstimmung, nämlich darin, daß Descartes bei seinem angeblich reinen Verstandesbegriff gar nicht frei von Anschauung/sinnlicher Vorstellung ist, kann auch einen Gegenargumentation angebracht werden, die im Gegensatz zu Gassendi die Auffassung vertritt, mit der Ansammlung von Sinnesdaten allein könne keine Gegenstand erkannt werden, sondern nur mit einem hinzutretenden begrifflichen Denken.

Gegen Descartes kann eingewendet werden, diesen naheliegenden Schluß nicht wirklich zu ziehen. Descartes meine, die einheitliche Erfassung der unendlichen Summe aller möglichen Vorstellungsmerkmale eines Gegenstandes liefere wirklich einen Begriff von ihm. Das Denken des Verstandes sei bei Descartes eine völlig abstrakte, alles Konkreten entleerte Vorstellung. Denken sei bei Descartes als Repräsentieren der dunklen und konfusen Inhalte der Anschauung in bewußten Vorstellungsbildern verstanden und damit fehle ein sachbezogenes Unterscheiden als Leistung des Verstandes/der Vernunft.

Die Sinneswahrnehmung werde einer übertriebenen Erwartung ausgesetzt, selbst allein zu einer klaren und deutlichen Sacherkenntnis zu kommen. Descartes nehme einerseits eine Anfälligkeit der Sinne für Täuschung an, setze anderseits aber voraus, daß die Sinneswahrnehmung etwas richtig schon als eine Sacheinheit liefern, von der aus der Verstand/die Vernunft zu einer klaren und deutlichen einheitlichen Erfassung gehe.

Abweichend von einer antiken Denktradition, die von Platon und Aristoteles begründet ist, nehme Descartes als Substanz/wesentliche Bestimmung das Zugrundeliegende/den Träger des Gegenstandes, nicht eine Eigenschaft des Zugrundeliegenden/des Trägers des Gegenstandes. Damit sei das, was Descartes als erkannte Substanz (das, was bei aller Veränderung eines Dinges gleichbleibend ist) ausgebe, etwas Unbestimmtes. Dieses Unbestimmte sei Materie, nicht die Natur/das Wesen einer Sache.

Was Descartes als Substanz des Wachses darstelle, sei bloß, eine ausgedehnte Sache zu sein. Darin unterscheidet sich Wachs aber nicht von allen anderen materiellen Dingen. Das, was Wachs spezifisch ausmacht, sei damit nicht erfaßt.

eine ausführliche Darstellung mit näherer Erläuterung dieser Kritik:

Arbogast Schmitt, Denken und Sein bei Platon und Descartes : kritische Anmerkungen zur ,Überwindung' der antiken Seinsphilosophie durch die moderne Philosophie des Subjekts. Heidelberg : Winter, 2011 (Studien zu Literatur und Erkenntnis ; Band 1), S. 52 - 66

Wenn wir mal beim Wachs bleiben: Wir können auch einfach nur beobachten, dass das Wachs beim Erhitzen flüssig wird und beim Erkalten wieder fest wird, also so wie vorher aussieht. Descartes scheint in dem Beispiel die Ebene der Veränderung über die Zeit wegzulassen. Wenn wir die mit reinnehmen, ist es doch eine sinnliche Erfahrung, dass Wachs fest und flüssig sein kann. Die Vernunft spielt zwar mit rein, weil wir gleich Schlüsse ziehen, steht aber nicht im Vordergrund.

Descartes argumentiert mit Veränderungen beim Vergleich des Wachsstückes zu zwei Zeitpunkten. Er hat auch Recht damit, veränderliche durch Sinneswahrnehmung wahrnehmbare Eigenschaften könnten nicht das sein, was das Wachs selbst (seine Substanz in der Bedeutung der Natur/des Wesens einer Sache) ist. Denn für das Erkennen der Substanz wird etwas gesucht, das bei aller Veränderung gleichbleibt.

Descartes kann dafür kritisiert werden, in dem Beispiel das Erkennen für in einem reinen Verstandesbegriff geleistetet anzunehmen, ohne Erfahrung bzw. sinnliche Anschauung. Für eine solche Kritik ist, wenn sie überzeugend ausfallen soll, aber eine weitergehendere Auseinandersetzung erforderlich.

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