Nihilismus in der Epoche der Romantik

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In Monika Schmitz-Emans Buch "Einführung in die Romantik" werden auch die "nihilistischen Tendenzen" angesprochen. Ich zitiere: "Das romantische Konzept von Subjektivität stimuliert bei mehreren Autoren eine ausgeprägte Tendenz zu nihilistischen Vorstellungen. Es gibt keine Ordnung der Dinge mehr, die als allgemeinverbindlicher Orientierungsrahmen des Handelns und Erkennens dienen können. Die Wirklichkeit erscheint eben darum als zutiefst nichtig. Jeder sieht das, was zu sehen er disponiert ist - aber niemand sieht die Wahrheit, da es diese nicht gibt." Und später noch als Ergänzung: "Die Figuren, welchen es zufällt, die nihilistischen Tendenzen romantischen Denkens zu artikulieren - und zwar in ihrer ganzen Ambivalenz zwischen der Allmachtsphantasie eines Weltschöpfers von eigenen Gnaden und der Ohnmacht eines einsam in ein selbstentworfenes Weltkonstrukt eingeschlossenen Ichs - sind vorzugsweise in Anlehnung an zeitgenössische Vorstellungen über Wahnsinnige gestaltet."
Ich denke, das erklärt den Zusammenhang recht gut.

Großartig! Dieses Zitat ist klar und in seiner Schlichtheit so verständlich, dass ich nachträglich kaum begreifen kann, wie mir der Zusammenhang zwischen Subjektivität / Individualismus als Leitmotiv der Romantik und Nihilismus nicht von allein aufgegangen ist. Die VHS-Sequenz hat de facto das "zersplitterte Ich" zum Thema, befasst sich also mit verschiedenen Formen der Ich-Deviation. Es passt wirklich alles! Danke für diesen Hinweis!

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Wir behandeln gerade "Lenz" von Büchner. Die dort ausgeführten Extremzustände der Seele, gespiegelt u.a. durch Natur-Wahrnehmungen und die religiöse Positionierung der Zentralfigur sind völlig stimmig mit dem oben gesagten.

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Romantischer Nihilismus ist von der Begrifflichkeit so etwas wie "contradictio in adiecto", das Adjektiv romantisch passt nicht recht zum Substantiv Nihilismus. Ich habe mich eben etwas in das Thema vertieft, habe leider jetzt keine Zeit, es zu verfolgen, aber es interessiert mich. 2 Hinweise: 1.Ich habe Rüdiger Safranskis Werk: "Romantik", das sich für mich spannend wie ein guter Roman gelesen hat, kurz nach seinem Erscheinen gelesen, hatte es mir hier aus der Stadtbücherei geliehen. ER weiß viel, stellt Querverbindungen her, ein Fachmann. Vielleicht kannst du es einsehen, um festzustellen, ob er zu dem Thema etwas sagt. Wie gesagt, ich habe das Buch nicht zu Hause, sonst hätte ich selbst nachgeschaut. 2. Eben habe ich in meiner Romantikausgabe von 1961 (Standard Verlag Hamburg) das Gedicht "Carneval" von Ludwig Tieck gelesen, ich glaube, es enthält Gedanken, die zum Thema passen. Hier der Text:

Carneval

Freudiger und lichter Wird mir mit jeder Wiederholung Dieses bunte Getümmel. Wohltuend, befreiend, Wirkt so die Torheit Froh und ungestört geübt, Sie löset und lüftet Des Missbehagens und Zürnens, Der Bosheit, des Grolles Tausendfältige verschlossene Ursachen. Was Weisheit und Gesetz nicht vermag, Die Religion selbst ohnmächtig bekämpft, Beschwichtigt der Taumel des erdichteten Wahnsinns.

Und die schönen Larven Hat Amor selbst erfunden, Sie verstricken Aug' und Herz. Die reizenden Gewänder, der freie Fuß, Das schlanke volle Bein, der weiße Nacken Und die verhüllten dunkeln Augen Betören den Sinn. Doch wieder ernüchtert Erwacht die Seele vom Rausch, Wenn am Abend Die Schöne statt der Maske Das eigne Antlitz zeigt, Der Reiz erstirbt, und die Alltäglichkeit Spricht aus den ermüdeten Gestalten.

Dir weiterhin viel Freude an der Literatur. Nebenbei und weg vom Thema: Ich erfreue mich wieder mal an einem Roman der Autorin Joyce Carol Oates, als Literaturfreund wirst du sie kennen.

Danke für Deine Anregungen und Denkanstöße! Ich habe mich sehr über Dein Verständnis und Deine Bereitschaft gefreut, Dich auf "mein Thema" einzulassen. Ich werde mich jetzt anlässlich des Seminars intensiv wieder mit Literaturgeschichte beschäftigen. Die Romantik ist ja Teil davon, der sich duch besondere Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit auszeichnet, die umso deutlicher wird, je intensiver man den Dingen auf den Grund geht. Leider haben wir in der Schule dieses Kapitel nur sehr flüchtig "anbehandelt", vielleicht wegen dieser Problematik. Ich versuche mich seit mehreren Jahrzehnten in diesem Bereich als Autodidakt, weil ich mich studienmäßig und beruflich für ein naturwissenschaftliches Fach entschieden habe, aber mir liegt die Kunst als Spiegel der menschlichen Orientierung in der Zeit für immer sehr am Herzen.

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Leider kann ich (noch) kein Sternchen vergeben, weil Deine Antwort bisher die einzige ist.

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