Bertrand Russell - Skepsis

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Halb so schlimm. Genauer Hintergrund: Russell äußert sich zu einer erkenntnistheoretischen Diskussion, die in Cambridge bis in die 50er Jahre v.a. von George E. Moore und Ludwig Wittgenstein ausgetragen wurde und ihren bekanntesten Niederschlag in Wittgensteins Über Gewissheit fand (Über_Gewißheit bei wikipedia). Russells Gedanke ist nicht neu (für Philosophielehrer ist er es wahrscheinlich doch), er konfrontiert einfach die philosophisch mögliche Skepsis, die uns verbietet, zu wissen, dass wir etwas wissen, mit der menschlichen Alltagserfahrung, dass wir in vielen Fällen, gerade wenn es um scheinbar eindeutige Sinneseindrücke geht, nicht sinnvoll zweifeln können. "Vor meinem Fenster steht [nachschauen] ein rotes Auto." Während ich das geschrieben habe, hatte ich nur noch die Erinnerung an einen Sinneseindruck, den ich als rotes Auto beschreibe. Ich setze also voraus, dass der Sinneseindruck richtig war, dass mein Hirn den Sinneseindruck richtig analysiert habe (das waren ja nur Pixel auf meiner Retina), dass ich mich richtig erinnert habe, dass es wirklich ein Auto und kein angemalter Schneemann der Nachbarskinder oder eine Plastikattrappe war (siehe das obere Bild im wikipedia-Artikel Attrappe) -- es gibt annähernd unendlich viele Möglichkeiten, meinen Satz in Zweifel zu ziehen, und nicht Alles ist wahr, was irgendwer für sicheres Wissen hält. Man muss nicht mal im Altenheim die Opas fragen, was es für seltsame Sachen gibt, die sonst keiner wahrnimmt (Mäuse an der Wand, Wölfe unter dem Bett, Löwen vor dem Fenster, all das sehen die Omas und Opas "wirklich"), auch ich meine viele Dinge zu wissen, die falsch sind. Dennoch, hier kommt Russell, ist es ("psychologisch") unmöglich für mich zu zweifeln, dass da ein rotes Auto (Opel Modell "Spießer") stand, auch wenn etwa Thomas Metzinger (schöne youtube-Videos) leicht zeigen kann, dass wir andauernd Fehler bei der Wahrnehmung machen. Von meinen Gehirnoperationen auf die Wirklichkeit zu schließen ist schon im Straßenverkehr sinnvoll. Der Philosoph und der Psychologe kann sehr wohl bezweifeln, dass mein Glaube "Da ist eine Ampel und das rote Dingens an der Ampel leuchtet und ich bleibe mal besser stehen, weil ..." wahr ist. Wenn ich das aber andauernd infrage stelle, dann ist mein Leben schnell vorbei -- glaube ich zu wissen.

Skepsis entsteht ausschließlich im Denken. Damit kann ich alles anzweifeln und mir meine Zweifel auch "logisch" erklären.

Laut Wiki: Psyche (altgriechisch ψυχή, psychḗ, für ursprünglich „Atem, Hauch“, von ψύχω, „ich atme/hauche/blase/lebe“) wurde im Altgriechischen in sehr umfassendem Sinn verstanden und sogar zur Umschreibung der ganzen Person verwendet, ähnlich wie im Deutschen Mein Seelchen, Du, meine Seele u.ä., bis hin zur Bezeichnung des Kostbarsten, des Wertvollsten überhaupt.[1] In der erlebnismäßig naheliegenden und deswegen wohl ursprünglichen Auffassung von Atmen und Atem als Zeichen für Belebtheit[2] stand ψυχή als Atmen und Atem möglicherweise schon von Anfang an undifferenziert auch für Lebendigkeit und sogar Lebenskraft (vgl. Hauchseele, Atman). Insofern konnte ψυχή auch als Lebensprinzip aufgefasst und sogar mit Leben gleichgesetzt werden.

Bleibe ich aber bei dem, was direkt HIER und JETZT vor meiner Nase ist, erlebe ich Gefühle, Emotionen, fühle meinen Herzschlag, atme ein und aus, weshalb "Skepsis psychologisch unmöglich ist".

Akzeptiere ich Skepsis, Zweifel, Skeptizismus, bin ich letztlich unaufrichtig mir selbst gegenüber und dieselbe Unaufrichtigkeit liegt in einer Philosophie, die die Psyche ausspart.

Ich glaube, der Typ, der das Zitat übersetzt hat, hat ne beschissene Arbeit gemacht.

Falls es weiterhelfen sollte hier noch einmal das original Zitat in Englisch:

“Skepticism, while logically impeccable, is psychologically impossible, and there is an element of frivolous insincerity in any philosophy which pretends to accept it.”

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@TeeEi

Na ja ich schreibe mal was dazu. Eine zentrale Frage hier ist natürlich, was Russell an dieser Stelle mit Skepsis/Skepticism meinte. Ganz sicher meinte er nicht den alltäglichen Gebrauch von Skepsis. Ich tippe auf einen radikalen Skeptizismus wie von Pyrrhon und Empiricus. Nach Pyrrhon sind die Dinge völlig unerkennbar. Man kann solche radikalen, skeptizistischen Positionen unschwer "logisch untadelig" begründen. Aber mit dem gesunden Menschenverstand sehen wir, dass es ein ziemlicher Quatsch ist. Unser Verstand / unsere Psyche ist auch so aufgebaut, dass wir Erkenntnisse und Urteile über unsere Umwelt erlangen.

Ein Beispiel bzw. Konsequenz eines radikalen Skeptizismus ist der (metaphysische) Solipsismus: Nur das eigene Bewusstsein existiert. Die Theorie wird kaum so vertreten, sondern als eine Art Anormalie verwendet, um eine erkenntnistheoretische Theorie zu prüfen. Wenn sich aus einer Theorie ableiten lässt, dass außer dem eigenen Bewusstsein nichts existiert, dann ist etwas mit der Theorie faul, weil es Quark ist. So ähnlich meinte Russell wohl.

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@TeeEi

Vielen Dank ersteinmal! Ich denke dass du recht hast und Russell sich tatsächlich auf den radikalen Skeptizismus bezieht, dementsprechend macht auch deine Erläuterung Sinn. Danke für den Hinweis, das war mir vorher so nicht klar geworden!

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