Kann sich jemand vorstellen, den Roman nach der folgenden Szene lesen zu wollen?
Vallois ging mit den drei Mappen in der Hand zu seinem hölzernen, verschrammten und zu kleinen Schreibtisch zurück. Die Raucher in der Redaktion hatten schon beachtliche Nebelschwaden erzeugt. Vallois störte das nicht. Er drehte sich erst einmal selbst eine Zigarette und blätterte in der Mappe zum Theater. Madame Duchamps hatte ganze Arbeit geleistet. Er fand eine Übersicht, auf der wichtige Daten des Theaters zusammengefasst waren: Gründung, Gründer, Zahl der Beschäftigten, Schwerpunkte, die Direktoren und die eine Direktorin. Ein Familienbetrieb, stellte Vallois fest. 1880 gegründet, Anfang der Zwanziger von einem Fonteneau an einen anderen Fonteneau übergeben, ab September 1940 dann jene Gautier und ab Oktober 1941 direkt unter deutscher Verwaltung durch einen Beamten der Propagandaabteilung des MBF, des Militärbefehlshabers Frankreich. Dann stieß Vallois auf eine längere Liste, in der Madame Duchamps das Programm des Theaters seit den Dreißigern erfasst hatte. Die Zahl der aufgeführten Stücke des Theaters und des Balletts ging kontinuierlich zurück. Die Titel sagten Vallois nicht viel. Er fand Klassiker, die er kannte, aber viele Stücke, die ihm vollkommen unbekannt waren. Insbesondere beim Ballett kannte er nur „Schwanensee“ und „Der Nussknacker“. Er schnaubte verächtlich. Gut, aus dem Rückgang des Programms und der Zahl der Beschäftigten konnte man auf wirtschaftliche Schwierigkeiten schließen, aber ansonsten half ihm das erst einmal nicht weiter. Er blätterte weiter. Hinter dieser Übersicht lagen Personallisten. Vallois war überrascht. Das war mitgedacht. Das würde zwar eine Heidenarbeit werden, die Leute heute ausfindig zu machen, sofern sie denn noch lebten, aber Duchamps hatte ihm direkt eine Sammlung potenzieller Zeugen geliefert. Kopien von Zeitungsschnipseln über das Theater folgten. Ende der Dreißiger hatte Fonteneau versucht, das Programm abzuändern. Es wurde über Premieren von Revuen berichtet, die von der Kritik jedoch ziemlich verrissen und als „billiger Abklatsch" des Moulin Rouge bezeichnet worden waren. Damit endete das Dossier über das Theater. Vallois schob die Mappe gelangweilt auf die linke Seite seines Schreibtisches und griff nach der nächsten – dem Dossier über Fonteneau selbst. Er überflog die Eckdaten: Jean-Paul Fonteneau, geboren am 11. Januar 1882 in Paris, gestorben am 3. November 1940 im Straf- und Untersuchungsgefängnis Maison d'arrêt de la Santé, Paris, 14. Arrondissement. Er las nun aufmerksamer weiter. Verheiratet, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Ehefrau war deutlich jünger als Fonteneau. Über Verstrickungen in die Kollaboration fand sich nichts. War wohl auch nicht zu erwarten, wenn er bereits im November 1940 starb, dachte Étienne. Er müsste einen Antrag stellen, um die Akte einsehen zu dürfen, insbesondere die Vollstreckungsakte. Denn wie war er im Gefängnis gestorben und durch wen? Die Akte war noch nicht zu Ende. Er blätterte zur nächsten Seite und fand bereits die Anträge auf Akteneinsicht, gestern erstellt und verschickt von Madame Duchamps. Vallois fühlte ein Unbehagen. Duchamps nervte ihn. Sie machte die bequeme Büroarbeit, und er durfte losziehen und die ganzen Zeugen suchen? Da hatte sie sich aber geschnitten, dachte Vallois. Das durfte sie dann gerne auch machen, also die lästige Suche übernehmen. Interviewen würde er die Zeugen natürlich selbst – das brauchte sich die Duchamps gar nicht einzubilden. Es war schließlich sein Auftrag. Er war der Spürhund, nicht sie. Immerhin war es aber schon mal eine Fährte, auch wenn er bislang keinen Zusammenhang mit Kollaboration erkennen konnte. Er zog den dritten Hefter. Das Dossier begann wieder mit den persönlichen Angaben: Isabelle Gautier, geboren am 13. April 1898 in Saverne/Zabern. Aha, dachte Vallois, Elsass, und vielleicht daher deutschnah. Er überflog die Daten weiter. Eltern früh gestorben, mit sechzehn verlor sie den Vater, drei Jahre später starb die Mutter, ein älterer Bruder, im Ersten Weltkrieg gefallen als deutscher Soldat vor Verdun, tänzerische Ausbildung in Straßburg, Karriere an der Pariser Oper bis zur Primaballerina, ab 1930 Tätigkeit als Ballettlehrerin an der Ballettschule Cahen, nach Schließung der Schule wegen Flucht der Eigentümer dann künstlerische Leiterin beim Théâtre Fonteneau, ab Oktober 1940 Interimsdirektorin nach Ernennung durch den MBF, gestorben am 5. September 1941 im Prison du District de Vevey, Lausanne, Schweiz. In einem Gefängnis in der Schweiz, interessant. Beide Direktoren sterben im Knast. Kann das ein Zufall sein?, grübelte Vallois. Morel hat Recht, auch wenn ich keinen Zusammenhang mit Kollaboration sehe, außer dass die Frau von den Deutschen ernannt wurde und als Elsässerin vielleicht den Deutschen nahe stand. Da steckt eine Geschichte dahinter, sinnierte er.


























