Verhaltensweisen der Figuren in Woyzeck?

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1 Antwort

Guten Morgen,

Auszug:

In dem gesamten Stück wird der Hauptmann mit keinem Namen versehen und somit gehört er zu der "Gruppe mit Berufsbezeichnungen", in welcher auch der Doktor und der Tambourmajor zu finden sind. Diese Gruppe repräsentiert das Bürgertum und den Offiziersstand der damaligen Zeit. Der Hauptmann ist ein Mann, der nicht mehr im Dienst ist, jedoch trotzdem sein Ansehen behalten hat. Dieses wird aber durch die Modernisierung der Gesellschaft bedroht, die nun nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit auf die alten Werte, wie Tugend, Moral und Segen der Kirche, legt. 
Dieser im Vordergrund stehender Idealismus, den der Hauptmann entgegen der Zeit immer noch verfolgt, ist seine philosophische Attitüde, die inhaltlich völlig unzugänglich ist. 
Seine Zeit verbringt der Hauptmann damit, dass er sich aus dem Fenster lehnt und jungen Mädchen hinterher schaut, wodurch er sexuelle Befriedung erlangt. So kann man diesen als Voyeur bezeichnen ("Wenn ich am Fenster lief, wenn es geregnet hat und den weißen Strümpfen so nachsehe, wie sie über die Gassen springen, - verdammt Woyzeck, - da kommt mir die Liebe." (Szene 5). 
So kann man sagen, dass dieser eine sehr klägliche Gestalt abgibt, die er durch unbegründete Selbstgerechtigkeit und Hochmut vor allem gegenüber dem unterlegenen Woyzeck, als auch gegenüber dem Doktor an den Tag legt. 
Durch das Niedermachen von Woyzeck erlangt der Hauptmann das Gefühl, selber sehr intelligent zu sein ("Woyzeck er hat keine Tugend, er ist kein tugendhafter Mensch." Szene 5), dies lässt darauf schließen, dass der Hauptmann ein sehr egozentrischer Charakter ist, da es für ihn keine Bedeutung hat, wie andere, in diesem Fall Woyzeck, sich dabei fühlen. 
Man kann sagen, dass der Hauptmann zu dem Teil der Gesellschaft gehört, der durch den Glauben an den edlen Menschen über das Leid anderer hinwegsehen kann. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es der Hauptmann ist, der Woyzeck darauf aufmerksam macht, dass Marie ein Verhältnis mit dem Tambourmajor hat. Woyzeck dieser Schmach zu unterziehen bereitet dem Hauptmann sichtlich Freude. Betrachtet man diese Figur oberflächlich, so könnte man sagen, dass dieser ein fetter, selbstverliebter, aber trotzdem ruhiger Mann ist. 
Jedoch ist zu sehen, dass dieser eine sehr aggressive Art, die vielleicht aus den Militärszeiten stammt, aufweisen kann. Dies ist in dem Streitgespräch mit dem Doktor zu sehen. Was zusätzlich unter der Oberfläche steckt, ist eine gewisse Unsicherheit ("Es wird mir ganz Angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke." Szene 5), die z.B. deutlich werden durch die Fragen nach dem Sinn des Lebens ("Was will er denn mit der ungeheuren Zeit all anfangen?" Szene 5), worin man sehen kann, dass der Hauptmann entgegen seiner militärischen Erziehung, doch nur ein Mann ist, der tief im Inneren sehr verzweifelt scheint, nach Außen hin, jedoch stark und tapfer wirken will. 
Es wird vermutet, dass Büchner diesen Charakter an Erfahrungen aus seinem militärischen Verwandtenkreis gelehnt hat. 

Der Doktor 
Auch der Doktor gehört zu der "Gruppe mit Berufsbezeichnungen", was ebenfalls darauf schließen lässt, dass auch dieser eine gehobene Schicht des Bürgertums abdecken soll. Der Doktor hat, wie auch der Hauptmann, keinen vorzeigbaren Charakter, denn dieser versucht seine Persönlichkeit hinter der beruflichen Existenz verschwinden zu lassen. Dies unterstreicht Büchner mit der "namenlosen Figur". Der Doktor sieht seinen Beruf als Berufung an, was so viel bedeutet, wie dass sein Beruf sein Lebensinhalt ist. Sein Ziel ist es die Wissenschaft zu revolutionieren, indem er diese in die Luft sprengt. Dazu experimentiert er an Woyzeck herum, der für ihn eine Erbsendiät einhalten und seinen Urin abliefern muss. Dass der Doktor Woyzeck nur als Versuchskaninchen ansehen will ("Er ist ein interessanter Casus, Subjekt Woyzeck er kriegt Zulage." Szene 8) und dies auch tut, zeigt, dass dieser ein sehr kaltblütiger Mensch ist, dem Menschen weniger bedeuten als ein Proteus (Eidechsenart). So dient auch Woyzeck nur als Mittel zum Zweck. Der Doktor ärgert sich über Woyzeck, was diesen zu einem zu beachtenden Menschen macht, was wiederum den Doktor noch mehr ärgert. Deshalb kann man sagen, dass dieser sich darüber ärgert, sich zu ärgern ("Nein Woyzeck, ich ärger mich nicht, Ärger ist ungesund, ist unwissenschaftlich." Szene 8). 
Dieses Verhalten passt nicht zu seinem üblichen Verhalten, wie z.B. das zur Schau stellen des Woyzecks vor den Studenten. Dies zeigt, dass sich der Doktor wirklich bemühen muss ein gefühlsloser Professor zu sein ("Ich sag's ihm mit der größten Kaltblütigkeit." Szene 8). Alles in allem kann man jedoch sagen, dass es dem Doktor sehr gut gelingt, sich als herzlosen Wissenschaftler zu repräsentieren. Zudem lässt sich sagen, dass dessen Wille zu zerstören und seine Bereitschaft, Menschen zu verachten und zu quälen an die NS-Zeiten erinnern. Hier lässt sich das Anfangsstadium der Menschenachtung in Konzentrationslagern ablesen. Vermutlich lehnt Büchner diesen Charakter an seinen Universitätslehrer und Anatom Johann Bernhard Wilbrand (1779 bis 1846) an. Zudem sollen auch Charakterzüge von Justus Liebig, ebenfalls ein akademischer Lehrer, mit einfließen. 

Der Tambourmajor 
Das letzte Mitglied dieser "Gruppe mit Berufsbezeichnung" ist der Tambourmajor, ebenfalls eine Figur aus dem Militär. Vergleichbar mit seinen Vorausgängern, hat auch dieser keinen vorzeigbaren Charakter. Der Tambourmajor wird in Büchners Woyzeck als ein sehr oberflächlicher, aber gut aussehender Mann beschrieben, der nur das Trinken, die Frauen und seinen Dienst beim Militär im Kopf hat. So kann man sagen, dass dieser Mann eine genaue Kontrastfigur zu Woyzeck ist, denn der Tambourmajor kümmert sich ausschließlich um das Äußere und interessiert sich weder für das Wohl noch generell für seine Mitmenschen, außer sie sind weiblich und naiv. Auch dass er sich niemals mit seinen wirklichen Gefühlen beschäftigt, bzw. man nie das Gefühl bekommt, dass er das Bedürfnis hat, in sich zu gehen und über komplexere Fragen wie den Sinn des Lebens, so wie Woyzeck es tut, nachzudenken, zeigt, dass der Tambourmajor einen sehr einfach gestrickten Charakter besitzt. Dadurch dass der Tambourmajor oft Bestätigungen von den Frauen bekommt, die, wie Maria, sich nur auf sein schönes Erscheinungsbild und sein vieles Geld beschränken, hat dieser ein sehr großes Selbstwertgefühl, welches er auch stolz nach außen präsentiert. 
Nicht genug, dass er mit seiner Uniform, die für ihn seine Identität widerspiegelt, angibt, muss, auch prügelt sich der aggressive und aufgeblasene Tambourmajor gerne und das sogar in der Öffentlichkeit ("Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehn und sie um den Leib herumwickeln? (Sie ringen, Woyzeck verliert.)" Szene 15). Hierzu muss man jedoch sagen, dass er es bevorzugt, sich mit Schwächeren zu raufen, da er so leicht seine Überlegenheit demonstrieren kann. Deshalb lässt sich sagen, dass der Tambourmajor weder sehr tapfer, noch sonderlich intelligent ist. Alles in allem kann man sagen, dass seine oberflächliche Art und sein Leben für den Augenblick eigentlich eine tiefe Unsicherheit überdecken sollen, die der Tambourmajor tief im inneren verspürt. Dies war für die damalige Zeit sehr typisch für Soldaten bzw. das Militär. 

Marie - Das Opfer? 
Marie ist ein sehr ambivalenter Charakter aus der unteren sozialen Schicht der armen Leute. Sie führt eine uneheliche Beziehung mit Woyzeck, mit dem sie zusätzlich noch ein Kind hat. Dafür muss Marie viel Hohn und Spott von ihrer Nachbarin und wahrscheinlich auch noch von vielen anderen Mitmenschen ertragen ("Bist doch nur en arm Hurenkind und machst deiner Mutter Freud mit deim unehrliche Gesicht." Szene 2). So ist es nicht verwunderlich, dass Marie sich in ihrer Haut nicht wohlfühlt und zudem auch noch unter Woyzecks kargen Lohn leiden muss, da ihrer beider Schicksale von Anfang an eng miteinander verbunden sind. Durch das sehr angespannte Zusammenleben und Woyzecks schwere psychische Störungen, gelingt es Marie mit der Zeit immer weniger an ihn und seine Gefühle heranzukommen, woraus folgt, dass die beiden sich langsam auseinander leben. Marie ist eine Frau, die für den Augenblick und das schöne Äußere lebt, so ist es nicht verwunderlich, dass sie schon bald reges Interesse an dem Tambourmajor zeigt, der sie durch Geld ("Ein Ohrringlein; hab's gefunden." Szene 4) und Macht sehr beeindrucken kann ("Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw." Szene 2). Zwar durchschaut sie schnell, dass der Tambourmajor sehr eitel ist, was darauf schließen lässt, dass sie nicht naiv ist, doch seine derb-sinnlichen Huldigungen und seine Selbstgefälligkeit lösen in ihr sowohl Erregung als auch Ärgernis aus. Der im starken Kontrast zu Woyzeck stehende Tambourmajor (sei es die Lohnhöhe oder das Selbstbewusstsein) gibt Marie genau das, was sie gerne haben, bzw. fühlen möchte, nämlich das Erfüllen ihrer Sehnsüchte, er teilt für Momente seine, aus ihren Augen glänzende Existenz. Diese sind die Selbstvergessenheit für wenige Augenblicke, dass sie jemand aus der Misere ziehen und ihr schöne Geschenke geben kann, die ihr ein Gefühl der Schönheit und Geliebtheit geben. Durch die Affäre mit dem Tambourmajor entfernt sich Marie noch mehr von Woyzeck, bis dieser schließlich dahinter kommt, dass seine Lebensgefährtin ihn betrügt. Anfänglich versucht Marie bei dem Streitgespräch auf Woyzeck einzugehen und ihm Mitgefühl zu zeigen, wie sie es schon immer getan hat, doch durch den Umgang mit dem Tambourmajor und ihr dadurch gewonnenes Selbstvertrauen und Selbstschätzung ändert sie das Muster der Norm ("Du bist hirnwütig Franz." Szene 7). Sie verlässt Woyzeck mit der Begründung, endlich selbst in Frieden leben zu wollen. 
Wenig später jedoch fühlt Marie sich schuldig und möchte zurück zu Woyzeck, vielleicht weil sie sich auch nur von allen verlassen fühlt ("Der Franz ist nit gekommen, gestern nicht, heut nit, es wird heiß hie." Szene 17), aber vor allem auch, weil ihr ihr Verhalten leid tut ("Ich bin doch ein schlecht Mensch." Szene 4). An dieser Stelle kann man erkennen, dass Marie eine gläubige Frau ist, wie es damals typisch gewesen ist. Dieses Verhalten unterstreicht noch einmal ihren ambivalenten Charakter. Doch während sie über ihren Rückgang nachdenkt, plant ihr ehemaliger Lebensgefährte Woyzeck schon ihren Tod, den er dann schließlich auch herbeiführt. So wird Marie für ihre Affäre mit dem Tod bestraft. 

Woyzeck - Opfer oder Täter? 
Die Figur des Woyzeck ist an eine reale Person angelehnt, nämlich den Perückenmacher und Soldaten Johann Christian Woyzeck, der 1780 geboren und 1824 hingerichtet wurde. Franz Woyzeck ist nicht identisch mit dem realen Woyzeck, aber durch die Recherche in den medizinischen Gutachten, wurden viele Charakterzüge übernommen und in dem Drama verdeutlicht. Franz Woyzeck ist ein sehr komplexer Charakter, der auf der einen Seite durch eine schwere Psychose erkrankt und auf der anderen ein liebevoller und aufmerksamer Vater, Ehemann und ein gewissenhafter Versorger ist. Der Begriff Psychose stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "seelische Erkrankung", diese wird oftmals durch die Faktoren der körperlichen Erkrankung, des sozialen Drucks und der seelischen Belastung hervorgerufen. Zwar müssen nicht immer alle Faktoren vorhanden sein, jedoch ist dies bei Franz Woyzeck der Fall. 
Er ist ein sehr armer Mann, der, um seine Familie ernähren zu können, seinen Körper gewissermaßen verkauft. Jedoch nicht zur Prostitution oder ähnlichem, sondern für ein Experiment, bei dem oben schon erwähntem Doktor. Hier wird Woyzeck so heftig gedemütigt, dass es ein Wunder ist, dass er dies über sich ergehen lassen kann. Er verkauft gewissermaßen seine "freie Seele bzw. Willen", weil er nun nicht einmal mehr die Freiheit hat zu bestimmen wann er urinieren darf. Da der Doktor kein Mensch ist, der auf andere Rücksicht nimmt, ist es nicht verwunderlich, dass Woyzeck nicht nur den Studenten zur Schau gestellt wird, sondern auch als "Labortier und interessanter Irrer" charakterisiert wird. Der Doktor ist es, der Woyzeck ein Gutachten ausstellt, dass dieser psychisch krank ist. 
Der soziale Druck wird durch den Hauptmann verdeutlicht, der Woyzeck dafür an die Wand stellt, dass er ein uneheliches Kind hat und nicht mit Marie verheiratet ist, so wie es sich normalerweise gehört. Zwar versucht Woyzeck sich zu rechtfertigen, doch letztendlich gibt er auf, denn er denkt, dass der moralische Kodex, den der Hauptmann anpreist, nur etwas für reiche Leute ist und denen fühlt Woyzeck sich berechtigterweise nicht angehörig. Auch der Fakt, dass es immer wieder ein Kampf für Woyzeck ist seine Familie finanzieren zu können, fällt unter den sozialen Druck. Der letzte Faktor, nämlich die seelische Belastung, ist dann erfüllt, als Woyzeck begreift, dass Marie ein Verhältnis mit dem Tambourmajor hat. Denn nun hat sich sein einziger Halt, seine einzige Liebe auch von ihm abgewendet. 
Zwar weiß Woyzeck, dass er auf andere Menschen verstörend wirkt mit seinen Angst einflössenden Wahnvorstellungen, die Teil seiner Psychose sind (dies merkt man z.B. daran, dass er sich seinem Kind nur dann zuwendet, wenn dieses schläft, also nicht realisiert, dass Woyzeck anwesend ist) ("Er hat sein Kind nicht angesehn." Szene 2), jedoch hätte er wahrscheinlich nie gedacht, dass Marie sich deshalb einmal von ihm abwenden würde. Woyzeck versucht mit Marie ein Gespräch zu führen, doch durch seine Verzweiflung und Unsicherheit, wie auch den Realitätsverlusten und der verzerrten Wahrnehmung, fehlt es Woyzeck an Talent seine Gefühle und sein Denken in Worten ausdrücken zu können (Marie:" Was sagst du?" Woyzeck:" Nix." Szene 20). Durch diese Hilflosigkeit gewinnt Marie dieses verbale Duell und ist letzten Endes fort. Der Verlust von Marie macht Woyzeck sehr wütend und traurig, so wendet er diesen Frust, der sich in Gewalt äußert erst gegen sich, doch schließlich gegen Marie. Es ist kein Wunder, dass er sich nicht gegen die wendet, die ihn demütigen und quälen (Hautmann, Doktor und Tambourmajor), denn Woyzeck kann nicht klar denken aufgrund seiner Krankheit. Er ist nicht mehr verantwortlich für sein Handeln. Maries Untreue ist folglich nun nicht der Auslöser für seine Psychose, aber die Initialzündung für die "eigene Befreiung des Woyzeck". Es wird deutlich wie selbstzerstörerisch sein Denken ist ("Stich, stich die Zickwolfin tot. Soll ich? Muss ich?" Szene 13). Woyzeck bringt Marie mit einem Messer, durch Stichverletzungen; dies symbolisiert eine gewisse Art und von Vergewaltigung. 

http://www.ratsgymnasium-gladbeck.de/tl_files/rats/schuelerprojekte/Woyzeck/konstell.html 

Ich hoffe meine Antwort war hilfreich für dich.

Wissensdurst84

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