Unterschied Kants kategorischer Imperativ und Hans Jonas`neuer Imperativ?

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2 Antworten

Hans Jonas stellt den neuen Imperativ vor dem Hintergrund neuartiger Zerstörungsmöglichkeiten aufgrund der Entwicklung der Technik auf. Der neue Imperativ ist nicht als Ersatz für den von Immanuel Kant dargelegten kategorischen Imperativ gedacht, sondern als eine Ergänzung. Dabei geht es vor allem um das Vermeiden eines Risikos einer umfassenden Vernichtung.
Hans Jonas versucht Pflichten gegenüber Angehörigen zukünftiger Generationen und gegenüber der nicht¬-menschlichen Natur zu begründen. Aufgrund neuerer Erfahrungen setzt er die Existenz der Menschheit nicht als gegeben voraus. Seiner Meinung nach kann Kants Ethik eine Pflicht zur Erhaltung der Menschheit nicht begründen.

Immanuel Kant hat mehrere Formulierungen des kategorischen Imperativs geschrieben, wobei dieser ein einziger ist und nur verschieden ausgedückt wird.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785. 2. Auflage 1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV, 421/BA 52:  

„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

auf Zwecke als Gegenstände des Willens bezogen:

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785. 2. Auflage 1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV 429/BA 66 - 67:  

„Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.

Hans Jonas ergänzt mit seinem neuen Imperativ den von Immanuel Kant dargelegten kategorischen Imperativ, wie er in einer auf den Menschen als Zweck an sich selbst bezogenen Fassung zum Ausdruck kommt.

Aufgrund einer inzwischen vorhandenen Möglichkeit zu Vernichtung einschließlich einer Selbstauslöschung der Menschheit und einer Zerstörung des Planeten Erde stellt Hans Jonas ein erstes Gebot der Ethik auf, das als Bezug auf die Zukunft und Überlebenschancen gedacht ist. Ein dauerhaftes Überleben der Menschheit ist nicht gesichert und keine Selbstverständlichkeit. Daher gehört zur Verantwortung, an ihre Erhaltung zu denken und dies bei Entscheidungen zu berücksichtigen.

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1. Auflage. Frankfurt am Main : Insel-Verlag, 1979, S. 36:

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Es soll vermieden werden, etwas zu tun, was das Überleben der Menschheit gefährdet. Für dieses Gebot der Existenz/des Erhaltens der Menschheit und der Biosphäre versucht Hans Jonas eine Begründung zu geben.

Der Gedankengang in seinen großen Schritten ist:

a) Versuch des Aufweisens einer objektiven Zweckhaftigkeit des Seins/der Natur in sich, unabhängig von menschlicher Deutung

b) Versuch, die Zweckhaftigkeit als ein Gut an sich zu zeigen

c) Ableitung einer kategorischen Pflicht zur Erhaltung dieses Gutes aus diesem Gut

Hans Jonas vertritt als Grundannahme die Auffassung, es gebe in der Natur die Erfüllung von Zweckhaftigkeit, eine Zielausrichtung auf die Selbsterhaltung und das Nutzen von Möglichkeiten zur Weiter- und Höherentwicklung, eine dem Ganzen innewohnende Selbstbejahung. Bei dem Zweck, wozu etwas da ist oder geschieht, sei der Sachverhalt der Zweckerfüllung unabhängig von subjektiver Setzung/Beurteilung/Überzeugung.

Werte werden von Zwecken abgeleitet. Der Wert bezeichnet die Tauglichkeit für das Erreichen von Zwecken. Etwas an sich Gutes hat einen ihm innewohnende Anspruch auf seine Wirklichkeit

Der Mensch ist das einzige Wesen, das Verantwortung übernehmen kann. Aus diesem Können folgt bei Hans Jonas ein Sollen. Die Menschheit ist zur Existenz und zu einer bestimmten Qualität des Lebens (Wohlergehen und Glück gehören dazu) verpflichtet. Die Menschen stehen in einem Treueverhältnis zur Welt. Träger von Verantwortung sind verpflichtet, das Dasein künftiger Verantwortungsträger zu ermöglichen.

Unterschiede der Imperative von Kant und Jonas

  • Ersetzung der logischen Möglichkeit (eine Maxime – subjektiver Grundsatz – des Handelns kann sowhl widerspruchsfrei gedacht als auch widerspruchsfrei gewollt werden) bei Kant durch eine reale Möglichkeit (irdische Biospäre und Existenz der Menschheit sind Voraussetzung für die reale Existenz menschlichen Willens) bei Jonas
  • Einbettung in eine Ethik mit einem Nicht-Konsequentialismus - nicht allein die Folgen einer Handlung sind für die Bewertung ausschlaggebend, sondern (auch) etwas an der Handlung selbst – bei Kant, Einbettung in eine Ethik mit einem Konsequentialismus - allein die Folgen einer Handlung sind für die Bewertung ausschlaggebend – bei Jonas: Kant hat eine deontologische Ethik, etwas Gesolltes/eine Pflicht ist Maßstab bei der Bewertung. Immanuel Kant vertritt die Auffassung, eine uneingeschränkt gute Handlung könne nur eine von einem guten Willen getragenen Handlung sein.Das moralisch uneingeschränkt Gute existiert nach seiner Ethik nur als guter Wille. Entscheidend ist die Handlungsabsicht, nicht die
    tatsächlich eingetretene Handlungsfolge. Ein ausreichender Einsatz der
    praktischen Vernunft bleibt aber trotzdem geboten. Eine Person darf sich
    nach Kant beim guten Willen nicht auf einen bloßen Wunsch beschränken,
    sondern hat auch die ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden,
    damit sich die Absicht verwirklicht (wie aus einer Bemerkung in Klammern
    bei Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/6).
    Erster Abschnitt. Übergang von der gemeinen Sittlichen
    Vernunfterkenntniß zur philosophischen (AA IV, 394/BA 4) hervorgeht).
    Einfach nur gut gemeint kann auch nach Kant zu wenig sein. Denn ein
    Wille, der sich gar nicht darum kümmert, ob die Handlungsabsicht
    durchgesetzt wird, und dem die Folgen einer Handlung egal/gleichgültig
    sind, ist kein echter guter Wille, da dafür etwas beim Wollen fehlt.
    Nach Kant soll ein Bestreben zur Verwirklichung der Absicht vorhanden
    sein.

    Hans Jonas fordert eine Berücksichtigung der Wirkungen
    einer Handlung in Bezug auf die Lebensmöglichkeit. Die Wirkung macht
    insofern den ethischen Gehalt einer Handlung aus. Seine
    Verantwortungsethik ist ein Konsequentialismus. Da nützliche Folgen zum
    Kriterium werden, rückt seine Ethik in die Nähe des Utilitarismus.

  • Allgemeinheitsgrad in Bezug auf Handlungssituationen: Der kategorische Imperativ Immanuel Kants ist ein universales Moralprinzip, der „neue Imperativ“, den Hans Jonas vertritt, ein weniger allgemeines Prinzip, das sich nicht auf alle Arten von Handlungssituationen bezieht, sondern auf bestimmte Arten von Handlungssituationen beschränkt ist. Denn nicht alle Handlungen beeinflussen die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit und die Erhaltung der Biosphäre. Es gibt moralisch relevante Entscheidungen, die nicht zum Anwendungsbereich des „neuen Imperativs“ gehören. Dieser ist auf ganz elementare Dinge ausgerichtet.

Jonas:

"Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Kant:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

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