Gedichtsanalyse/Interpretation?

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5 Antworten

Also: erstmal zu den Stilmitteln: was ich bisher so entdeckt hab, sind

1) tausend Male- das ist eine Übertreibung, also eine Hyperbel.

2) wie ein Kind ist ein Vergleich, gleichzeitig ist "ängstlich wie ein Kind" ein Einschub, also eine Parenthese.

3)stets...stets ist eine Anapher.

4) es fehlt bloß ist wieder eine Parenthese.

5)Und folgt sie nun- hier müsste es heißen "Und sie folgt nun"- die Satzstellung ist also verdreht, also ist es eine Inversion.

6)Es heißt "Und geht nach Haus"- hier fehlt das "sie", ohne das der Satz unvollständig ist, also ist es eine Ellipse.

7) Lust und Trost und Lächeln ist ein Polisyndeton.

Für mich besteht das komplette Gedicht aus einem Trochäus, denn dieser hat eine Betonte und eine Unbetonte Silbe. Für mich hört es sich, so gesprochen am Natürlichsten an. Probier es mal aus. Wenn man nach diesem Schema geht, endet jeder Vers mit einer betonten Silbe, also einer männlichen Kadenz.

Zudem besteht das Gedicht aus Kreuzreimen, mit reinen Reimen, keine Halbreime.

Das Interpretieren ist schon schwieriger. Man muss immer überlegen, was zu dieser Zeit geschichtlich im Hintergrund ist. Es ist 1928 entstanden, d.h. es trifft in die Zeit der goldenen Zwanziger. Nach dem Weltkrieg entstand der Vertrag von Versaille, der das Land erschüttert hat; Hungersnöte, Arbeitslosigkeit, Bettelei, Krüppel und Traumatisierte aus dem Krieg; geringe medizinische Möglichkeiten, Putschversuche. Mit der Einführung der Rentenmark besserte sich die Situation, so gab es eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung. Diese ermöglichte einen Hochpunkt von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Es nahmen Produktion, Konsum und Volkseinkommen zwischen 1924 und 1929 stetig zu. Es ergab sich also eine Konsumgesellschaft, man wollte sich amüsieren, konsumieren, ausgelassen sein nach jahrelangem Krieg. Inmitten darin müssen ehemalige Soldaten mit den Traumata aus dem Krieg zurechtkommen, es gibt Krüppel und Arbeitslose. Es treffen also Extreme aufeinander, man muss Kriegserlebnisse aufarbeiten und viele lenken sich mit Feiern und Konsum ab.

Nun auf das Gedicht bezogen. Schon der Titel "Abschied der Vorstadt" klingt negativ. Ein Abschied ist immer traurig, mit Gefühlen verbunden. Dieser Eindruck bestätigt sich auch im Gedicht wieder: "fröstelnd, änstlich, lautlos,deplaciert". Insgesamt erhält man also ein Gefühl von Verstoßen sein, sich fremd fühlen, abgestumpft sein. Die erste Strophe spielt sich offenbar in der Nacht ab, weist die Laterne doch auf Dunkelheit hin, in der sie leuchtet. Die Laterne könnte man im übertragenen Sinn möglicherweise als Licht, als Hoffnung im Dunklen sehen. Oder aber auch als negatives Symbol- es ist kein natürliches Sonnenlicht mehr da, künstliches, vom Menschen geschaffenes Licht ist von Nöten, um nicht völlig im Dunklen zu stehen. Man steht immer wieder "fröstelnd" unter der Laterne, immer wieder in "Hoffnung", deutet man das Licht als Solche. Wer mit "Sie gemeint ist, bleibt unklar. Jedoch wird die Dramatik weiter herausgearbeitet, indem sie "ängstlich wie ein Kind ins Dunkle geht". Ein Kind ist hilflos, auf Orientierung, Hilfe und Schutz angewiesen. Es kann sich selbst nicht wehren. Dieses ausgelieferte Gefühl kommt so zum Ausdruck, als "sie" gehen muss, man sie "lautlos"- man könnte auch sagen regungslos, handlungsunfähig- verabschiedet. Man muss die Situation so hinnehmen. Daraus kann man folgern, dass ein Abschied längst zur Normalität gehört und nichts besonderes mehr ist. So kann es eine Anspielung auf die Kriegsjahre sein, in der man viele Abschiede hinnehmen musste. Der zweite Vers lautet "wo man tausende Male mit ihr stand..."- tausende Male erscheinen als unzählbar Viele, als immer wieder kehrende Tätigkeit. Genauso unbestimmt, wie die Zahl "Tausende" ist, so unbestimmt endet der Vers mit "...".Dies mutet als unsicher, unbestimmt an, im Gegensatz zu einem mit Punkt beendeten Satz. Es kann auch das Gefühl der Monotonie der "tausenden Male" verstärken. Dieses eingängige Gefühl, wird durch eine klare, deutliche Aussage in der 2.Strophe beendet: "denn man weiß: man winkt das letzte Mal." So klar der Satz kurz und aussagekräftig gestellt ist, so inhaltlich aussagekräftig ist er: es ist das letzte Mal, wodurch das gesagte Endgültigkeit erhält. Man sieht nur "an ihrem Gange, dass sie weint", d.h. das lässt möglicherweise darauf schließen, dass "sie" schon unfähig ist, ihre Gefühle deutlich auszudrücken, bzw. auszuleben. Weinen erregt im Normalfall große Aufmerksamkeit, bedeutet es doch eine starke Gefühlsregung. In diesem Fall wird die Trauer aber als normal, gewöhnlich wahrgenommen. Trauer ist also kein einmaliges ausdrücken der Gefühl mehr, sondern Normalzustand. Auch das kann auf die Traumatisierung der Gesellschaft nach dem Krieg hinweisen. Es fehlt ebenso an Orientierung. Der Mensch ist so mit der Verarbeitung dieser schlimmen Erfahrungen beschäftigt, schon so abgestumpft, dass ihm Veränderungen seiner Umgebung nicht mehr auffallen:" War die Straße stets so grau und stets so kahl?"- darüber hat der Angesprochene keine Kenntnis mehr, es geht an ihm vorüber. Die Straßen werden als "trist und grau" beschrieben, eine Einheit von Farblosigkeit, ein "Einheitsbrei". Genauso spiegelt sich dies auch in der Ausdrucksweise wieder: "stets...stets"- durch die doppelte Verwendungdes gleichen Wortes wird so die Monotonie noch deutlicher. Weiter folgt: "Es fehlt bloß, dass der Vollmond scheint". Normalerweise sollte die Sonne die Umgebung beleuchten, als Ersatz soll hier der Vollmond fungieren. Vergleicht man Sonne und Vollmond, so wird deutlich, dass der Mond sehr viel weniger Strahlkraft besitzt und seine Umgebung, im Gegensatz zur Sonne, weitgehend im Dunklen lässt. Die Sonne kann hier für Lebensfreude, Kraft und Normalität stehen. Der viel schwächere Ersatz dieser, der Mond deutet auf die allgmeine Melancholie und den Schwermut hin, der den Kriegsalltag prägt. Völlig ohne Zusammenhang folgt der Vers "Plötzlich denkt man an das Abendbrot"- das Essen ist nicht wie im Normalfall Genuss, sondern ein mechanisch ablaufender Vorgang, der "sein muss", aber nicht mit Freude gemacht wird. Dieser Eindruck wird bestätigt: "und empfindet dies als gänzlich deplaciert." Deplaziert kann das Abendbrot dazu sein, weil Mahlzeiten zur Kriegszeit wertvoll und nicht selbstverständlicherweise vorhanden waren, durch Nahrungsmittelknappheit oft ausfallen mussten. Das Abendbrot ist so gesehen ein Ritual, das nicht mehr natürlich stattfindet, weil es nicht mehr zum Alltag gehört.  Was mit "die Mutter hat 2 Jahre lang gedroht" gemeint ist, verstehe ich selbst nicht. "...Und geht nach haus. Und friert."-lässt sich aber deuten. Ein Zuhause soll im Normalfall Wärme, Schutz und Geborgenheit vermitteln. In diesem Fall friert die Mutter im Haus, genauso wie im Freien. Das Gefühl einer schützenden Familie, die Halt und Festigkeit geben soll, fehlt also, es ist kalt, "sie friert". Man kann das Frieren auch wortwörtlich sehen: Es gehört zum Alltag in Kriegszeiten.

Interessant finde ich "Lust und Trost und lächeln trägt sie fort"- dies könnte die goldenen Zwanziger verbildlichen. Aus dem tristen, von Traumata geprägten Leben soll ausgebrochen werden, indem man sich ablenkt: Lust, Lachen und Trost sind die ersten positven Worte in diesem Gedicht, und stehen wohl im eindeutigen Gegensatz zum restlichen Werk. Diese Gegensätzlichkeit, Unstimmigkeit kommt aber auch beim Lesen hervor: Als man sie rufen will, bleibt sie "stumm". Trotz der positiv assoziierten Empfindungen werden sie nicht als authentisch wahrgenommen, weil die Frau im Inneren gebrochen, stumpf bleibt. Sie ist stumm, hat also keinerlei Bezug zur Außenwelt, verbindet doch Sprechen und schafft Gemeinschaft. Man kann auch interpretieren, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Gefühle auszudrücken, sie fühlt sich verfremdet in einer Welt, in der sie unverstanden bleibt. Das Gedicht schließt mit "Und sie geht und wartet auf ein Wort! Und sie geht und dreht sich nie mehr um"- kein harmonisches Ende. Sie wartet auf ein Wort, will also im Innersten verstanden werden, will Bezüge zu ihrer Umwelt finden. Es gelingt ihr jedoch nicht, und kehr darauf "nie mehr um". Ein endgültiges Ende, sie findet nicht mehr in die Gesellchaft, in die Normalität zurück und bleibt innerlich gebrochen.

So, ich hoffe ich konnte dir helfen- keine Garantie, dass das stimmt ;)


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Kommentar von DanielDomino
18.12.2015, 08:31

Hallo,

der untere "lange" Part, ist das eine Interpretation/Gedichtsanalyse?

Wir haben das irgendwie so gelernt, das man sagt "Die Anapher macht deutlich ...." daher bin ich mir gerade unsicher ob das richtig ist von dir, kann auch sein das wir es nur auf eine Art & Weise gelernt haben, und ich mal nicht da war :D Wäre toll wenn du mir das noch sagen würdest.

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Der Kreuzreim wurde Dir ja schon genannt. Trochäus. Männliche Kadenzen.

Für mich ist das ein "Abschied" zweier Liebenden, die sich nicht lieben sollen/dürfen. 

Dunkelheit, Nacht > Ungewissheit, Trauer.

Laterne > Licht, Helligkeit, die Liebenden standen im Licht - nun geht sie ins Dunkel, und er, nun nur noch allein im Licht, sieht ihr nach.

Frieren, frösteln > ohne einander ist ihnen kalt.

Weinen.

grau, kahl > Leere - das Graue und Kahle ist ihnen nie zuvor aufgefallen.

"Ach, es fehlt bloß, dass der Vollmond scheint" lässt sich auf zweierlei Art lesen: "Fehlt bloß noch" im Sinne von "schlimmer wäre es nur, wenn" oder (und das finde ich für dieses Gedicht passender) als Antwort auf die Frage, ob die Straße immer schon so grau und kahl war.  - Es schien zuvor immer der Mond (> da ist wieder das Licht!), jetzt aber ist kein Licht da, es ist dunkel.

Ellipsen, "und". In der letzten Strophe zwei Anläufe (Und man will sie rufen! [...] Und sie geht und wartet auf ein Wort! [...]), die in sich zusammenfallen ([...] Und bleibt stumm. [...] Und sie geht und dreht sich nie mehr um.).

Lust und Trost und Lächeln trägt... > alternierende Aliteration

Vergleich: ängstlich wie ein Kind

Fürs Erste.

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Reimart

a

b

a

b

Inhalt der Strophen

Wenn man fröstelnd unter der Laterne steht, wo man tausend Male mit ihr stand = ein ort mit Erinnerungswert der von ihr und ihm

Wenn sie ängstlich wie ein Kind ins Dunkel geht, winkt man lautlos mit der Hand= der abschied von ihr

Denn man weiß: man winkt das letzte Mal. Und an ihrem Gange sieht man, daß sie weint. = der abshied

War die Straße stets so grau und stets so kahl? Ach, es fehlt bloß, daß der Vollmond scheint. = die Beschreibung der Umgebung das leere gefühl bei ihm wegen den verlust von ihr

Plötzlich denkt man an das Abendbrot und empfindet dies als gänzlich deplaciert. Ihre Mutter hat zwei Jahre lang gedroht.= es ist etwas passiert das die mutter von ihr vorhergesagt hat

Heute folgt sie nun. Und geht nach Haus. Und friert.= das es passiert ist

Lust und Trost und Lächeln trägt sie fort. = das sie das glück mit nimmt also von ihm das lachen die Lebenslust und die geborgenheit

Und man will sie rufen! Und bleibt stumm. = man möchte sie zurück aber man kann es nicht

Und sie geht und wartet auf ein Wort! Und sie geht und dreht sich nie mehr um.= sie möchte auch zurück aber es geht nicht

hoffe konnte dir helfen



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Hallo,

gib bei Google - wie Gedicht analysieren bzw. wie Gedicht interpretieren - ein und folge den Links, z.B. diesen hier:

- helpster.de/balladeninterpretation-so-gelingt-sie-ihnen_84822

- wortwuchs.net/gedichtanalyse/

- lerntippsammlung.de/lerntipps/gedichtanalyse.htm

- abipedia.de/gedichtanalyse.php

- deutschstunden.de/Material/Gedichtinterpretation.html

- frustfrei-lernen.de/deutsch/wie-schreibe-ich-eine-interpretation-eines-gedichtes.html

- literatur-wissen.de/Studium/Gedichtinterpretation/gedichtinterpretation.html

Auf diesen Seiten sollte sich auch etwas zur Analyse anderer Textarten und etwas zu Interpretationen finden lassen. Falls nicht gehe auf die oben beschriebene Art und Weise vor.

Ansonsten kenne ich das - auch in der heutigen Zeit - so, dass man eine/n Klassenkameraden/in oder eine/n Schulfreund/in um Hilfe bittet und dann gleich mit ihr/ihm zusammen Hausaufgaben macht oder lernt. Das macht doch eh mehr Spaß als alleine!

Oder man bildet Lerngruppen, in denen man sich gegenseitig hilft und unterstützt; z.T. auch 'fachübergreifend', so dass z.B. 'Mathe-Asse', 'Englisch-Assen' in Mathe auf die Sprünge helfen und umgekehrt.

AstridDerPu



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Kommentar von DanielDomino
17.12.2015, 22:18

Hi Danke für die Links nur komme ich nicht ganz mit dem Gedicht klar daher brauche ich Hilfe im Bereich Sprachliche Mittel und die Wirkung davon aufs Gedicht? Hast du da was für mich? Keine How Tos sondern auf das Gedicht bezogen.

Vielen vielen Dank

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Reimart

a

b

a

b

inhaltlich geht es um einen Menschen der gestorben ist Begräbnis und einen menschen der trauert

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Kommentar von DanielDomino
17.12.2015, 21:45

Bist du dir da sicher? Ich dachte es wäre irgendein Verlust von Freundschaft hätte jetzt nicht an Tod gedacht. Hast du evt. mehr Infos? Metrum, Inhalt jeder Strophe kurz zusammengefasst, Sprachliche Mittel?

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