Welchen Anlass aus seiner Lebensbiografie hatte Erich kästner das Gedicht „fantasie von übermorgen“ zu schreiben?

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Hallo,

nun, da gab es sicherlich mehrere Punkte in Kästners Biographie, die eine Erklärung dafür bieten, weshalb er seine publizistische Karriere während der Weimarer Republik u. a. gerade mit gesellschaftskritischen und vor allem auch antimilitaristischen Gedichten, wie der "Fantasie von Übermorgen" startete: seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, die seine Wut auf "die Kriegstreiber", also das Militär, die Rüstungs- und Schwerindustrie sowie die Hochfinanz begründeten: "Sie legten jeden über's Knie, der diesen Krieg befahl: die Herren der Bank und Industrie, den Minister und General".

So sagte Kästner am 23. Februar 1969 im Deutschlandfunk: "das entscheidende Erlebnis war natürlich meine Beschäftigung als Kriegsteilnehmer. Wenn man 17-jährig eingezogen wird, und die halbe Klasse ist schon tot, weil bekanntlich immer zwei Jahrgänge ungefähr in einer Klasse sich überlappen, ist man noch weniger Militarist als je vorher. Und eine dieser Animositäten, eine dieser Gekränktheiten eines jungen Menschen, eine der wichtigsten, war die Wut aufs Militär, auf die Rüstung, auf die Schwerindustrie".

Ein weiterer Punkt ist sicherlich auch Kästners äußerst intensive Beziehung zu seiner Mutter - auch in seinen Romanen, wie z.B. "Emil und die Detektive" oder "Pünktchen und Anton", lässt sich immer wieder das Motiv der tatkräftigen, aufopferungsvollen Mutter finden.

So heißt es z.B. in Kästners Kindheitserinnerungen "Als ich ein kleiner Junge war: "Meine Mutter war kein Engel und sie wollte auch keiner sein. Ihr Ideal war handgreiflicher. Ihr Ziel lag in der Ferne, doch nicht in den Wolken. Es war erreichbar. Und weil sie energisch war wie niemand sonst und sich von niemandem reinreden ließ, erreichte sie es. Ida Kästner wollte die vollkommene Mutter ihres Jungen werden und weil sie das werden wollte, nahm sie auf niemanden Rücksicht – auch auf sich selber nicht und wurde die vollkommene Mutter. All ihre Liebe und Phantasie, ihren ganzen Fleiß, jede Minute und jeden Gedanken, ihre gesamte Existenz setzte sie fanatisch wie ein besessener Spieler auf eine einzige Karte: auf mich. Ihr Einsatz hieß: Ihr Leben mit Haut und Haar, die Spielkarte war ich".         

In seinem Gedicht "Fantasie von Übermorgen" stellt Kästner daher "die Mutter/die Frau", die Lebensstifterin, als Sinnbild für Liebe, Fürsorge und Leben schlechthin "dem kriegerischen Mann" gegenüber: die Frau als Verkörperung des antimilitaristischen Geistes, die notfalls auch handgreiflich gegen den Kriegswahnsinn einzuschreiten bereit ist, um Mann, Sohn und Bruder (auch vor sich selbst) zu schützen.

Da obiges Gedicht 1929 veröffentlicht wurde, ist davon auszugehen, dass, entsprechend der konservativen Geschlechterrollen der damaligen Zeit, die Führungspositionen in den zuvor genannten "Branchen" ausschließlich von Männern besetzt wurden, so dass die antimilitaristische Intervention nur von den Frauen/den Müttern ausgehen konnte, denen es oblag, ihre Söhne ohne Allmachtsphantasien zu erziehen, sondern sie beizeiten Verantwortung und Besonnenheit zu lehren.

Mal so einige Gedanken - evtl. hilfreich...?!

Das ist aufjedenfall hilfreich DANKE

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@Garnet72

Kannst du mir die Quelle sagen, woher du das Zitat mit den Kindheitserinnerungen und der Liebe zur Mutter hast? Also wo die Mutter kein Engel is usw

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@Kralci5050

Danke fürs Sternchen - also das obige Zitat stammt aus Erich Kästners Kindheitserinnerungen "Als ich ein kleiner Junge war" (Cecilie Dressler Verlag, 1957, S. 102ff.), sorry, habe ich tatsächlich die Quellenangabe vergessen, ts, ts, ts...;-)

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Für mich auch.

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@Machtnix53

Inwiefern? Bist du etwa auch jemand, der Kästners Werk "unterschätzt" hat, da er in ihm nur den netten Märchenonkel für Kinder sieht...;-) Hat schon seine Gründe, warum auch Kästner bei der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten auf der Liste zu finden war...

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@Garnet72

Ich habe ihn schon vorher sehr geschätzt, auch als Antimilitaristen. Trotzdem ist es für mich hilfreich, mehr über ihn zu erfahren.

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@Machtnix53

Dachte ich mir auch - so wie ich dich anhand deiner Antworten und Kommentare kennenlernen durfte! Habe allerdings von meinen Großeltern nicht nur viele Kästner Romane, Gedichtsammlungen, etc. "geerbt", sondern auch einige interessante Bücher zu Kästners Werk, wie z.B. Werner Schneyders "Kästner. Ein brauchbarer Autor"...

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@Garnet72

Könntest du mir noch evtl die Quelle von dem Rundfunk interview aus 1969 schicken ? Finde es nich DANKE

Mit freundlichen Grüßen

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