Wie ist in der Theorie von Thomas Hobbes der Übergang vom Naturzustand zum Gesellschaftszustand?

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2 Antworten

Das mit dem Naturzustand ist evtl. eine Verwechselung mit Rousseau. Für Hobbes war der Mensch ein gesellschaftliches Wesen, das nur in der Gruppe, in der Gesellschaft überleben kann. Menschen wollen wie alle Lebewesen erst mal „überleben“. Dazu entwickeln sie Strategien und ein uralter Erkenntnisgrundsatz ist (in alten Mythen erhalten), dass Menschen nur miteinander, als Gemeinschaft überleben können. Das Gute UND das Böse sind im Menschen angelegt. Dass der Mensch von Natur aus böse und egoistisch wäre, ist eine überzogene Interpretation der Hobbesschen Position. Böse ist der Mensch, wenn er das Bewusstsein seiner Mitmenschlichkeit verliert und nur noch sich selbst und seine Interessen durchsetzt auf Kosten anderer. Diese zerstörerische Anlage in Kontrolle zu halten, wurde in frühen Menschengruppen bereits eine rigide Moral aufrechterhalten, gründen später Menschen einen Staat mit Regeln für alle.

Auch Hobbes lebt nicht unberührt von seiner gesellschaftlichen Umgebung. Um ihn und seine teils pessimistische Einstellung zu verstehen, muss man sich die Zeit anschauen, in der (1588 - 1679) Hobbes lebte. In Frankreich waren die Hugenottenkriege, in England herrschte Bürgerkrieg und in Deutschland der 30jährige Krieg. Allein in Deutschland kam mehr als die Hälfte der Bevölkerung ums Leben, teils auf grausamste Art. Es gab keine Sicherheit, es herrsche Denunziation, Folter und Willkür. Über die Verhältnisse damals in London z.B. berichtet THE BEGGARS OPERA, die später Bert Brecht als DREIGROSCHENOPER nachdichtete. Ausschlaggebend war der moralische Verfall der herrschenden Eliten. Ein Spruch sagt: Der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn die Eliten beginnen, Recht und Gesetz zu vernachlässigen, setzt sich diese „gesellschaftliche Krankheit“ fort bis in die kleinste Hütte.

Hobbes sah in dieser überall herrschenden Willkür und Gewalt nur den Ausweg eines neuen, strengen, von allen Bürgern getragenen Gesetzes. Gleichzeitig war er sich sicher, dass ein solcher Staat in den Händen der Menschen ebenfalls evtl. nicht beherrschbar war. Das sollte sich 100 Jahre später in der Französischen Revolution bestätigen, wo sich die Bürger zwar von der Tyrannei des Adels befreiten, doch mit hohem Blutzoll. Auch der Retter "Staat" kann in seiner Allmacht wieder zum Leviathan werden, zum bürgerfressenden Ungeheuer, das der Bürgerkontrolle entgleitet.

Außer "Hobbes" kannst Du auch "Leviathan" googeln und Du findest einen alten semitischen Mythos, der auch im alten Testament erzählt wird. Da heißt es:

"Da jegliches menschliche Mühen vor einem derartigen Ungeheuer zuschanden werden muss (Hi 3,8 EU), bleibt es Gott selbst vorbehalten, am Ende der Zeit den Leviathan zu besiegen." Hi steht für Buch Hiob.

Und weiter heißt es ausdrücklich zu Hobbes:

"Das mythologische Ungeheuer hat Thomas Hobbes zum Titel seiner berühmten staatsphilosophischen Schrift Leviathan (1651) angeregt, in der die von Hobbes postulierte Allmacht des Staates mit der Unbezwingbarkeit des biblischen Ungeheuers verglichen wird."

Dazu gibt es auch danach noch jede Menge historische Beispiele und wenn man den Eifer anschaut, mit dem schon wieder neue Systemerlöser künden, dass Sie allein die Rettung der Welt im Kopf haben, kann man erahnen, was kommt.

celinaaaaaa 28.09.2015, 22:28

Vielen Dank !! Es hat mir sehr geholfen.

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Den Naturzustand und den Übergang vom Naturzustand zum Gesellschaftszustand behandelt vor allem Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 13 – 18. Thomas Hobbes versucht eine rationale Ableitung der Notwendigkeit des Staates durchzuführen. Um aus dem Naturzustand herauszukommen und Frieden herzustellen, ist ein Staat notwendig.

1) Naturzustand

Thomas Hobbes geht es nicht darum, wann und wo der Naturzustand tatsächlich gewesen ist, sondern er will die Eintrittsbedingungen in den Gesellschaftszustand verdeutlichen. Der Naturzustand ist für ihn als theoretisches Modell wichtig.

Thomas Hobbes beginnt bei den einzelnen Individuen. Er stellt eine egoistische Nutzenmaximierung als wesentlich dar. Das Streben nach Selbsterhaltung ist grundlegend und schließt nach seiner Auffassung die Bereitschaft ein, alle zur Verwirklichung dieses Ziels erforderlichen oder förderlichen Mittel zu erhalten und anzuwenden. Thomas Hobbes erklärt das menschliche Handeln insgesamt durch ein bindungsloses (keiner normativer Einschränkung unterliegendes) Eigeninteresse (es kann soziale Regungen einschließen, muß es aber nicht). Alle wünschen ihr Wohlergehen, streben nach Zufriedenheit durch Annehmlichkeiten und haben die gleichen Leidenschaften.

Thomas Hobbes hält die Menschen für grundsätzlich gleich, weil jeder jeden töten kann. Der Unterschied der körperlichen und geistigen Fähigkeiten ist nicht so groß, dies zu verhindern, da List und Zusammenarbeit mit anderen Menschen möglich sind.

Jeder hat nach der Theorie von Hobbes ein natürliches Recht auf alles, was er für seine (gegenwärtige und zukünftige) Selbsterhaltung für nützlich hält.

Thomas Hobbes meint nicht, alle Menschen seien durch und durch schlecht/böse. Von Natur aus haben die Menschen Anlagen zu Gutem und Schlechtem. Aber er ist der Auffassung, es müsse mit einem schlimmen (andere schädigenden) Verhalten der Menschen gerechnet werden. Der Naturzustand ist nach seiner Darstellung von Mißtrauen, Furcht und Unsicherheit geprägt.

Hobbes erwähnt Gerechtigkeit, Liebe und andere Tugenden des Friedens. Im Naturzustand sind die Menschen aber aufgrund der Verdorbenheit der Schlechten genötigt, schon allein zum Schutz zu den kriegerischen Verhaltensweisen Gewalt und List Hilfe nehmen zu müssen, der Raubsucht wilder Tiere. Es herrscht Krieg aller gegen alle (bellum omnium in omnes).

In der Widmung zu seinem Werk De cive erklärt Thomas Hobbes:

„Profecto utrumque vere dictum est, homo hominis deus est, et homo homini lupus est: Illud si concives inter se, hoc si civitates comparemus.”

„To speak impartially, both sayings are very true; That Man to Man is a kind of God; and that Man to Man is an arrant Wolfe. The first is true, if we compare Citizens amongst themselves; and the second, if we compare Cities."

„Nun sind sicherlich beide Sätze wahr: Der Mensch ist für den Menschen ein Gott, und: Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf; jener, wenn man die (Mit-)Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“

Ohne staatliche Ordnung befinden sich Menschen in einem Naturzustand. Konkurrenz, Mißtrauen und Ruhmsucht prägen das Verhalten. Diese Konfliktursachen veranlassen Menschen zu Übergriffen um eines Vorteils wegen, zum Erreichen von Sicherheit und zur Erhöhung des eigenen Ansehens. Leidenschaften, Gier und rationale Vorsorge lassen dabei aggressives Verhalten nach der Überzeugung vom Thomas Hobbes erforderlich werden. Die Menschen müssen um ihr Leben fürchten, wünschen aber persönliche Sicherheit.

Albrecht 01.10.2015, 04:01

2) Übergang zum Gesellschaftszustand

Menschen erkennen, daß es nützlicher ist (rationale Kalkulation), auf zueinander stark in Widerstreit liegende unbegrenzte natürliche Rechte zu verzichten und sich mit dem zufriedenzugeben, was man anderen zuzugestehen bereit ist. Dies ist günstiger für das eigene Überleben und das Genießen von Annehmlichkeiten. Um der Selbsterhaltung willen schließt, wenn die anderen, mit denen jemand in einem Gebiet zusammenlebt, auch ihrerseits dazu bereit sind (Prinzip der Gegenseitigkeit), jeder mit jedem einen Vertrag. Die Individuen übertagen ihre Rechte einem Souverän. Das Recht auf Selbsterhaltung bleibt dabei den einzelnen Menschen.

Es wird ein Staat gegründet und die Macht einem Souverän gegeben, der die Aufgabe hat, Neigungen zu gierigem und gewalttätigen Verhalten durch Furcht unter Kontrolle zu nehmen und niederzuhalten, Frieden herzustellen, Konflikte einzudämmen und Schutz zu bieten.

Hobbes hält Sicherheit und damit Freiheit nur im Rahmen staatlich verfaßter Ordnung für möglich, da nur innerhalb des Staates die Garantie von Rechten überhaupt denkbar ist.

Das natürliche Gesetz nach Auffassung von Thomas Hobbes ist eine aufgrund eines allgemeinen Grundsatzes verbindliche Vorschrift oder allgemeine Regel, welche die Vernunft/der Verstand lehrt, nach der niemand etwas unternehmen soll, was er als schädlich für sich selbst erkannt hat.

Das grundsätzliche natürliche Gesetz ist, nichts sich selbst Schädigendes zu tun. Zur Überwindung des Kriegs aller gegen alle in einem fiktiven und abstrakten Naturzustand werden 2 oberste natürliche Gesetze aufgestellt:

1) Frieden suchen und, wenn keiner kommt, nach anderen Mitteln der Selbsterhaltung suchen

2) auf das Recht auf alles verzichten, sofern dies auch die anderen tun, und so viele Freiheiten einräumen, wie sie haben wollen (um mit dem Abgeben von Rechten andere Vorteile zu bekommen)

Der Gesellschaftsvertrag ist zugleich ein Unterwerfungsvertrag (Unterwerfung unter den Souverän). Denn bei Hobbes stellt sich mittels eines auf Interessen reduzierenden Ansatzes nur die Alternative, den Naturzustand zu verlassen und in den Gesellschaftszustand einzutreten oder dies nicht zu tun. Ist der Eintritt einmal erfolgt, gibt es keine Optionen (Wahlmöglichkeiten) mehr, sondern nur noch Gehorsam als Ermöglichungsbedingung der Nutzenmaximierung.

Ein Stück weit verständlich werden die Betonung der Sicherung der Selbsterhaltung und die Niederhaltung durch einen Souverän in einem Staat durch die Kriege und Bürgerkriege mit politischen, gesellschaftlichen und religiösen (insbesondere Gegensatz von Konfessionen) Motiven, die sich zur Lebenszeit von Thomas Hobbes in England und anderen Staaten Europas ereignen.

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