John Stuart Mill: Quantität und Qualität von Freunden?

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1 Antwort

Die Begriffe »Quantität« und »Qualität« haben allgemein folgende Bedeutungen:

Quantität (lateinisch: quantus/quanta/qantum = wie groß, wie viel/wieviel; quantitas = Größe, Anzahl, Menge) ist die mengenmäßige Bestimmtheit von etwas. Quantität bezeichnet Menge, Anzahl, Umfang, Ausmaß, Größe.

Die Kategorie der Quantität bestimmt etwas allein unter dem spezifischen Gesichtspunkt des Wieviel/einer Größenangabe, während alle anderen denkbaren Gesichtspunkte außer Acht bleiben. Quantität ist ein Merkmal von Dingen und damit in gewissem Sinn auch eine Qualität. Dabei beschränkt sich das Erfassen aber eben auf den Gesichtspunkt von Größenangaben. Dinge, die eine Größe haben, können gezählt bzw. gemessen (mit Zahlen und Maßeinheiten) werden.

Qualität (lateinisch: qualis/quale = wie beschaffen, von welcher Art, welcherlei, was für ein(e); qualitas = Beschaffenheit, das Verhältnis, die Eigenschaft) ist die Beschaffenheit von etwas.

Die Kategorie der Qualität bestimmt etwas unter allen möglichen Gesichtspunkten. Die Bestimmung gibt Merkmale an, in Bezug auf die sich Dinge in einem Vergleich als ähnlich oder nicht ähnlich darstellen können.

Meiner Vermutung nach ist eher an die Quantität und Qualität von Freuden (englisch: pleasures) in der von John Stuart Mill vertretenen utilitaristischen Ethik als an an die Quantität und Qualität von Freunden (englisch: friends) gedacht.

A) Freunde

Quantität von Freuden ist die Anzahl der Freunde. Qualität von Freunden ist die Beschaffenheit der Freunde. In Bezug auf das Freundschaftsverhälnis kann jemand als „enger Freund“, „guter Freund“ oder „bester Freund hervorgehoben werden. Es kann eine Einschätzung vorkommen, wie angenehm, nützlich, zuverlässig, vertrauenswürdig oder inspirierend ein Freund ist. Qualität von Freunden kann sich auf alle möglichen Eigenschaften beziehen, die Freunde haben.

B) Freuden

In der von John Stuart Mill vertretenen utilitaristischen Ethik geht es unter dem Gesichtspunkt des Nutzens um die Folgen von Handlungen (Konsequentialismus). Der Nutzen wird als Glück bestimmt und dieses als Lust bzw. Freude, Vergnügen, Annehmlichkeit, Gefälliges oder Ähnliches (Hedonismus; von griechisch ἡδονή = Lust, Freude, Vergnügen, Genuß).

Während sein Vorgänger Jeremy Bentham einen rein quantitativen Hedonismus vertreten hat, gibt es bei John Stuart Mill auch einen qualitativen Hedonimus.

Bei einem rein quantitativen Hedonismus ist allein die Quantität der Lust (bzw. die Quantität in der Bilanz von Lust/Freude/Vergnügen und ihr entgegengesetzter negativer Empfindung von Unlust/Schmerz/Leid) für die Beurteilung einer Handlung ausschlaggebend.

Bei einem qualitativen Hedonismus spielt für die Beurteilung einer Handlung zusätzlich die Qualität von Lust/Freude/Vergnügen eine Rolle, nicht allein die Menge/das Ausmaß des Empfindungsglücks. Qualitativer Hedonismus nimmt qualitative Unterscheidungen bei den Arten von Lust/Freude/Vergnügen vor und beurteilt bestimmte Arten als wünschenswerter und wertvoller. Bei den Arten von Lust/Freude/Vergnügen gelten in der Beurteilung, welche Handlung gut und moralisch richtig ist, nicht alle Arten von Lust/Freude/Vergnügen als gleichrangig (allein das Ausmaß der Lust zählt), sondern bestimmte Arten von Lust/Freude/Vergnügen bekommen eine Vorzugsstellung.

John Stuart Mill hat in die utilitaristische Ethik zusätzlich zu quantitativen Unterschieden auch qualitative Unterschiede als Gesichtspunkte für die Beurteilung/Bewertung eingeführt. Nach Auffassung von Mill können nicht nur quantitative Unterschiede (Menge/Ausmaß des Glücks/der Lust/der Freude) in der Beurteilung eine Rolle spielen, sondern auch qualitative Unterschiede (die Beschaffenheit), wobei bestimmte Arten von Glück/Lust/Freude als wünschenswerter/höher/höherrangiger/wertvoller und weniger wünschenswert/niedriger/geringerrangige/weniger wertvoll beurteilt werden.

John Stuart Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:

„It is quite compatible with the principle of utility to recognise the fact, that some kinds of pleasure are more desirable and more valuable than others. It would be absurd that while, in estimating all other things, quality is considered as well as quantity, the estimation of pleasures should be supposed to depend on quantity alone.“

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 15:  

„Die Anerkennung der Tatsache, daß einige Arten der Freude wünschenswerter und wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre unsinnig anzunehmen, daß der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität abhängen sollte, wo doch in der Wertbestimmung aller anderen Dinge neben der Quantität auch die Qualität berücksichtigung findet.“

Ein wichtiger Gesichtspunkt ist, was gut urteilsfähige Menschen bevorzugen, als das ihren Fähigkeiten entsprechende Glück. Urteilsfähigkeit wird bei der Gewichtung von Lust/Freude einbezogen. Menschen empfinden bei erfolgreicher Verwirklichung und Bestätigung ihrer Fähigkeiten Glück. John Stuart Mill beurteilt bei der Lust/Freude diejenige von zweien für wünschenswerter und wertvoller, die von allen oder fast allen, die beide erfahren haben - ungeachtet des Gefühls, eine von beiden aus moralischen Gründen vorziehen zu müssen - entschieden bevorzugt wird. Wer aufgrund von Erfahrung die besten Vergleichsmöglichkeiten hat, entscheidet, indem er etwas bevorzugt, was wünschenswerter ist. Menschen heben sich nach Mills Auffassung durch ihre Vernunftbegabung von anderen Lebewesen ab.

John Stuart Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:

„If I am asked what I mean by difference of quality in pleasures, or what makes one pleasure more valuable than another, merely as a pleasure, except its being greater in amount, there is but one possible answer. Of two pleasures, if there be one to which all or almost all who have experience of both give a decided preference, irrespective of any feeling of moral obligation to prefer it, that is the more desirable pleasure. If one of the two is, by those who are competently acquainted with both, placed so far above the other that they prefer it, even though knowing it to be attended with a greater amount of discontent, and would not resign it for any quantity of the other pleasure which their nature is capable of, we are justified in ascribing to the preferred enjoyment a superiority in quality so far outweighing quantity as to render it, in comparison, of small account.“

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 15 – 16:  

„Fragt man mich nun, was ich meine, wenn ich von der unterschiedlichen Qualität von Freuden spreche, und was eine Freude – bloß als Freude, unabhängig von ihrem größeren Betrag – wertvoller als eine andere macht, so gibt es nur eine mögliche Antwort. Von zwei Freuden ist diejenige wünschenswerter, die von allen oder nahezu allen, die beide erfahren haben - ungeachtet des Gefühls, eine von beiden aus moralischen Gründen vorziehen zu müssen - entschieden bevorzugt wird. Wird die eine von zwei Freuden von denen, die beide kennen und beurteilen können, so weit über die andere gestellt, daß sie sie auch dann noch so viele andere Freuden, die sie erfahren könnten, nicht eintauschen möchten, sind wir berechtigt, jener Freude eine höhere Qualität zuzuschreiben, die die Quantität so weit übertrifft, daß diese im Vergleich nur gering ins Gewicht fällt.“

Neben körperlich-sinnlichen Lüsten/Freuden nennt Mill auch Tätigkeit des Verstandes, des Empfindens, der Vorstellngskraft/Phantasie und des moralischen Gefühls. Höherrangig als z. B. Essen und Sex (die von ihm als angenehm anerkannt bleiben) ist nach Mills Meinung z. B. der Besuch eines schönen Konzerts, das Lesen eines guten Buches und die Anerkennung und innere Freude schöpferischer und sozialer Tätigkeiten.

Seiner Meinung nach ist es berechtigt, einer von allen mit Urteilsfähigkeit und Erfahrung mit ihr stark bevorzugten Freude eine höhere Qualität zuzuschreiben. Diese übertreffe bei der Bewertung weitaus eine Freude, die eine größere Quantität (Menge der Lustempfindung) hat, aber qualitatib strak unter die andere gestellt wird. Es sei nun aber eine unbestreitbare Tatsache, daß diejenigen, die mit beiden gleichermaßen bekannt sind und für beide gleichermaßen empfänglich sind, der Lebensweise entschieden den Vorzug geben, an der auch die höheren Fähigkeiten beteiligt sind. Mill wendet sich dagegen, die Begriffe Glück (happiness) und Zufriedenheit (content) zu vermengen. Wesen mit höheren Fähigkeiten seien nicht so leicht voll zufriedenzustellen und hätten stets das Gefühl, alles erwartbare Glück sei unvollkommen.

John Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:  

„Whoever supposes that this preference takes place at a sacrifice of happiness - that the superior being, in anything like equal circumstances, is not happier than the inferior - confounds the two very different ideas, of happiness, and content. It is indisputable that the being whose capacities of enjoyment are low, has the greatest chance of having them fully satisfied; and a highly endowed being will always feel that any happiness which he can look for, as the world is constituted, is imperfect. But he can learn to bear ist imperfections, if they are at all bearable; and they will not make him envy the being who is indeed unconscious of the imperfections, but only because he feels not at all the good which those imperfections qualify. It is better to be a human being dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are a different opinion, it is because they only know their own side of the question. The other party to the comparison knows both sides.“

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 17 – 18:  

„Wer meint, daß diese Bevorzugung des Höheren ein Opfer an Glück bedeutet – daß das höhere Wesen unter den gleichen Umständen nicht glücklicher sein können als das niedrigere - , vermengt die zwei durchaus verschiedenen Begriffe des Glücks [happiness] und der Zufriedenheit [content]. Es ist unbestreitbar, daß ein Wesen mit geringerer Fähigkeit zum Genuß die besten Aussichten hat, voll zufriedengestellt zu werden; während ein Wesen von höheren Fähigkeiten stets das Gefühl haben kann, daß alles Glück, das es von der Welt, wie sie beschaffen ist, erwarten kann, unvollkommen ist. Aber wenn diese Unvollkommenheiten überhaupt nur erträglich sind, kann es lernen, mit ihnen zu leben, statt die andern zu beneiden, denen diese Unvollkommenheiten nur deshalb nicht bewußt sind, weil sie sich von den Vollkommenheiten keine vorstellung machen können, mit denen diese verglichen werden. Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten.“

Dieter Birnbacher, Utilitarismus. In: Handbuch Ethik. 3., aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 98 – 99:  

„John Stuart Mill, der von seinem Vater streng im Geist Benthams erzogen worden war, hat sich diesem Einfluss als Erwachsener ein Stück weit entzogen und die Radikalität der Bent’hamschen Utilitarismus abgemildert, zugleich aber auch dessen Konturen verunklart. Während Bentham das zu seiner Zeit vorherrschende Denken mit beißendem Spott geißelt, geht es Mill (ähnlich wie später Sidgwick und Hare) primär um den Aufweis von Kontinuitäten zwischen Utilitarismus und Alltagsmoral. Mill bemüht sich, die utilitaristische Ethik in einem Licht darzustellen, das sie unabhängig von jeder besonderen Weltanschauung und insbesondere auch für Anhänger christlicher Grundsätze akzeptabel macht. Die wichtigste Revision betrifft den Hedonismus. Während Bentham sinnliche und geistige Lust gleich gewichtet, führt Mill zusätzlich eine qualitative Wertdimension ein, die es erlauben soll, «höheren» Freuden auch dann einen höheren Rang zuzuordnen, wenn sie den «niederen» an Dauer und Intensität unterlegen sind. Angelehnt an Platons Staat wird das Qualitätsurteil denjenigen überlassen, die über hinreichend vielfältige Erfahrungen verfügen, um die Qualitäten verschiedener Arten von Lust miteinander vergleichen zu können.“

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