In welcher Zeitform schreiben, um Spannung zu erzeugen?

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Präteritum 100%
Perfekt 0%
Präsens 0%

3 Antworten

Präteritum

Die meisten Romane sind tatsächlich im Präteritum geschrieben. Ich persönlich finde, es ist die beste Zeitform, um etwas zu erzählen - geschuldet der einstigen Lagerfeuerromantik, an dem sich Menschen Geschichten erzählten. Erzählungen, die lange her waren, die in den Erinnerungen fortleben und die eine tragende Bedeutung und Botschaft haben. Das alles drückt das Präteritum am besten aus.

Außerdem ist das Präteritum die einfachste zu beherrschende Zeitform und die, in der man am leichtesten konsequent bleiben kann. Wie oft habe ich schon Geschichten von Möchtegerns gelesen, die einfach zwischen den Zeitformen hin- und herspringen - das zerstört den ganzen Lesefluss und normalerweise lese ich so einen Dreck dann auch nicht weiter. Den meisten relativ unerfahrenen Autoren, die im Präsens schreiben wollen, passieren diese wirklich dummen Fehler immer wieder. Deshalb als Anfänger Finger weg vom Präsens! Und auch von der Perspektive des Ich-Erzählers sollte man als Anfänger besser die Finger lassen.

Im Perfekt schreibt übrigens niemand. Das Perfekt ist eine untergeordnete Zeitstufe des Präsens, das man in einer Geschichte, die eben im Präsens geschrieben wurde, benutzt, um Vergangenes darzzustellen oder Abläufe zu schildern. Genauso wird beim Präteritum als vorrangige Zeitstufe das Plusquamperfekt als untergeordnete Zeitstufe benutzt.


Wie erzeugt man nun Spannung?

Das geht jedenfalls nicht über die Zeitform. Natürlich erweckt das Präteritum den Eindruck, das Erzählte sei schon längst geschehen und der Ausgang stehe deshalb fest, während das Präsens voller alternativen Möglichkeiten im Handlungsverlauf steckt - das ist aber nur eine Illusion für den Leser. Ein im Präteritum geschriebens Buch kann genauso überraschen wie ein im Präsens geschriebenes Buch.

Spannung erzeugst du auf verschiedene Weisen und Techniken, die man leicht erlernen kann: Dazu musst du viel lesen und dir von anderen Autoren abschauen, wie die das machen - Die Wortwahl, die Satzstellung, die Klangfarbe der Worte - das alles spielt beim Spannungsaufbau eine Rolle.

Gerade an den spannendsten Stellen wählt der Autor die Worte, die er benutzt, sehr sorgfältig aus. Schon mit dem Klang eines Wortes lässt sich Spannung erzeugen: eine Figur darf an der spannenden Stelle die Schritte einer anderen Figur nicht nur hören. Arbeite mit Bildern und Metaphern! Die Schritte müssen knirschen, oder sie müssen stapfen, sie müssen Emotionen wecken. Schon jeder Schritt muss tief im Empfinden des Lesers spürbar sein. Arbeite mit allen Sinnen und Gefühlen: Beschreibe Gerüche, beschreibe sich aufstellende Haare, beschreibe Angst, beschreibe Kälte oder Wärme. Lass die Herzfrequenz und den Puls soohl deiner FIgur als auch deines Lesers steigen, deshalb müssen die Sätze kurz und prägnant sein - und am Ende kommt dann ein ganz plötzlicher Knall und das Kapitel ist zu Ende (Cliffhanger).

Ein Beispiel aus einem meiner eigenen Bücher:


Das Monster hatte sie entdeckt, kreischte gellend auf und stürmte auf sie zu. Diese  Tiere waren so ungeheuer schnell, schneller noch als ein Rennpferd, kam es Marie vor. Ihr ganzes Leben schien an ihren Augen vorbeizuziehen, als sie der gewaltige Stoß gegen den Baumstamm, hinter dem sie gekauert hatte, in den Schlamm warf.

So schnell sie konnte versuchte sich Marie wieder aufzurappeln, doch ihre Füße wollten auf dem nassen Laub und all dem Schlamm keinen Halt finden. Ein weiterer Stoß, diesmal direkt in ihren Rücken, brachte sie erneut zu Fall. Sie konnte nur noch ein verzweifeltes Keuchen ausstoßen, dann klatschte sie auch schon bäuchlings in den Schlamm und schluckte einen ganzen Mund voller Matsch und Dreck. Marie hustete und würgte.

Doch einen Wimpernschlag später konnte sie das schon nicht mehr. Das Raubtier nagelte sie mit dem Fuß auf dem Boden fest, so heftig und mit einer solchen Gewalt, dass Marie die Luft nun ganz weg blieb. Die scharfen Krallen an dem vogelähnlichen Fuß rissen ihr den Rücken auf und die Fließjacke herunter, als wäre sie ein Papiertaschentuch.

Marie spürte warmes Blut an ihrer Seite, das den Rücken herunterlief. Den stechenden Schmerz spürte sie erst eine Sekunde später, doch er kam so plötzlich und brannte sich so heiß in sie hinein, dass sie Sterne sah. Einen Augenblick nur gestattete sich Marie ein weiteres Keuchen, bevor sie beschloss, dass es einfacher wäre, nun nicht mehr zu Atmen.

Jetzt würde sie jeden Augenblick sterben. Das Gewicht des Ungeheuers auf ihrer Schulter spürte sie gar nicht mehr. Marie begann, den Schmerz zu umarmen. Gleich würde es vorbei sein. Sie spürte den warmen Atem des Monsters in ihrem Nacken, auf den gerade ein dicker Tropfen stinkender Speichel gefallen war. Der faulig süße Hauch eines Raubtieres umnebelte sie. Irgendwie kam es Marie vor, als würde ihr das alles gar nicht wirklich selbst passieren. Vielleicht starb ja gerade jemand anderes, und sie sah nur dabei zu.

Doch sie wollte nicht mehr zusehen.

Maries Augen verdrückten die letzte Träne.

Danach schlossen sie sich.

Präteritum

Die allgemeine Erzählzeit ist das Präteritum. Die meisten Bücher und vor allem die meisten guten Bücher sind in dieser Zeitform verfasst.

Du bist Autor und du wählst die Zeitform, die dir für deine Geschichte richtig erscheint.

Spannung baut man keinesfalls über die Zeitform auf. Ich empfehle dir einen Schreibratgeber für Autoren (Belletristik)

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