Mir fällt immer wieder auf, dass Konflikte im sogenannten „Orient“ oder in Afrika oft so dargestellt werden, als wären sie hauptsächlich hausgemacht oder Ausdruck von „Instabilität“. Aber wie fair ist diese Sicht eigentlich?
Viele heutige Staaten wurden durch europäische Kolonialmächte ohne Rücksicht auf ethnische, religiöse oder kulturelle Strukturen gezogen – ein klassisches Beispiel ist das Sykes-Picot-Abkommen. Dabei wurden teils völlig unterschiedliche Völker in einen Staat gezwungen, während andere Gruppen künstlich getrennt wurden.
Ein Beispiel: In Nigeria leben über 250 ethnische Gruppen, darunter große religiöse Spannungen zwischen Muslimen im Norden und Christen im Süden. Diese Konstellation entstand nicht „natürlich“, sondern wurde durch koloniale Grenzziehungen verstärkt.
Oder die Kurden: Ein Volk von über 30 Millionen Menschen, das bis heute keinen eigenen Staat hat, sondern auf Länder wie Türkei, Irak, Iran und Syrien verteilt ist – ebenfalls eine direkte Folge geopolitischer Entscheidungen externer Mächte.
Man könnte es überspitzt so vergleichen:
Was wäre, wenn man Länder in Europa einfach so ziehen würde, dass Deutsche, Dänen, Italiener und Polen in einem Staat leben – ohne gemeinsame Geschichte, Sprache oder politische Struktur – und dann erwartet, dass alles stabil läuft?
Gleichzeitig wurden viele ethnische Gruppen voneinander getrennt, was kulturelle Identitäten schwächt und Konflikte zusätzlich verschärft.
Und trotzdem entsteht oft der Eindruck, als würde man heute von außen auf diese Regionen schauen und sich wundern, warum „es dort nicht funktioniert“ – ohne die historische Verantwortung ernsthaft mitzudenken.