Besch..en für einen Hungerlohn und auf Kosten deiner eigenen Gesundheit. Ich habe nach dem Abschluss meines Studiums etwa ein Jahr lang in Deutschland gearbeitet und bin dann aufgrund der absolut unwürdigen Bedingungen in die Schweiz ausgewandert.
In der Neurologie/Inneren Medizin hast du als frischer Assistenzarzt erstmal nur Stationsarbeit, d.h. du beginnst um 7 Uhr und hast offiziell um 16 Uhr Feierabend (1h Stunde Pause wird pauschal von der Klinik zum Beschönigen der Arbeitszeiten abgezogen, nehmen kannst du diese jedoch nicht/kaum). Je nach Haus und Organisation inkl. Aufgabenverteilung (Was ist ärztliche Aufgabe und was kann delegiert werden) kommst du mit 1-5 Überstunden täglich raus (Anm.: um einigermaßen "pünktlich" rauszukommen, musst du wahrhaftig durch den Tag hetzen). Nach wenigen Wochen rotierst du zusätzlich immer mal wieder in die Notaufnahme, wo nach Dienstschluss eine Ablösung kommt (wenn ein Patient kurz vor Dienstschluss noch versorgt werden muss, musst du diesen natürlich fertig machen. Und in deutschen Notaufnahmen gibt es immer Patienten... -> Überstunden fallen auch hier an, halten sich aber in Grenzen). Je nach Organisation gibt es eventuell am Wochenende noch einen Dienstarzt für die Stationen und/oder Intensivstation, ggf. bist du aber auch als Berufsanfänger für alle drei verantwortlich. Nachts bist du so gut wie überall für ZNA + Station da.
24-Stundendienste gibt es in den Fächern nicht. Geht auch kaum, weil man nicht schlafen/sich ausruhen darf. Die Dienstverteilung könnte z.B. so aussehen:
Woche 1: Mo-Fr Stationsdienst und Sa+ So Nachtdienst in der ZNA; Woche 2: Mo-Fr Stationsdienst, WE frei; Woche 3 wie Woche 1 und Woche 4 wie Woche 2. Wenns doof läuft hat man Fr auch mal von 7-15 Uhr Stationsdienst (offizieller Schluss) und kommt am selben Tag zum Nachtdienst... Ausgleichstage gibt es nicht. Man hat also nur jedes zweite Wochenende frei ohne Ausgleichstage.
Statt Stationsdienst unter der Woche kann man natürlich auch in der ZNA Frü-/Spät-/Nachtdienst haben und am Wochenende ebenso Früh- oder Spätdienst.
Du arbeitest also wirklich viel, in Deutschland kommst du locker auf 60h/Woche. Da viele Kliniken mit finanziellen Problemen kämpfen, suchen sie nach Wegen, wie sie die Zeiten nicht bezahlen müssen. Nachtdienste werden gerne mal nur als Bereitschaftszeit anteilig bezahlt (z.B. 25-50%), obwohl du durchweg arbeiten musst und nicht schlafen/ruhen darfst (vom Arbeitgeber festgeschrieben). Nach einem Nachtdienst bekommst du dann für deine "fehlende" Tagarbeit 8h von deiner Arbeitszeit abgezogen, machst also trotz voller Arbeitszeit Minusstunden. Am Ende kommst du also trotz zahlreicher Überstunden sowie Zusatzdiensten am Wochenende ggf. mit Minusstunden raus, weshalb dir dann evtl. nicht dein volles Gehalt gezahlt wird.
Mehr Personal einstellen? Zu teuer. Die Kliniken können sich kaum noch reguläres Personal leisten. Eine Bekannte ist im letzten Winter mit dem Studium fertiggeworden, sie möchte Allgemeinmedizin machen (Allgemeinmedizin wird vom Staat gefördert und der Staat erstattet den Arbeitgebern sowohl das Gehalt eines allgemeinmedizinischen Assistenzarztes voll (d.h. inkl. Arbeitgeberaufwände) sowie einen weiteren Betrag für die Betreuung, weshalb Allgemeinmediziner als "kostenlose" Arbeitskräfte gelten - trotzdem sucht sie vergeblich eine Stelle, weil die Kliniken "voll" unterbesetzt sind - und vermutlich ohnehin schon nahezu ausschließlich Allgemeinmediziner beschäftigen...). Sie hat sich sowohl in der Inneren als auch Chirurgie beworben und das sind die beiden größten Fächer. Eine andere Bekannte möchte Derma machen und sucht seit über einem Jahr nach einer Stelle.
Im ambulanten Bereich sieht es nicht besser aus, weil sich nicht jeder einfach so niederlassen darf. Man benötigt einen Kassenarztsitz und alle existierenden sind bereits vergeben, d.h. müssen abgekauft werden. Und die kosten sehr viel Geld. Ein internistischer Sitz kostet z.B. um die 1 Mio - nur für den Sitz und ohne Paxis, ohne Ausstattung, ohne Personal, usw. In der Radiologie sind es mehrere Mio allein für den Sitz...
Hinzu kommt noch die Stimmung im Team. Im Krankenhaus unterirdisch. Dort darfst du nach Feierabend von jedem deiner 20 Patienten jegliche Daten (Vorgeschichte, Vorerkrankungen, bisherige Untersuchungen, jegliche bisher erhobene Laborwerte, Wohnadresse, Telefonnummer jeglicher Angehörigen Versicherung, usw. - also z.T. völlig irrelevante Informatioen) auswendiglernen, damit du nicht am Tag darauf von deinem Oberarzt vor versammelter Mannschaft inkl. Patienten zum Deppen gemacht wirst - auch wenn du das schon bist und er "trotzdem" einen Grund finden wird, dich runterzuputzen und dir zu erklären, warum du völlig ungeeignet für den Job wärst. Bei mir hatte damals min. ein Kollege täglich auf der Toilette geweint, einer hat sich sogar das Leben genommen. Reaktion der Klinik: er sei halt überfordert gewesen... Als Frau bist du im Klinikum rein gar nichts wert. Mein Chefarzt war der Ansicht, dass Frauen nur zum Wäsche machen, kochen und bl... was taugen - nicht aber als Ärztin. Und das forderte er auch ein.
Um die Facharztweiterbildung abzuschließen, musst du nicht nur eine gewisse Zeit in dem Fach gearbeitet haben, sondern auch eine gewisse Anzahl an Leistungen nachweisen (vom Chef unterschrieben). Realistisch schafft man diese kaum, weil man woanders "gebraucht" wird, richtige Ausbildung zu teuer ist und/oder (unbeliebte) Ärzt:innen nicht in die Funktion/den OP kommen. Man ist also vom Chef abhängig. Deshalb sagen viele nichts und lassen alles mit sich machen. Kollegialität gibt es ebenfalls kaum, jeder will nur den Facharzt schaffen - und das ist leichter, wenn man Kollegen schlecht machen kann.
Klagen? Vergiss es, wenn du nochmal einen Job bekommen willst. Nur so als Tipp von einer, die inzwischen vermutlich als "verbrannt" gilt, nur weil ich mich nicht vergewaltigen lassen wollte. Selbst wenn ich zurück wollen würde, würde ich vermutlich keine Stelle mehr bekommen. Es gibt große WhatsApp-Gruppen, wo alle neurologischen Chefärzte (sowas gibt auch von den Kardiologen) Deutschlands drinnen sind, meist zum Memes posten, ggf. aber auch um vor Ärzt:innen wie mir zu "warnen", die den Mund aufgemacht haben.