Was ist die Intention Goethe bei die leiden des jungen Werther?

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2 Antworten

Es ist nie der richtige Weg, nach der Intention des Autors zu fragen. Erstens kann es sein, dass diese Intention gar nicht auszumachen ist, zweitens kann es durchaus sein, dass die Intention des Autors durch den fertigen Text widerlegt wird. Ich bin mit einigen (teilweise recht berühmten) Autoren befreundet, die das nur bestätigen: es ist überhaupt nicht so, dass man eine Intention hat und diese Intention dann in Worte kleidet.  Das wäre antiliterarisch gedacht.

Die Frage nach der Autorintention soll eigentlich das Lesen des Werkes überflüssig machen - daher wohl eine beliebte Frage von angeblichen Pädagogen, die nichts von Literatur verstehen. Ich hoffe, du hast mit einem solchen Pädagogen nicht umzugehen...

Werther bestätigt diese Einsicht:

Goethe hat immer wieder gesagt, Werther solle ihn vom Selbstmord abbringen, indem die Figur Selbstmord begeht. Also Selbstmord per procura.

Nun: ist das eine Intention? Eher ein Zweck. Leider hat das verheerende Folgen gehabt auf das Leseverhalten auch der Profis (Germanisten), die das Buch immer wieder in Bezug auf Charlotte von Buff  "gelesen" - und alles ausgeschaltet haben, was nicht in diese Richtung geht.

Goethe bedient sich hier der Herausgeberfiktion, um den Leser etwas klüger zu machen. Gleich am Anfang heisst es, er lege das ganze Textmaterial vor und kommentiert: "...und weiß, daß ihr mir's danken werdet". 

Wofür soll man ihm denn danken?

Im zweiten Teil fährt er kommentierend fort:

"Was bleibt uns übrig, alsdasjenige, was wir mit wiederholter Mühe erfahren können, gewissenhaft zuerzählen, die von dem Abscheidenden hinterlaßnen Briefe einzuschalten und daskleinste aufgefundene Blättchen nicht gering zu achten; zumal da es so schwerist, die eigensten, wahren Triebfedern auch nur einer einzelnen Handlung zuentdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht gemeiner Art sind."

Damit hast du Entscheidendes: das Buch soll echten Lesern die Möglichkeit geben, verborgene Triebfedern (verborgene Bedeutungen bzw. Bedeutungsschichten) zu entdecken, d.h. zu er-lesen.

Es bleibt also die Aufgabe, das zunächst auf den Werther-Roman selbst  und dann eventuell selbsterkennend auf die eigene Person anzuwenden.

Das setzt aber voraus, dass man alle Elemente im Roman berücksichtigt, und nicht nur die, die im Sinne der Biographie (und was wissen wir denn Endgültiges von ihr?) in Frage kommen.

Zum Besipiel soll der erste Abschnitt ganz genau gelesen werden, was fast nie der Fall ist... Dumme Frage von mir: Wie kommt das, dass Werther jetzt "das Gegenwärtige genießen" will und nichts Besseres findet als sich in ein Mädchen zu verknallen, das bekanntlich "schon vergeben" ist?

Viel Spaß beim Lesen !

achwiegutdass 02.03.2017, 19:51

Herzlichen Dank für den Stern ! :)

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Ich glaube, die Intention ist folgende: Der junge Werther erkennt, dass die Welt voller unlösbarer Widersprüche steckt (hierzu zählt die Gesellschaft, die Liebe und andere Bereiche) und er bei sich nur wenig Möglichkeiten sieht, mit diesen Widersprüchen umzugehen. Da ihn keiner Ernst nimmt bzw. viele Menschen längst "blind" für diese Widersprüche geworden sind, verfällt er in Hilflosigkeit und ist machtlos. Mit dem Selbstmord zeigt Goethe eine von vielen Möglichkeiten auf, sich der Machtlosigkeit zu entziehen und die "letzte" Kontrolle wiederherzustellen bzw. "endlich" ernst genommen zu werden. Kurz gesagt: Die einen werden blind, die anderen entziehen sich der Welt. Die wenigsten lernen, bewusst mit den Widersprüchen zu leben.

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