Programmmusik im 19. Jahrhundert?

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1 Antwort

Programmusik gab es auch schon lange vor dem von Dir angegebenen Zeitraum, ich erinnere z.B. an die 4 Violinkonzerte „Le quattro stagioni“ (Die 4 Jahreszeiten) von Vivaldi oder das Quintettino C-Dur op. 30 Nr. 6 “La Musica notturna delle strade di Madrid” (Die Nachtmusik der Straßen von Madrid) von Boccherini.

Im 19. Jahrhundert entstanden in Deutschland unter den Komponisten zwei gegensätzliche Strömungen, die heftig miteinander rivalisierten: Die Vertreter einer mehr an der Tradition orientierten Richtung (mit Brahms als wichtigstem Komponisten) und die sogenannte Neudeutsche Schule (mit Liszt als Ausgangspunkt).

Die Traditionalisten legten in der Instrumentalmusik Wert auf sogenannte „absolute Musik“, also auf Musik, die nur den inneren Gesetzen dieser Kunst gehorcht, ohne sich auf außermusikalische Anregungen (Kunstwerke der Literatur oder Malerei, Naturschilderungen, philosophische Ideen usw.) zu beziehen.

Die Neudeutschen dagegen versuchten den Ausdrucksgehalt der Musik dadurch zu steigern, daß sie solche außermusikalische Programme als Vorlage nahmen und auch ausdrücklich benannten, sei es nur in der Überschrift oder aber in einem ausformulierten Text.

Interessanterweise bezogen sich beide Strömungen auf Beethoven als Vorbild: Die Vertreter der Absoluten Musik auf die meisten seiner Sinfonien sowie seiner Kammermusik, die Neudeutschen z. B. auf seine 6. Sinfonie F-Dur op. 68 („Pastorale“) und seine Konzertouvertüren (z. B. Coriolan- und Egmont-Ouertüre).

Zur Neudeutschen Schule (der Titel soll ausdrücken, daß die Mitglieder sich besonders fortschrittlicher Musik verpflichtet fühlten) gehören vor allem Liszt quasi als Initiator und Berlioz (der zwar Franzose war, der aber in Deutschland viel mehr Erfolg hatte als in seiner Heimat; Liszt war überzeugt, daß die geistige Heimat seines Freundes eigentlich in Deutschland liege).
Wagner, der für diese Strömung mindestens genauso wichtig war, brauchen wir im Rahmen unseres Themas nicht zu berücksichtigen, da er sich fast ausschließlich um das Musikdrama (also die Oper) kümmerte.
Außerdem hatten sie viele Weggefährten, die sich von ihnen inspieieren ließen.

Berlioz bezog sich (vor allem in seiner Symphonie fantastique) eher auf Beethovens 6. Sinfonie als Anregung und schuf mehrsätzige Programmsinfonien.

Liszt schuf viele einsätzige Werke der Programmusik, sogenannte Sinfonische Dichtungen. Vorbilder waren quasi die Beethoven-Ouvertüren (einsätzige Form), aber vor allem auch Belioz' Programmsinfonien. Dabei kam ihm seine umfassende Bildung zugute: Er holte sich seine Anregungen aus Literatur (Dante, Goethe, Schiller, Herder, Hugo, Shakespeare), Malerei und Geschichte.

Beide (Liszt und Berlioz) sowie ihre Nachfolger entfernten sich aber im Laufe der Zeit immer weiter von Beethoven und gingen eigene Wege, vor allem auch dadurch, daß sie durch eine besonders farbige Instrumentation die Ausdrucksmöglichkeiten des Orchesters enorm erweiterten. Einen Höhepunkt fand die Kunst der Instrumentation in dann in Richard Strauss' Sinfonischen Dichtungen.

Liszt als Vorbild regte in verschiedenen europäischen Ländern Komponisten zur Programmusik an (Böhmen, Rußland), Berlioz vor allem in Frankreich.

In Skandinavien entstand manche Programmusik eher unabhängig von diesen Traditionslinien.

Betont werden muß aber, daß viele Komponisten zwar stark von Liszt und Berlioz angeregt wurden, daraufhin aber sehr eigenständige Werke komponierten.

Das Bedürfnis zur Ausdruckssteigerung in der Romantik, das ja bereits erwähnt wurde, hängt damit zusammen, daß in der Romantik die Balance zwischen (architektonischer) Form und (subjektiv emotionalem) Ausdruck der Musik deutlich hin zu einem Primat des Ausdrucks verlagert wurde, während in der Wiener Klassik eine ausgewogene Balance zwischen Form und Ausdruck angestrebt und erreicht wurde.
Aber auch da gibt es Abstufungen: Die oben erwähnten Traditionalisten legten weiterhin großen Wert auf traditionelle Formen und versuchten sie nur auf vielfältige Weise zu erweitern und abzuwandeln; die Vertreter der Neudeutschen Schule dagegen legten ihren Schwerpunkt auf den Ausdruck und damit die Programmusik.

Im 19. Jahrhundert kam auch ein starkes Bedürfnis auf, verschiedene Künste miteinander zu verbinden (z. B. Musik mit Literatur oder Musik mit Malerei).
Negativ kann man formulieren: Bei den Vertretern der Programmusik war das Vertrauen auf die eigenständige Kraft der Musik geschwunden; deshalb wurden außermusikalische Anregungen zur Legitimation und Inspiration herangezogen.

So kann man zusammenfassend sagen:

Einerseits lag die Programmusik in der Romantik und besonders in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund des gesteigerten Ausdrucksbedürfnisses dieser Epoche quasi in der Luft.

Andererseits übten Liszt und Berlioz als Vorbilder eine ungeheure Strahlkraft auf ihre Kollegen aus.

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Kommentar von Merkantil
03.04.2016, 20:02

Dankeschön für Dein Danke und Deine positive Bewertung!

Es freut mich ja, wenn ich Dir etwas helfen konnte.

Wann ist denn Dein Vortrag, und in welchem Rahmen?

Dein Merkantil

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